«Ich wollte keine Kompromisse machen»

Der Illustrator und Comic-Autor Nando von Arb erzählt in seiner Graphic Novel «Drei Väter» schonungslos und gefühlvoll Episoden einer Kindheit. Nun gewann sein Erstling im Rahmen der Solothurner Literaturtage den in diesem Jahr erstmals verliehenen Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis. Wie von Arb seine Familienwelt aus der Erinnerung verarbeitete, erzählt er im Gespräch.

 

Anatole Fleck

 

Herr von Arb, Gratulation! Wie haben Sie die letzten Tage erlebt?

Nando von Arb: Vielen Dank! Ziemlich hektisch, und ich war ständig am Handy (lacht). Nein, hier in Gent in Quarantäne zu sein, während die Preisverleihung in der Schweiz online stattfand, war schon speziell. Aber ich bin natürlich sehr dankbar dafür, dass die Veranstaltung nicht abgesagt wurde und freue mich über die Auszeichnung.

 

Die Solothurner Literaturtage fanden ausschliesslich online statt, Sie gaben auch einen Workshop. Wie fühlt sich eine Preisverleihung in diesem Rahmen an?

Ungewiss war es bis zum Schluss, ich wurde dann per Zoom zugeschaltet und durfte eine kurze Rede halten. Aber was die VeranstalterInnen in einem Monat auf die Beine gestellt haben – ein volles Online-Programm mit Live-Streams und Workshops – ist sehr beeindruckend. Ich weiss nicht, wie sie das geschafft haben.

 

Der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband SBVV, das Schweizerische Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM und die Solothurner Literaturtage tragen den Preis. Sie schreiben: «Prämiert werden im Rahmen der Solothurner Literaturtage herausragende Bilder-, Kinder- und Jugendbücher – oder Sachbücher und Comics mit junger Zielgruppe». Sehen Sie persönlich «Drei Väter» überhaupt als Kinder- und Jugendbuch?

Nicht unbedingt. Ich habe die Graphic Novel bewusst nicht für eine bestimmte Altersgruppe konzipiert und denke, er wird meist von Erwachsenen und jungen Erwachsenen gelesen. Aber es war von Beginn an klar, dass er auch für Jugendliche und somit generationenübergreifend zugänglich sein soll. In diesem Sinne finde ich es mutig, dass dieser erstmals verliehene Preis an ein Buch geht, das etwas ausserhalb der gängigen Normen für Kinder- und Jugendliteratur liegt. Auch wenn das Spektrum dieser «Norm» natürlich sehr breit ist.

 

Ihr Buch «Drei Väter» strotzt voller Erinnerungen an Ihre eigene Kindheit, an Licht und Schatten einer Patchwork-Familie. Was war der auslösende Funke, diese Geschichte erzählen zu wollen?

Ich lag grübelnd im Bett, versuchte einzuschlafen. In meinem Kopf zeichneten sich Szenen ab, in denen meine drei Vaterfiguren in verschiedensten Situationen eben drei verschiedene Reaktionen zeigten und mich damit unterschiedlich prägten. Mich interessierte daran, dass man nicht genau weiss, wo die Wahrheit liegt, wer das Sagen hat. In dieser Nacht wusste ich eigentlich bereits, dass das Buch drei Väter heissen würde. Als ich einige Wochen später mit der Arbeit begann, hatte ich die Mutter als Figur dann auch «gefunden». Als letzte familiäre Instanz ist sie eigentlich die wichtigste Figur des Buches. Eine der ersten gezeichneten Seiten, mit ihrer Vogelgestalt, war jene, die jetzt das Back-Cover einnimmt. 

 

Die Graphic Novel die dann daraus entstand, umfasst rund 300 Seiten, die zahllose Fragmente und Momente zeigen. Kann man so ein Buch überhaupt planen? Was war Ihre Herangehensweise?

Nein, ich hatte das überhaupt nicht so geplant. Natürlich kann man ein solches Buch mit einem Storyboard Seite um Seite strukturieren, aber darauf habe ich bei «Drei Väter» bewusst verzichtet. Ich wollte mir zum einen möglichst keine Regeln auferlegen, um möglichst viel Spontanität zu bewahren. Und dann sind Erinnerungen natürlich vergänglich – ich musste sie also schnell und unmittelbar als Episoden, Szenen und «Fetzen» auf alle Arten zu Papier bringen. Wie ein Kind eben! Danach erst habe ich angefangen, sie zu ordnen, die Lücken dazwischen aufzufüllen. Aber das Buch folgt keinem typischen Spannungsbogen, mit einem Anfang, der ein Anfang ist und einem Schluss, der ein Schluss ist – es soll essayistisch und episodenhaft sein.

 

Sie wechseln dabei zwischen leichten, humorvollen Episoden und ernsten, schmerzvollen Momenten ab. Mal stechen knallige Farben ins Auge – dann folgen wieder schwarz-weisse Szenen. Auch Grösse und Bildaufteilung variieren stark. Wie wichtig war ihnen diese Dualität, formal wie inhaltlich?

Das war weniger geplant, als dass es natürlich entstanden ist. Ich habe die Geschichte(n) so erzählt, wie ich wollte – habe probiert, keine Kompromisse zu machen, auch nicht für mehr Verständlichkeit. Viele Zeichnungen habe ich nur einmal gemacht. Und ich habe auch versucht die Wahrheit nicht ernst zu nehmen, sondern meine kindliche Wahrheit zu vermitteln. Natürlich ist das Buch in der Folge auch gestalterisch von einer gewissen Willkürlichkeit und Spontaneität geprägt. Dafür konnte ich die Bildsprache kraftvoll und expressiv halten und löste mich von der Idee einer stromlinienförmigen Geschichte. Ich glaube, dadurch ist «Drei Väter» vielschichtig interpretierbar und wird von den LeserInnen auch ganz unterschiedlich gelesen.

 

«Drei Väter» ist durchaus ein autobiographisches Buch. Was bringt es mit sich, mit der eigenen Kindheit, eigenem Glück und Schmerz zu arbeiten?

Eigentlich war der Prozess recht natürlich und technisch unkompliziert, die gezeigten Erlebnisse hatte ich ja schon immer verarbeitet, nur nicht so direkt. Ich habe über das Buch aber Dinge mitteilen können, die im direkten Gespräch schwierig zu vermitteln sind und so Konflikte aufgearbeitet, die ich so sonst vielleicht nicht angesprochen hätte. Um diese Beziehungen und Momentaufnahmen darzustellen, habe ich die Figuren bewusst abstrahiert und schemenhaft gezeichnet. Ich wollte sie verfremden und bereits optisch die Charakterzüge darstellen. Diese Vereinfachung hat den Vorteil, dass ich mit hohem Tempo gestalten konnte – die Figuren verdrehen, skalieren, verziehen und so an meine Erinnerung anpassen konnte. Die Grundstruktur des Buches entstand in nur rund drei Monaten.

 

Sie haben es bereits angesprochen: Diese Abstraktion der menschlichen Figuren in Fabelwesen und Tiere. Der leibliche Vater ist ein Fuchs, der zweite (Kiko) eine Art Harlekin, der neue Partner Zelo riesig und archaisch – wie ein Fels. Wie würden Sie die drei Vaterfiguren charakterisieren?

Der leibliche Vater ist sehr flamboyant! Er ist machoid und androgyn zugleich, ein wenig widersprüchlich. Er gibt sich kultiviert, trägt aber auch eine wilde Seite in sich. Kiko ist der Spassmacher, der aber viel Unsicherheit und Schmerz in sich trägt. Und Zelo mischt sich eigentlich familiär nicht ein, entzieht sich gewissermassen. Durch seine Präsenz aber gibt er Sicherheit. Alle drei sind sie auf verschiedene Arten wichtig für die Kinder, vermitteln verschiedene Werte. Dadurch ergeben sich wilde Situationen, in welchen man nicht weiss, auf wen man hören soll. Auf alle oder gar auf niemanden?

 

Dagegen ist die Figur der Mutter ein Vogel, die drei Kinder der Familie als winzige eierförmige Geschöpfe sehr einheitlich gezeichnet – woher kommt das?

Das mit den Kindern habe ich schon öfters gehört, aber ehrlich gesagt nicht bewusst so gezeichnet. Die Kinder sehen ja völlig anders aus als die Eltern, auch als andere Kinder, die vorkommen. Aber ja, wir waren eine Einheit, die zusammengehalten hat. Und zum Symbol des Vogels: Die Mutter kann fliegen, tut es aber nie. Sie bleibt am Boden, fragil, aber schützt mit den Flügeln, die sie nicht zum Fliegen braucht. Und mindestens im Kopf der Kinder fliegt sie ja doch irgendwie. Ich weiss nicht genau, ob ich das Ei oder den Vogel zuerst erdachte (lacht), das ist die gute, alte Frage. Aber es passte so zusammen, dass wir aus der Vogelfigur der Mutter «geschlüpft» sind, aber uns noch nicht vollständig entwickelt haben.

 

Sie zeigen die Sonnen- und Schattenseiten einer «Patchwork-Familie» mit eindrücklicher Emotionalität und Direktheit – verzichten dabei aber auf Wertungen. Ist das vielleicht eine grosse Stärke dieser Graphic Novel?

Ich urteile nicht, weil es auch meine persönliche Geschichte ist und sie viele Seiten hat. Und ich weiss ja auch nicht wie es ist, in einer anderen Familie aufzuwachsen, einer, die eher strukturiert und nach gesellschaftlichen Normen funktioniert.

 

Ihre Gefühle und Erfahrungen in der Familie sind nun aber öffentlich. Brauchte das nicht besonderen Mut? Was hat die Veröffentlichung des Buches im Familienkreis ausgelöst? 

Ich glaube, das Buch hat viel mehr Positives innerhalb der Familie bewirkt als umgekehrt. Zudem fiel es mir leichter, die Vergangenheit aus spezifischen Erinnerungen nach aussen zu tragen als das Hier und Jetzt, oder ganz allgemeine Empfindungen. Bei «Drei Väter» kann man sagen: Ich habe das so empfunden. Das heisst nicht, dass es heute noch genauso ist. Aber es hat bisher keine Person die im Buch dargestellt wird, reklamiert, befunden, er oder sie sei unpassend dargestellt. 

 

Wie hat Sie ihr Familienleben denn in Bezug auf familiäre und geschlechterspezifische Rollenbilder geprägt? Was wirkt bis heute nach? 

Ich möchte nicht werten, was gut und erstrebenswert ist und was nicht. Eher möchte ich die spezielle Familienkonstellation zelebrieren. Für mich ist die Blutsverwandtschaft nicht der definierende Begriff für Familie. Ich wurde auch schon gefragt warum ich die Mutter so schwach darstelle – was für mich nicht stimmt. Ich stelle sie nicht schwach dar, und wenn, dann weil es in Teilen meiner Erinnerung so war. Natürlich ist die Mutterfigur im Buch jene, die am aufopferungsvollsten agiert. In meinem Fall war das Realität. Man darf nicht vergessen, dass sich bei der Gleichstellung seit den 1990er-Jahren noch einiges bewegt hat.

 

Max Frisch sagte einmal: «Die Sensibilität ist ein Fluch, sie verschleisst dich. Und die Bedrängnis die daraus entsteht, gegen die hilft nur die Abstumpfung oder das Deponieren in ein Objekt – ein Kunstwerk.» Wie wichtig ist das «Sich befreien» von inneren Spannungen für ihre Arbeit?

Dieses «Deponieren» ist grundsätzlich auch, was Therapie im Optimalfall kann. Und in diesem Sinne war der Prozess zum Buch schon eine Katharsis. Man muss in seiner Arbeit immer reflektieren, ob Vergangenheit oder Gegenwart. Im Falle von «Drei Väter» sind die Gefühle direkt und unverblümt gezeigt, aber sie spielen sich doch in der Psyche eines Kindes ab. Es geht also nicht bis in die tiefsten Abgründe eines Erwachsenen hinein. Es gibt sicher Themen, bei denen es noch mehr Mut braucht, sie nach aussen zu tragen.

 

«Drei Väter» markierte als Bachelorarbeit auch den Abschluss ihres Bachelorstudiums in Luzern. Bald darauf konnten sie die Graphic Novel bei Edition Moderne veröffentlichen. Nun arbeiten Sie in Gent, machen gleichzeitig den Master an der «LUCA School of Arts». Was steht als nächstes an?

Nun ja, das Buch war schon ein rechter ‹Anker›. Fertig war es bereits vor zwei Jahren, dann erhielt ich die Möglichkeit, mit Edition Moderne zusammenzuarbeiten. Das war ein Glück. Die Ausstattung und das Cover sind ja ziemlich aufwändig gestaltet, was überhaupt nicht selbstverständlich ist – gerade bei einem Comic. Es gibt bestimmt viele Verlage, die mir gesagt hätten: Wir können das machen, aber da müssen 50 Seiten raus und dann drucken wir ein Softcover auf billiges Papier. Edition Moderne hat da einen ganzheitlichen Ansatz, für den ich sehr dankbar bin. In «Drei Väter» versuchte ich die Peripherie des Comics zu erforschen. Momentan arbeite ich auch an einer episodenhaften Graphic Novel. Aber die Episoden unterscheiden sich visuell und technisch noch stärker. Ich möchte da noch nicht viel sagen, auch wenn ich schon länger daran arbeite als an meinem Erstling. Wer weiss ob das Projekt «brauchbar» wird und wann ich damit fertig werde (lacht)? Es gilt auf der Reise herauszufinden wohin es geht. 

 

Nando von Arb: Drei Väter. Edition Moderne, Zürich 2019, 304 Seiten, 49 Franken inkl. Versand

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