Im falschen Film

Am Anfang ist es vielleicht eine lustige Geschichte. Jedenfalls gibt sie prima Anekdoten her. Jene etwa von G.s Kinoausflug mit seiner Freundin und zwei Bekannten. Man hatte einen Dokfilm über moderne Sklaverei im italienischen Biogemüse-Anbau ausgesucht und wollte sich vor dem Kino treffen. Als G. nach verpasstem Zug und rasanter Velofahrt an die Kasse stürzt, läuft bereits der Vorfilm. Er bekommt aber noch ein Ticket, rennt zum Saal und schleicht an seinen Platz. Nachdem er sich an die Dunkelheit gewöhnt hat – der Hauptfilm hat schon angefangen – stellt er fest, dass die anderen drei fehlen. «Wo seid ihr? Film läuft!», schreibt er seiner Freundin per SMS. «Im Kino 3 – wo bist du??», kommt es zurück. Stimmt, nun fällt ihm auch auf, dass da keine zerlumpten Hilfskräfte schuften, sondern ein flinker Fledermausmann flugs über die Leinwand düst. Im falschen Film gelandet, haha!

Später kann man ja über jedes Missgeschick lachen: Wie G. einmal seine Freundin nach Paris einlädt, weil dort sein Lieblingsgitarrist auftritt, und wo sich dann abends um acht herausstellt, dass er kein Hotel gebucht hat. Wie er von Zürich nach Basel pendelt, aber öfters mal in den Zug ohne Halt bis Bern oder Chur oder Schaffhausen einsteigt. Wie er bei der Freundin die Gitarre abholt, bei der Bushaltestelle bemerkt, dass die Gitarre fehlt, umkehrt, nochmals die Freundin herausklingelt – und diese stirnrunzelnd entgegnet: «Aber du hast sie ja auf dem Rücken!» Wie G. viel später, als seine Freundin entnervt ein Beziehungsdown­grade von ernst auf locker verordnet hat, einmal nach Biel zu einem Blinddate fährt und wie beim Blindekuh-Spiel die mögliche Zukünftige so lange nicht findet, bis diese unverrichteter Dinge wieder abzieht.

Zumindest ist Humor doch, wenn man trotzdem lacht. Etwa wenn G. bei den Bandproben immer öfter angeschnauzt wird, weil er Harmonien und Texte vergisst. Oder wenn er ständig Dinge verliert, Velohelme, Handschuhe, Wanderschuhe, Taschen, Jacken, Brillen im Zug liegen lässt. Genau so, wie er den Job verliert, weil er passiv hinter dem Lehrerpult sitze und nicht mit den Kindern in Beziehung trete; ein andermal zu wenig Eigeninitiative zeige; wieder ein andermal der Aufgabe nicht gewachsen oder nachgerade faul sei. Oder wenn er um der Arbeit Willen von Basel wegzieht, vermeintlich seine Wohnung kündigt und zwei Monate später das Kündigungsschreiben unter dem Sofa findet. Oder wenn er dann wirklich kündigt – bevor er eine neue Wohnung hat. Man könnte Tränen lachen!

Irgendwann ist aber fertig lustig, und das Lachen bleibt im Hals stecken. Dann etwa, als er in seiner neuen WG die heisse Mokka in den antiken Schüttstein stellt und dort einen braunen Ring einbrennt. Als er gar zwei Mal den Gasherd nicht abstellt. Da beschliesst die Hausgemeinschaft: Der G. muss weg! Als sie ihm daraufhin immer wieder Wohnungsinserate für preisgünstige Objekte in der Agglo in den Briefkasten legen («Als Lehrer findest du überall einen Job!»). Als es auch seiner Freundin zu viel wird mit seinen ewigen Pannen und Problemen und sie auf Distanz geht.

Irgendwann erfährt G., dass er dement ist und früh einsetzendes Alzheimer hat. Da ist er beinahe erleichtert: Nun weiss er wenigstens, was gespielt wird. Er ist endgültig im falschen Film angekommen, und es ist trotz allen Slapsticks keine Komödie …