«Ich habe ein lässiges Leben vor mir»

Thomas Manhart, der bis im Herbst das Amt für Justizvollzug des Kantons Zürich leitete und dort zurzeit noch als Projektdelegierter mit besonderen Aufgaben wirkt, tritt Ende Mai in den vorzeitigen Ruhestand. Wie sich der Justizvollzug in den letzten Jahren gewandelt hat und was ihn selber an seiner Tätigkeit dort so faszinierte, dass er bis zur Pensionierung blieb, erklärt Thomas Manhart im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Weshalb haben Sie sich vor bald 30 Jahren für eine Karriere in der Justizdirektion entschieden?

Thomas Manhart: «Entschieden» ist der falsche Begriff; lassen Sie mich kurz ausholen: Als Jurist machte ich ein Gerichtspraktikum am Bezirksgericht Zürich und wurde relativ bald erster Gerichtsschreiber, eine Art Generalsekretär. In den 1990er-Jahren gab es neu das Institut des Haftrichters, und dafür zügelten wir in die Militärkaserne, weil es dort noch Platz gab. Der Zufall wollte es, dass die Justizdirektion wegen einer Sanierung des Kaspar-Escher-Hauses ebenfalls in die Militärkaserne ziehen musste. So habe ich den damaligen Justizdirektor Moritz Leuenberger kennen gelernt, der mir zuvor nur als Genosse bekannt war. Als die Stelle des Generalsekretärs in seiner Direktion frei wurde, hat er mich angefragt, und zwei Wochen nach dem Mord vom Zollikerberg wählte mich die Regierung zum Generalsekretär. Ich hätte also angesichts des Sturms, der auf diesen Mord folgte, noch absagen können…

 

Was gab den Ausschlag, die Stelle trotz allem anzutreten?

Die Arbeit hat mich gereizt, nicht zuletzt, weil ich vom Justizvollzug keine Ahnung hatte. Zudem war Moritz Leuenberger damals ein politischer Shootingstar, und es war spannend, für ihn zu arbeiten. Als Richter hat man vor allem Papier vor sich, viele Akten und vielleicht einmal pro Woche einen Tag Verhandlung. In der Justizdirektion war das anders. Ich habe es nie bereut, dass ich dorthin gegangen bin.

 

Wirklich nie?

Natürlich gab es, vor allem in Krisenfällen, Phasen, in denen es einen durchgeschüttelt hat. Gleichzeitig hat man in solchen Fällen gar keine Zeit, sich zu überlegen, ob man sich das noch antun will – und ist die Krise vorbei, ist auch die schwierige Phase vorbei. Grundsätzlich versucht man in schwierigen Situationen sowieso stets, das Beste herauszuholen.

 

Dennoch: In einem Porträt in der NZZ vom 21. April geben Sie zu Protokoll, Sie wären auch gern Journalist oder Regisseur geworden…

Ich bin zwar schon ein Träumer – aber gleichzeitig fand ich Regisseur dann doch nicht ein wirklich realistisches Berufsziel. Journalist zu werden, habe ich mir ernsthaft überlegt; ich war bereits in die Ringier-Journalistenschule aufgenommen. Als ich das Programm bekam und darin las, «sechs Monate Praktikum beim ‹Blick›», fragte ich mich: Willst du das wirklich? – und sagte ab. Sobald ich dann beim Gericht war, hat es mir endgültig den Ärmel reingenommen. Und in der Justizdirektion hatte ich nicht nur einen spannenden Job, sondern auch Entwicklungsmöglichkeiten: Generalsekretär, Oberstaatsanwalt…

 

…und schliesslich Leiter des Amts für Justizvollzug: Wie sind Sie zu diesem Job gekommen?

Meine Vorgängerin, Beatrice Breitenmoser, geriet 2006 in eine schwierige Lage – ein verwahrter Sexualstraftäter ging im Hafturlaub auf eine Sexarbeiterin los, was einen Skandal auslöste und schliesslich zu ihrem Rücktritt führte. Mitten im Scherbenhaufen, den diese Äffäre hinterliess, lud mich Markus Notter zu einem Gespräch ein und fragte mich, ob ich an der Stelle interessiert wäre. Wir redeten weiter – und nach einer Viertelstunde hatten wir fest abgemacht, dass er mich dem Gesamtregierungsrat als Breitenmosers Nachfolger vorschlagen würde. Das ging so schnell, weil Notter und ich uns vom Studium her kennen und ich bereits als Generalsekretär lange mit ihm zusammengearbeitet hatte.

 

Sie sind erst 63: Warum hören Sie jetzt auf, obwohl Ihnen die Arbeit so gut gefällt?

In der Geschäftsleitung des Amts für Justizvollzug waren wir drei Mitglieder, die alle Jahrgang 1957 haben. Von daher ist es sinnvoll, unsere Rücktritte zu staffeln. Natürlich bedeutet das noch nicht zwingend, dass ich als erster gehen muss. Doch der Vorteil ist, dass dann der neue Leiter die andern beiden ersetzen kann. Ich habe auch sehr viele Änderungen durchgezogen, und nun stehen wieder diverse grössere Änderungen an. Mit 63 ist die Lust, nochmals etwas grundlegend zu hinterfragen und zu ändern, jedoch nicht mehr gleich gross wie mit 40 oder 45 Jahren. Zudem habe ich auch einfach ein lässiges Leben vor mir: Zwei Jahre mehr Freiheit! Schliesslich habe ich mit 20 nicht davon geträumt, Chef der Knäste zu werden… (lacht).

 

Keine Lust, noch das neue Polizei- und Justizzentrum (PJZ) zu eröffnen?

Seit 1994 habe ich fest damit gerechnet, dass ich das dereinst tun würde. Unterdessen ist jedoch klar, dass ich es selbst dann nicht schaffen würde, wenn ich bis zum ordentlichen Pensionsalter tätig bliebe. Ich kann also ganz beruhigt gehen.

 

Welche Meilensteine hat die Zürcher Justiz während Ihrer Zeit dort erreicht?

Der Zollikerberg-Mord von 1993 war Ausgangspunkt und Startschuss, um aufs Thema «Risikomanagement» zu fokussieren. Der Strafvollzug war damals auf einem sehr guten Niveau, aber total auf Resozialisierung fokussiert. Das finde ich übrigens nach wie vor etwas vom Wichtigsten. Tendenziell zu kurz kamen damals aber Opferschutz und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Wie wirkte sich der Zollikerberg-Mord konkret auf Ihre Arbeit aus?

Der damalige Staatsanwalt Marcel Bertschi präsidierte eine von Justizdirektor Leuenberger eingesetzte Untersuchungskommission, die alle kritischen Fälle nochmals begutachtet und bewertet hat. Daraus entstand1994/95 die Fachkommission, die heute im Strafgesetzbuch verankert ist und die für jeden Täter von Gewalt- und Sexualverbrechen im Hinblick auf mögliche Vollzugslockerungen eine kritische Stellungnahme abgibt.

 

Was beschäftigte Sie damals abgesehen von diesem speziellen Fall besonders?

Das Thema Gefängnisfluchten war aktuell; 1995 gab es praktisch über jedes schöne Feiertagswochenende eine Flucht. Viele Gefängnisse, beispielsweise in Pfäffikon, Hinwil oder Andelfingen, waren klein, alt und marode. Wir haben mehr AufseherInnen angestellt und in die Infrastruktur investiert: Alte, kleine Knäste wurden geschlossen, andere saniert oder ausgebaut und neue eröffnet, insbesondere das Gefängnis Limmattal. Wegen des sehr grossen Gefängnisplatzmangels gab es zudem Notgefängnisse, zum Beispiel in der Zivilschutzanlage Waid oder auf der Klosterinsel Rheinau. Die Aufgabe, solche Notbetriebe in neue, fixe Anlagen zu überführen und dann für eine zukunftsgerichtete Gefängnsplatzplanung zu sorgen, hat mich während meiner ganzen Zeit beim Justizvollzug beschäftigt. Dringenden Sanierungsbedarf gibt es zurzeit noch beim alten Bezirksgefängnis Zürich. Übers Ganze gesehen steht der Kanton Zürich heute aber sehr gut da.

 

Welche Veränderungen standen im Vollzug im Vordergrund?

Die fachlich grösste Veränderung betrifft die Forensik: Als ich anfing, waren dort rund sechs Leute tätig, ein Chefarzt, drei, vier PsychologInnen und eine Sekretärin. Heute sind es etwa zehnmal mehr. Das hat massgeblich mit Frank Urbaniok zu tun, der 1995 angefangen hat und 1997 Chefarzt des Psychiatrisch-Psychologischen Dienstes der Justizdirektion geworden ist. Unter seiner Führung gab es eine gewaltige Qualitätsentwicklung. Ich gestehe freilich auch ein, dass daraus – nicht nur aus meiner Sicht – teilweise fast ein «Overkill» geworden ist: Die Forensik hat die eigentliche Deutungshoheit bei schwierigen Fällen übernommen. Dies sollte aber eine interdisziplinäre Aufgabe sein.

 

Was halten Sie von der These, dass man gefährliche Täter früher zu wenig streng behandelt hat, während man heute unter dem Druck der Öffentlichkeit auch weniger gefährliche Täter gleich verwahrt?

Das klassische Strafurteil besteht aus einer endlichen Freiheitsstrafe. Das Urteil kann auch mal «lebenslänglich» lauten, aber das ist die seltene Ausnahme; irgendwann ist normalerweise eine Strafe abgesessen. Heute jedoch spielt der Präventionsgedanke viel stärker rein: Bei einer Tat, die für sich allein noch nicht so schlimm ist, geht man heutzutage relativ rasch davon aus, dass sich dieser Täter noch in eine ganz schreckliche Richtung entwickeln könnte – und ordnet eine geschlossene stationäre Massnahme an oder verwahrt ihn. Eine stationäre Massnahme oder Verwahrung jedoch heisst «open end». Ob es wirklich zu einem guten Ende für den Betroffenen und natürlich auch für die Öffentlichkeit kommt, liegt weitgehend in den Händen der Forensiker. Das ist für die Betroffenen oft sehr schwierig.

 

Inwiefern?

Anders als sonst im Strafrecht üblich, bekommt der Täter eben keine Ansage à la, «wenn du dich so und so verhältst, hast du gute Chancen, zirka dann und dann herauszukommen». Stattdessen hängt alles von psy­chiatrischen Therapien, Tools und Begutachtungen ab. Die TäterInnen fühlen sich entsprechend ohnmächtig, und einige AnwältInnen erklären schon fast standardmässig, sie wollten für ihre MandantInnen auf keinen Fall eine Massnahme akzeptieren, nicht mal eine ambulante. Denn die könnte in eine stationäre umgewandelt werden – und schlimmstenfalls in eine Verwahrung münden.

 

Die Leute gehen lieber in die Kiste, denn dann wissen sie, woran sie sind?

So ist es. Das Problem ist jedoch erkannt. Es war auch nie das höchste Ziel des Justizvollzugs, die Leute möglichst für immer zu versenken, im Gegenteil: Wir haben es uns stets zur Aufgabe gemacht, die Häftlinge – im zu verantwortenden Rahmen natürlich – auf die Freiheit vorzubereiten und sie schliesslich zu entlassen.

 

Wie sind Sie mit Fällen umgegangen, die fette Schlagzeilen und viel Empörung in der Öffentlichkeit brachten, etwa dem Fall Carlos?

Solange B.K. unter dem Régime des Jugendstrafrechts stand, hatten wir mit ihm an sich noch nicht viel zu tun, das war Aufgabe der Jugendanwaltschaft. Er war zwar immer wieder in Jugendabteilungen unserer Gefängnisse, aber die wirklichen Probleme gingen für uns erst los, als er ins Massnahmenzentrum Uitikon kam, nicht zuletzt mit Indiskretionen: Es wurden beispielsweise Fotos seiner zerstörten Zelle in Umlauf gebracht. In solchen Situationen passieren oft Fehler, und das war hier nicht anders: In Pfäffikon haben wir B.K. nicht korrekt behandelt. Steht man Tag und Nacht unter grösstem Stress und der Beobachtung durch die Medien, dann reagiert man irgendwann nicht mehr adäquat. Das ist aber voraussehbar; der Hauptfehler lag da­rin, dass unser oberes und oberstes Kader den Fall zu wenig nah begleitet und dass wir folglich zu spät gemerkt haben, dass wir – ich eingeschlossen – unsere Leute an der Front besser hätten unterstützen und entlasten sollen. Unterdessen sind die Lehren aus dem Fall gezogen und die nötigen Änderungen umgesetzt.

 

Auch beim Wetziker Taxifahrermord 2007 waren Fehler passiert…

Ja, diesen Mord beging ein wohlbekannter Insasse, der nicht auf freiem Fuss hätte sein dürfen. Mein Nachfolger im Amt für Justizvollzug, Hans-Jürg Patzen, hatte damals soeben als neuer Leiter der Bewährungs- und Vollzugsdienste zu arbeiten begonnen. Er stellte fest, dass das Monitoring bei Hochrisikotätern gut funktionierte, während Täter aus dem mittleren Risikosegment zu leicht unter dem Radar durchrutschten. Unter seiner Leitung wurde deshalb der Risikoorientierte Sanktionenvollzug ROS entwickelt, der unterdessen im Schweizer Justizvollzug Standard ist. Sie sehen: Für das, was heute von aussen gesehen die «Meilensteine» meiner Amtszeit sind, habe nicht nur ich allein, sondern haben vor allem auch viele andere hart gearbeitet.

 

Haben Sie es als Vor- oder Nachteil erlebt, dass Ihre politischen ChefInnen Leuenberger, Notter und Jacqueline Fehr GenossInnen sind?

Es ist grundsätzlich sehr hilfreich, wenn politische Werte und Grundhaltung zum Justizvollzug übereinstimmen: Menschenwürde, fairer Vollzug, gute Infrastruktur, genügend Personal, gute Bedingungen für die MitarbeiterInnen und ein anständiger Lohn waren meinen politischen ChefInnen und mir immer gleich wichtig. Ansonsten sind die Persönlichkeiten verschieden, und auch ich habe mich im Lauf der Jahre verändert. Markus Notter habe ich am besten gekannt, wir vertrauten uns und gaben uns auch offene kritische Feedbacks; die Zusammenarbeit mit ihm war das absolute Highlight meiner Berufszeit.

 

Dennoch: Ihre politischen ChefInnen standen im Rampenlicht der Öffentlichkeit, Sie arbeiteten im Hintergrund: Hatten Sie nie Lust, zu tauschen?

Vielleicht ursprünglich schon, doch dann wurde ich Generalsekretär und nahm als solcher oft an Sitzungen von Kantonsratskommissionen teil. Das war nicht so meins: In den 1990ern waren die politischen Fronten zwar noch weniger verhärtet als heute, und in der Kommission wurde durchaus vernünftig diskutiert. Doch schon damals stimmten die Leute im Rat trotz allem streng nach Fraktionsdevise. Das brauchte ich je länger, je weniger.

 

Kommen wir zum Ausblick: Werden Sie nun Regisseur?

Das ist doch sehr hoch gegriffen… (lacht). Aber ich schreibe total gern. Der grösste Wermutstropfen ist zurzeit aber, dass meine Frau und ich wegen der Corona-Krise nicht wie geplant endlich zusammen reisen können… Ich bin aber auch noch in der Kirchgemeinde Zürich in der Kirchenkommission Kreis 7/8 tätig, und nicht zuletzt habe ich nun endlich mehr Zeit für meine grosse Patchwork-Familie. Kurz: Ich sehe viele spannende Aufgaben vor mir – und recht wenig von der Sorte, die ich nicht haben müsste.

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