Im Impfschacher ist die Schweiz «Mittelmass». Und sonst?

In der Krise zeigen Staaten ihre Stärken und Schwächen. Im Meckern sind die Medien Spitze. Eine Momentaufnahme und eine Jahresbilanz über die Folgen der Corona-Epidemie.

 

Hanspeter Guggenühl

Abgerechnet wird am Schluss, wenn «Corona» wieder mit Bier statt mit Pandemie verknüpft wird. Doch so lange wollen oder können wir Medienschaffenden nicht warten. Im Tagesrhythmus starren wir auf die aktuellen Daten, die einen selektiv auf Fall-, andere auf Todes- oder Hospitalisierungszahlen. Neuerdings sind auch Impfraten hoch im Kurs. Und bevorzugt widmen wir uns dem Meckern.

Viel zu Meckern hatten in den letzten Wochen Medienleute in Staaten, die beim Impfen nicht so schnell sind wie andere. Am 3. April etwa klagte Christina Neuhaus in der NZZ auf Seite 1, die Schweiz sei bei der «Bewältigung der Krise» nur noch «Mittelmass», weil sie sich «zu spät, zu zögerlich, zu wenig» Impfstoff gesichert habe. Tags darauf wetterten Lukas Häuptli und Franziska Pfister in der Sonntags-NZZ, weil viele Kantone über die Osterfeiertage gar nicht impften.

 

Widersprüchliche Kritik

Zwar darf man fragen, ob es Sinn macht, bei einem Langstreckenlauf, der mindestens bis Mitte Jahr dauert, die Zwischenzeit an Ostern als Mass aller Dinge zu nehmen. Oder ob Impfen in Sonderschichten an Feiertagen notwendig ist, wenn sich die Impfkapazitäten etwa im Kanton Zürich selbst an Werktagen nicht auslasten lassen, sei es mangels Impfdosen oder an einigen Tagen auch mangels Impfwilligen. Doch wesentlich ist etwas anderes: Im nationalen Biet- und Raffwettbewerb um Impfdosen, den reiche Staaten auf Kosten von armen Ländern etwa in Afrika oder Asien führen, ist die Schweiz tatsächlich nur «Mittelmass». Sie liegt deutlich hinter den Konkurrenten Israel, Grossbritannien oder den USA zurück, also hinter Staaten, die bei anderer Gelegenheit wenig Anlass zu rühmen liefern. 

Wenn nun die NZZ die mangelnde Performance der Schweiz im globalen Impfwettbewerb geisselt, so ist das für das Leibblatt der Ellbogengesellschaft immerhin konsequent. Weniger konsequent ist, dass dieselbe Kritik auch Medien links der NZZ erheben, die bei anderer Gelegenheit für Ausgleich gegenüber Ländern im Süden plädieren; im Krisenfall steht ihnen das nationale Interesse offensichtlich immer noch näher als die internationale Solidarität.

 

Mal für Staatshilfe, mal für Unternehmertum

Allerdings bleibt auch das Medium, das sonst die Devise «weniger Staat, mehr Freiheit» hochhält, nicht konsequent. So kritisierte Christina Neuhaus im erwähnten NZZ-Leitartikel, der Bundesrat sei auf den Vorschlag von VR-Präsident Albert Baehni, die private Lonza mit Staatsmillionen zu subventionieren, um sich damit – allenfalls – zusätzliche Impfdosen zu sichern, nicht eingegangen. 

Eine Woche, bevor die NZZ-Inlandchefin mangelnde Staatshilfe für die Chemiebranche beklagte, eröffnete NZZ-Chefredaktor Eric Gujer unter dem Titel «Johnson top, Merkel Flop?» punkto Corona einen Wettbewerb zwischen verschiedenen Ländergruppen. Seine Analyse fasste er einleitend wie folgt zusammen: «Die nationalen Strategien gegen die Seuche unterscheiden sich stark. Die USA, Israel und Grossbritannien glänzen mit ihrer Impfkampagne. Deutschland hängt in der Endlosschlaufe des Lockdowns fest. Das ist kein Zufall. Manche Regierungen handeln in der Pandemie wie Unternehmer, andere wie Bürokraten.» Obwohl Gujer im folgenden Text das angeblich unternehmerische Vorgehen in Grossbritannien dem sogenannt bürokratischen wie in Deutschland und auch der Schweiz vorzog, versah er seinen Titel vorsichtigerweise mit einem Fragezeichen – und vermied damit (wie die folgenden lnformationen zeigen werden) eine gröbere Blamage. 

Soweit mein Gemecker über das widersprüchliche Impf-Gemecker der anderen. Abgerechnet aber wird wie erwähnt erst am Schluss. Dann geht es weniger um die «zu spät» oder «zu zögerlich» gespritzten Impfdosen, sondern vielmehr um die Antwort auf die Frage, wie gut die Länder die Corona-Epidemie insgesamt bewältigt haben. Da dieses Ende noch bevorsteht, begnüge ich mich im Folgenden mit einer Zwischenbilanz zum Jahr 2020, basierend auf Indikatoren, die relevanter sind als die aktuellen Impfraten.

 

Einfluss auf Leben und Tod

Am wichtigsten ist die Natur, denn diese bildet die Lebensgrundlage aller Menschen. Dieses grosse Thema klammere ich an dieser Stelle aus, nachdem P.S. einige Auswirkungen der Corona-Epidemie auf den Naturverbrauch (Energie, Verkehr, Klima, etc.) schon früher thematisierte. 

Beginnen wir also mit dem Einfluss der Epidemie auf das Leben und Sterben der Menschen. Dazu veröffentlichen Ämter und Medien täglich Corona-bedingte Gesundheits-, Spital- oder Sterbedaten. Aussagekräftiger als diese spezifischen, mit Abgrenzungsschwierigkeiten behafteten Corona-Statistiken sind Informationen über die gesamte Sterblichkeit, also: Wie viele Menschen in der Schweiz sind im Corona-Jahr 2020 gestorben, und wie viele mehr waren es im Vergleich zum Vorjahr oder zum Durchschnitt mehrerer Vorjahre*, als sich Corona noch nicht auswirkte? 

 

• In der Schweiz starben 2020 total 76 000 Menschen, zeigen die kürzlich veröffentlichten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS). Das sind 8200 Personen oder 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Übrigens: Diese vom BFS erfasste Übersterblichkeit (8200 Personen) stimmt weitgehend überein mit den 2020 dem BAG gemeldeten «Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19»; das relativiert die vielerorts geäusserte Kritik an der entsprechenden BAG-Statistik. 

• Im internationalen Vergleich liegt die Schweiz mit ihrer Übersterblichkeit (11 bis 13 Prozent*) im europäischen Durchschnitt, zeigt ein Vergleich mit Daten aus dem Ausland. Deutlich tiefer als in der Schweiz war demnach die Übersterblichkeit 2020 in Deutschland oder Dänemark, nahezu gleich hoch in Schweden und Österreich, deutlich höher in Spanien und Italien. In Grossbritannien und den USA, welche einige Medienschaffende wegen ihren hohen Impfraten heute loben, war die Übersterblichkeits-Rate im Jahr 2020 ebenfalls höher als in der Schweiz (auf einen weltweiten Vergleich verzichten wir hier, da die Daten in vielen aussereuropäischen Länder unzuverlässig sind).

 

Neben den statistisch eindeutig erfassbaren Todesfällen gibt es das Leben vor dem Tod.  Die Mittel zur Bekämpfung der Corona-Epidemie – vom Maskenzwang über die Einschränkung der Versammlungs- und Reisefreiheit bis zur Schliessung von Läden und Gaststätten – haben die Qualität dieses Lebens für manche Menschen verschlechtert (Stichworte: «Coronamüdigkeit», «Sehnsucht nach Normalisierung»), für andere verbessert (Stichworte: «Beschaulichkeit», «Abkehr vom ganz normalen Wahnsinn»). Die Bilanz zur Lebensqualität im Corona-Jahr 2020 bleibt somit subjektiv. 

Nimmt man den Umfang der Einschränkungen als Massstab, so war die Bevölkerung in der Schweiz im Vergleich zu jener der meisten anderen europäischen Staaten unterdurchschnittlich betroffen. So blieben Skigebiete offen, Läden weniger lang geschlossen, etc.

 

Einfluss auf Geld und Wirtschaft

Leichter als die Qualität des Lebens lässt sich der Gang der Wirtschaft erfassen. Dabei stützen sich Ökonomen und Politikerinnen bevorzugt auf das – als Massstab allerdings umstrittene – Bruttoinlandprodukt (BIP), also die Summe aller in Geld erfassten Wirtschaftsleistungen. Hier haben die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie global deutliche und national unterschiedlich grosse Spuren hinterlassen:

 

• Das weltweite Sozialprodukt schrumpfte im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 3,5 Prozent. Bei dieser Zahl handelt es sich um die neuste Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zum Vergleich: Kurz vor Beginn der Corona-Epidemie prognostizierte der IWF fürs Jahr 2020 noch ein Wachstum der globalen Wirtschaft um 3,3 Prozent. Das heisst: Corona senkte die globale Wirtschaftsleistung um rund sieben Prozent. Eine noch stärkere Schrumpfung der Weltwirtschaft verhinderten viele Staaten, indem sie die Wirtschaft mit Staatsgeld massiv stützten und damit eine starke Zunahme der Staatsverschuldung in Kauf nahmen.

• Grosse Unterschiede: In den einzelnen Staaten oder Staatengruppen entwickelte sich das Bruttoinlandprodukt 2020 unterschiedlich. Während das BIP in China trotz Corona 2020 noch leicht zunahm, sank es im Schnitt der westlichen Industriestaaten (OECD) stärker als im globalen Durchschnitt. Beispiele: Das BIP in den USA verminderte sich 2020 gegenüber 2019 um 4,6 Prozent, in Japan um 5,5 Prozent, im Durchschnitt der EU um 6,3 Prozent. Innerhalb der EU sank das BIP im viel kritisierten Deutschland um 5,0 Prozent, im von der NZZ zum Unternehmer- und  Impf-Musterland erkorenen Grossbritannien hingegen um 10,3 Prozent, in Italien und Frankreich um 8 bis 9 Prozent (Quellen: OECD, EU, Datenstand Februar 2021).

• Die Schweizer Wirtschaft schrumpfte 2020 mit einem BIP-Minus von 2,9 Prozent weniger stark als die Wirtschaft der meisten anderen Industriestaaten, zeigt die neuste Schätzung des Bundes. Dabei dämpften Bund und Kantone den BIP-Rückgang ebenfalls mit zusätzlicher Staatsverschuldung.

 

Vor und mit Corona: Ein Leben auf Pump

Die Meinungen, ob und ab welchem Mass Staatsschulden ein Problem sind, gehen innerhalb der Wirtschaftswissenschaft weit auseinander. Fest steht: Schon seit der Jahrtausendwende wachsen – bei jährlichen Schwankungen – die Schulden der meisten Staaten (die Schweiz blieb dank Schuldenbremse eine Ausnahme). Im Corona-Jahr 2020 allein stieg die Staatsverschuldung, gemessen am BIP, in den USA um annähernd 20 Prozentpunkte (PP), in den EU-Staaten um durchschnittlich 16 PP, in der Schweiz hingegen um weniger als 10 PP, zeigt eine Publikation der ETH-Konjunkturforschungsstelle vom Januar 2021. 

Fazit: Die Bekämpfung der Corona-Epidemie senkte im Jahr 2020 die Lebenserwartung um ein knappes Prozent, senkte die Wirtschaftsleistung der westlichen Indus­triestaaten um 2 bis 12 Prozent, erhöhte die Staatsverschuldung um 10 bis 20 Prozentpunkte, aber verminderte zumindest vorübergehend die Ausbeutung der Natur. Ein weiterer Aspekt, den wir in diesem Artikel ausklammerten: Die Arbeitslosigkeit stieg 2020, ebenso die Kurse an den Aktienbörsen, was zeigt: Corona vergrösserte die Kluft zwischen arm und reich.

 

* Die Sterblichkeit lässt sich unterschiedlich bemessen. Entweder vergleicht man die Todesfälle im (Corona-)Jahr 2020 mit dem Vorjahr 2019 und erfasst damit die Differenz, in der Schweiz also 8200 Personen oder 12 Prozent.  Oder man vergleicht die Todesfälle mit dem Durchschnitt der vorangegangenen fünf Jahre; für die Schweiz ergibt dies im Jahr 2020 eine Zunahme von 13 Prozent. Oder man vergleicht die Zahl der Verstorbenen mit der von Statistik-Experten voraus berechneten Sterblichkeit. Daraus resultiert eine Übersterblichkeit von 11 Prozent. Was zeigt: Bei allen drei Methoden unterscheiden sich die Resultate für die Schweiz nur unwesentlich.

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