«Ich habe einfach etwas mehr über die Stränge geschlagen als andere»

Francesca Carbone hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Im Gespräch mit Gian Hedinger erzählt sie vom Gefängnis in Italien und einer missglückten Indienreise mit dem ‹Ausbrecherkönig› Walter Stürm.

Sie haben ein Buch über Ihr Leben geschrieben. Wenn Sie allerdings als junge Frau hätten entscheiden dürfen, wären Sie in Italien Nonne geworden.
Francesca Carbone: Weil ich mich oft mit meiner Stiefmutter stritt, wurde ich zuerst nach Frankreich in eine Klosterschule geschickt und danach von dort nach Grottaferrata, in dieselbe Klosterschule des Ordens Virgo Fidelis. Das war in der Nähe von Rom. Mir gefiel es dort, ich lernte schnell Italienisch, die Oberin meinte, dass ich berufen für ein Klosterleben sei. Weil ich die Oberin gut mochte, glaubte ich das auch und wollte Novizin werden. Meine Familie meinte, ich solle erst einmal eine Ausbildung in der Schweiz machen und könne auch später noch zurück ans Kloster.


Dazu kam es allerdings nie. In der Schweiz brachen Sie eine KV-Lehre ab und mussten dann als Betreuerin in einem Heim arbeiten. Schliesslich machten Sie eine Ausbildung zur Telegraphistin bei der Fraumünsterpost, sahen dort die 1.-Mai-Demonstration und waren fasziniert.
Es war die Zeit nach den Globus-Krawallen und vor der Fraumünsterpost marschierte die 1.-Mai-Demonstration vorbei. Ich fragte die Aufsicht, was da genau passiert, sie meinte, «Die sollen ihren Lenin hochleben lassen, wir arbeiten hier». Ich habe dann weitergearbeitet, aber mein Interesse war geweckt.


Sie gingen zu einem Treffen der Bunker-Jugend. Wichtig für Ihre Politisierung war dann aber eine WG im Kreis 7 an der Rütistrasse.
Mein erster Freund wohnte dort in einer alten Villa. Ich war viel dort und mir gefiel, dass immer etwas los war. Mein Freund ging an die Kunstgewerbeschule, die anderen waren für ein Studium eingeschrieben, hängten aber mehrheitlich herum. Ich war noch sehr geprägt von meiner Zeit in der Klosterschule, naiv, hatte wenig Erfahrung, war aber immer neugierig.


In den 70er-Jahren war die linke Szene noch sehr akademisch geprägt. Im Buch schreiben Sie, dass Sie manchmal die «Vorzeigeproletarierin» einer Gruppe waren.
Es war damals wirklich oft so, dass vor allem die Studierten geredet haben und erzählten, wie die Arbeiterklasse zu politisieren sei. Ich habe zugehört und dabei viel gelernt. Meine Ausbildung war mager, deshalb habe ich viel gelesen, damit ich irgendwie mithalten konnte. Brecht zum Beispiel habe ich viel gelesen.


Nach einigen Jahren in Zürich zogen Sie dann mit einem gewissen V. nach Bern.

Ich war damals an Treffen der Gruppe FASS (Fortschritliche Arbeiter, Schüler und Studenten) in Zürich. Einer der Drahtzieher dieser Gruppe bekam eine Stelle bei der Bundesverwaltung und fragte, ob ich mitkommen möchte. Ich sagte zu und fand in Bern relativ schnell Anschluss. Ich wurde Teil der Gruppe Schinagu, was auf Berndeutsch Arbeit heisst. Dort waren wir dann auch grösstenteils Leute, die arbeiteten, die das Wort führten. Mir gefiel das.


Durch einen Zufall kamen Sie zur ASTRA, der Aktion Strafvollzug. Wie war die Situation in den Schweizer Gefängnissen damals?
Das Gefängnis war ein geschlossenes System. Die Bestrafung stand im Vordergrund und der Strafvollzug war nicht darauf ausgelegt, Menschen wieder in die Gesellschaft zu integrieren.


Ein Bekannter aus dieser Gruppe stellte Ihnen einen Helmut vor, der fragte Sie dann, ob Sie Lust auf eine Indienreise hätten. Wann haben Sie realisiert, dass dieser Helmut der sogenannte Ausbrecherkönig Walter Stürm war?
Das hat er mir vor der Reise gesagt. Ich musste schliesslich einiges regeln, wir waren mit dem Auto unterwegs und hatten viele Grenzübergänge vor uns, also musste ich schon wissen, mit wem ich es zu tun hatte.


Die Reise war am Ende nicht erfolgreich: Wegen eines fehlenden Visums konnten Sie nicht nach Indien einreisen. Auf der Reise entpuppte sich Walti als ein «kleinbürgerlicher Bünzli», schreiben sie im Buch.
Das muss ich korrigieren. Er war eher ein grossbürgerlicher Bünzli. Schliesslich kam er aus einem wohlhabenden Elternhaus. Das Stehlen lag ihm trotzdem mehr als das Arbeiten. Er hätte mit seinem Hintergrund weissgott andere Möglichkeiten gehabt. Ich realisierte jedenfalls, dass er Menschen ausnutzte und in Gefahr brachte. Bei seinen zahlreichen Verhaftungen fand man immer wieder Telefonnummern von Leuten, die ihm geholfen hatten, in seinen Taschen. Ich half ihm trotzdem noch, einerseits weil ich mich verpflichtet fühlte, anderseits weil mich das Risiko damals angezogen hat.


Nach einem weiteren Ausbruch von Walter Stürm wurden Sie dann das erste Mal verhaftet.
Wir wurden an der Grenze zu Italien kontrolliert. Als die Polizei realisierte, wer er war, gab er Vollgas und raste mit dem Auto davon. Er hätte uns damit fast umgebracht. Er liess mich dann am Strassenrand auf der Via Aosta heraus und sagte, ich solle mich verhaften lassen. Daraufhin war ich eine Nacht auf dem Polizeiposten in Aosta und später im Wallis und in Lenzburg im Gefängnis. Nach zwei Wochen war ich dann wieder frei. Im späteren Prozess wurde ich zu 18 Monaten bedingt verurteilt, das höchste Strafmass ohne Gefängnisstrafe.


Es ging danach nicht lange, bis Sie wieder in ein Gefängnis gingen. Dieses mal aber als Besucherin von Walter Stürm.
Er hatte bei seiner Flucht im Aostatal einen Cinquecento geklaut und war in Turin im Gefängnis. Weil ich Italienisch spreche, hatte er mich gefragt, ob ich ihn besuchen könnte. Dort gab er mir dann einen Brief eines Mitinsassen und bat mich, den Brief einer Familie im Quartier Le Valette zu bringen. Ich ging in dieses Quartier, die Familie nahm mich sofort freundlich auf. Sie war vernetzt in der linken Szene und vor allem ein wichtiger Kontakt für die Roten Brigaden. Von da an war ich fast jedes Wochenende in Turin. Ich engagierte mich und verteilte vor der Fiat-Fabrik Flugblätter. Dabei brach der Kontakt zu Walter Stürm definitiv ab. Nachdem er realisierte, dass sein Mitinsasse zu den Roten Brigaden gehörte, wollte er mir verbieten, dieses Umfeld zu pflegen. Das liess ich mir nicht gefallen, schon gar nicht von einem, der mir so viele Probleme bereitet hatte.


Ihr Umfeld in Italien führte aber tatsächlich zu einer weiteren Verhaftung.
Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort. Kurz zuvor wurde der italienische Ministerpräsident Aldo Moro von den Roten Brigaden entführt. Die italienische Polizei durchsuchte die linken WGs auch in Norditalien. Ich war bei einem Bekannten zu Besuch und wurde festgenommen. Nach 6 Monaten im Gefängnis wurde ich von Italien ohne einen Prozess ausgewiesen.


Über diesen zweiten Gefängnisaufenthalt in Turin wurden Sie einem Mann vermittelt, den Sie heirateten.
Ich heiratete ihn, um wieder nach Italien reisen zu können. Ich war im Gefängnis mit mehreren Frauen zusammen, eine davon war im Prozess gegen die Roten Brigaden angeklagt, sie war der Meinung, ich solle mich auch nach meiner Freilassung in Italien politisch betätigen. Nach meiner Verhaftung hätte ich aber nicht mehr nach Italien einreisen können. Damit ich italienische Staatsbürgerin werden konnte, suchte sie einen Mann für mich. Er hiess Claudio Carbone, war Teil der NAP und sass ebenfalls im Gefängnis. Ich nahm Briefkontakt auf, er war bereits über den Plan informiert worden und war einverstanden. Ich konnte aber gar nicht einreisen und so fand meine eigene Hochzeit ohne mich statt.


Wie war es, als Sie ihn dann kennenlernten?
Als wir uns das erste Mal getroffen haben, war er noch im Gefängnis auf der Insel Pianosa, in der Nähe von Elba. Nach dreistündiger Besuchszeit war er mir durchaus sympatisch, romantische Gefühle hatte ich aber nicht.


Sie haben Ihren Mann etwa alle sechs Wochen besucht. Auf einem dieser Besuche lernten Sie auch den späteren Vater Ihres Sohnes kennen.
Claudio war da auf der Insel Asinara, nordwestlich von Sardinien. Als ich das zweite Mal dort war, lernte ich auf dem Weg einen sardischen Mann kennen, der seinen Bruder besuchte, der im gleichen Gefängnis inhaftiert war. Ich hielt den Kontakt mit ihm, wir verliebten uns, er wollte Kinder und irgendwann dachte ich, wenn ich mit einem Mann Kinder will, dann mit ihm. Als mein Sohn auf die Welt kam, hat sich mein Leben verändert. Er war von da an meine oberste Priorität. Mein Ehemann und sein Umfeld hatten daran wenig Freude, mir war das egal. Als mein Sohn ein Jahr alt war, erhielten wir dann die Nachricht, dass gegen den Vater wie auch gegen mich ein Strafbefehl vorliege. Wir mussten uns getrennt voneinander verstecken. Mein Sohn war bei seiner Grossmutter auf Sardinien. Ich wollte in die Schweiz flüchten und auf dem Weg dorthin wurde ich in Civitavecchia verhaftet und war anderthalb Jahre in Untersuchungshaft. Mir wurde kriminelle Vereinigung und Begünstigung einer Entführung vorgeworfen. Im Herbst 1984 wurde ich freigesprochen, musste aber in den Hausarrest, weil ein zweiter Vorwurf von krimineller Vereinigung in Sardinien auf mich wartete.


Dort entschieden Sie sich dann für eine Flucht zurück in die Schweiz.
Weil ich mich nicht darum gekümmert hatte, war ich seit meiner Hochzeit keine Schweizer Staatsbürgerin mehr. Also holte mich meine kleine Schwester mit dem Auto ab und hatte ihren Pass und ihre ID dabei. Sie ging dann mit dem Auto über die Grenze und zeigte ihren Pass, ich stieg kurz zuvor aus, ging zu Fuss und zeigte ihre ID. Das klappte problemlos. Zurück in der Schweiz konnte ich nicht bei meiner Schwester bleiben. Ich wurde also in Bern zu einer mir unbekannten Frau und ihrer Partnerin vermittelt. Sie boten mir Unterschlupf und ich konnte bei ihnen bleiben. Ich hatte allerdings noch diverse Probleme zu lösen: Mein Sohn war immer noch in Sardinien bei seiner Grossmutter und ich hatte keine Papiere. Als ich einen neuen Pass beantragte, kam mir entgegen, dass ich unter dem Nachnamen meines Mannes in der Schweiz nie polizeilich gesucht wurde. Eine der Frauen, die mich aufnahmen, fuhr nach Sardinien und holte meinen Sohn zurück. Anfangs war die Beziehung zu ihm schwierig. Er hatte mich in den letzten Jahren wenig gesehen und war das Leben in Sardinien bei seiner Grossmutter gewohnt.


Wie ging es Ihnen nach der Rückkehr in die Schweiz?
Ich hatte mich in Bern gut wieder eingelebt, fand eine Wohnung und auch den Schweizer Pass bekam ich wieder. Nur mit der Arbeit war es zu Beginn noch etwas schwierig. Im Inselspital wurde ich zuerst eingestellt, nach einer Woche lasen sie aber meine Fiche und entliessen mich wieder. Anschliessend fand ich eine Stelle bei der Immobilienverwaltung Von Graffenried Bern. Politisch begann ich, mich wieder zu engagieren. Ich ging zur PdA, Die SP fand ich zwar auch nicht schlecht aber letztendlich zog es mich zur PdA, auch vielleicht, weil sie ein kritischeres Staatsverständnis hatte.


Von Bern gingen Sie zurück nach Zürich. Wie war das für Sie?
Nicht ganz einfach. Als ich Zürich in Richtung Italien verlassen hatte, verhielt ich mich meinem Umfeld gegenüber manchmal herablassend. Ich hielt mich für eine politische Avantgardistin, die in Italien an der baldigen Revolution arbeitet. Ein paar Jahre später kehrte ich als Geflüchtete ohne Pass zurück und statt Revolution stand Überleben auf dem Programm. Trotzdem wollte ich zurück, auch weil ich in Zürich mehr verdienen konnte.


Das Buch endet damit, wie Sie auf die Fähre nach Sardinien gehen, um dort zu wohnen. Warum hat es Sie nicht in Zürich gehalten?
Sardinien war für mich immer ein Sehnsuchtsort, den ich leider erst im April 2016 betreten durfte, denn bis zu diesem Datum war ich des Landes verwiesen. Um einreisen zu können, brauchte es eine Verfügung des italenischen Staates mit Stempel und Unterschrift des Gerichts.


Wie kam es dazu, dass Sie dann ein Buch über Ihr Leben geschrieben haben?
Ein Freund, Martin Rothenbühler, ein Soziologe, den ich aus der Schinagu-Zeit kenne, überzeugte mich, dass ich ein Buch schreiben soll. Nicht nur, weil ich einiges erlebt habe, sondern vor allem, um ein Zeitdokument der politischen Bewegung der 1970er-Jahre zu schaffen. Unsere Generation kommt in die Jahre. Als ich 75 Jahre alt wurde, sagte er mir, nun sei die letzte Chance, alles aufzuschreiben, bevor ich es vielleicht vergesse. Das sah ich ein und legte los. Das Buch habe ich, vielleicht merkt man das beim Lesen, in sehr kurzer Zeit geschrieben. Beim Zurückschauen spürte ich viel Dankbarkeit für alle, die mir geholfen haben.
Mir ist wichtig zu betonen: Ich bin nicht die einzige, die ein Buch schreiben könnte. Meine Generation hat viel bewegt, erlebt und sich jahrelang engagiert. Die meisten kamen aus den 50-er Jahren und versuchten dieser erstarrten Zeit etwas entgegenzuhalten. Ich habe aber einfach etwas mehr über die Stränge geschlagen als andere.


Francesca Carbone: Erinnerungen. Europa Edizioni srl 2025, 249 Seiten, ca. 23.50 Franken.

(P.) S. O. S. !

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