Im Krieg

Carolina Bianchis Bewältigungsversuch sexualisierter Gewalt als Dantes Inferno.

Eroberungsfeldzüge, Unterdrückungsgebaren, Bandenausdehnungen. Ein Machtmittel ist allen gemein: Die Vergewaltigung der Frau bis zum Tod. Verbreitet in Mythologie, Kunst, Fantasien erscheint es nahe einer Zwangsläufigkeit, wogegen Carolina Bianchi in einem Akt krampfhafter Gegenwehr ein Wort sucht, das gewaltsamer ist als die Tat. Je tiefer sie sich in einer Mischung aus akademischer Analyse und emotional betroffenem Ergründen mit diesem Komplexkoloss auseinandersetzt, desto überwältigender manifestiert sich die Ohnmacht. Sie erkennt das stümperhafte ihrer angeblichen Radikalität, weil selbst sediert, der Albtraum das Dasein durchdringt, sich im Extremfall sogar in Form einer Überidentifikation als paradoxe Lüsternheit einstellt. Der naive Glaube an die Kraft der Liebe, mit dem die Performancekünstlerin Pippa Bacca eine Botschaft des Friedens durch die Welt tragen wollte, was sie ihr Leben kostete, erscheint Carolina Bianchi zuerst verachtungswürdig, ja nachgerade fahrlässig. Auf ihre Kreisreise hinab in Dantes Hölle verkehrt sich diese Haltung in ihr Gegenteil, denn Pippa Baccas Kunst-oder-Leben-Ansatz ist zuletzt in Radikalität nicht zu überbieten. Beispiele für folgenlos bleibende, ja nachgerade als idealtypisches Verhalten hochstilisierte männliche Komplettunterwerfung der Frau finden sich zahllose in jeder historischen Epoche. Die grösste Wut, der lauteste Schrei, die kompromissloseste Gegenwehr bleiben sämtlich unzulängliche Ansätze. Sowohl bezüglich Selbstheilung als auch der Prävention. Der Komplex erweist sich als undurchdringlich, die Erfahrung als nicht abschüttelbar, die Motivation als nicht nachvollziehbar. «The Bride and the Goodnight Cinderella» führt in die erschütternde Feststellung, das Dasein als Frau bedeute im Frieden wie im Krieg gleichermassen Lebensgefahr. Wofür weder intellektuell noch emotional noch semantisch anzukommen sei.


«The Bride and the Goodnight Cinderella», 29.3., Gessnerallee, Zürich.

(P.) S. O. S. !

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