- Im Gespräch
«Ich glaube nach wie vor, dass die Bevölkerung im Kanton Zürich erneuerbare Energien will»
Sie haben an der Volksabstimmung vom 28. November 2021 das Energiegesetz durchgebracht. Es wurde per 1. September 2022 in Kraft gesetzt. Seither dürfen im Kanton Zürich Öl- und Gasheizungen nur noch in Ausnahmefällen eins zu eins ersetzt werden. Stattdessen fördert der Kanton die viel effizienteren Wärmepumpen. Wie läuft es knapp vier Jahre später mit der Umsetzung?
Martin Neukom: Es läuft gut. Zwar haben wir keine exakten Zahlen, weil die Gemeinden für die Umsetzung zuständig sind. Doch es werden fast keine neuen Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut.
Die Kurve, die den CO2-Ausstoss des Kantons widerspiegelt, zeigt demnach steil nach unten?
Sie zeigt nach unten, aber leider nicht steil. Die Fortschritte sehen wir vor allem beim CO2-Ausstoss von Heizungen. Was den Gesamtausstoss betrifft, sind die Herausforderungen nach wie vor gross, vor allem bei der Dekarbonisierung von Verkehr, Kehrichtverbrennung und Landwirtschaft.
Heisst im Umkehrschluss, ohne Verbote und Subventionen kein Netto-Null?
Grundsätzlich haben wir bei der Gebäudepolitik drei Elemente, die zusammenspielen: Erstens die 2008 auf Bundesebene eingeführte CO2-Abgabe von 120 Franken pro Tonne. Das ist ein starker ökonomischer Anreiz in die richtige Richtung. Das Geld aus dieser Abgabe bekommen die Kantone, und wir legen noch eigenes Geld obendrauf. Damit haben wir zweitens einen Fördertopf, aus dem wir Zuschüsse an Wärmepumpen, Holzheizungen, Sanierungen und so weiter leisten. Drittens kommt das Energiegesetz dazu, in dem wir Vorschriften machen wie jene zum Heizungsersatz, was die Wirkung massiv verstärkt.
Im selben Gesetz ist die Pflicht verankert, bei Neubauten einen Teil der benötigten Energie mit Photovoltaik zu erzeugen: Wie ist dort der Stand der Dinge?
Es gibt keine Probleme, diese Pflicht wird ganz einfach umgesetzt: Wer eh schon baut, macht gleich noch Photovoltaik aufs Dach.
Tatsächlich? In der Stadt Zürich habe ich nicht das Gefühl, heute mehr Solarpaneele zu sehen als früher.
Dass der Solarausbau sehr gut läuft, zeigen aktuelle Zahlen, die schweizweit erhoben werden. Im ersten Halbjahr 2026 wurden in der Schweiz nur aus Photovoltaik bereits fünf Terawattstunden (TWh) Strom produziert. Bis Ende 2026 dürften es demnach bis zu zehn TWh werden. Das ist enorm: Vor zehn Jahren waren wir bei 1,3 TWh. Ich habe den Eindruck, dass diese Steigerung um fast Faktor zehn in nur zehn Jahren den Menschen gar nicht richtig bewusst ist. Es ist beeindruckend, wie schnell diese Entwicklung verlaufen ist.
Zurzeit hört und liest man doch eher, dass es nicht mehr so schnell vorwärts gehe mit der Photovoltaik und dass es deshalb schwierig werde, die Ziele zu erreichen.
Es gibt schon einen Knick, den sieht man in der Statistik der neu installierten Leistung: 2022 hatten wir einen Boom, 2023 und 2024 ebenfalls einen starken Anstieg, jetzt flacht die Kurve etwas ab. Doch wenn wir von rund 10 TWh dieses Jahr ausgehen, sind das 17 Prozent des jährlichen Stromverbrauchs, der in der Schweiz in den letzten 20 Jahren konstant bei rund 60 TWh lag. Hätten die Grünen 2016 erklärt, in zehn Jahren mache die Stromproduktion aus Photovoltaik 17 Prozent des Stromverbrauchs aus, hätte es geheissen, das sei eine Träumerei und völlig unrealistisch. Natürlich hat zum starken Zubau auch beigetragen, dass die Kosten für Photovoltaik in den letzten Jahren stark gesunken sind.
Es ist also alles in Ordnung?
Eher: Wir treten gerade in eine neue Phase ein. Bis jetzt lautete die Losung, so viel Photovoltaik zuzubauen wie möglich. Unterdessen sind wir so weit, dass an einem Tag am Mittag mehr Solarenergie produziert werden kann, als an diesem Tag an Strom verbraucht wird. Jetzt rufen die Gegner:innen der Solarenergie dasselbe, was sie bei jeder auftauchenden Schwierigkeit zu rufen pflegen: Seht ihr, es funktioniert einfach nicht! Fakt ist: Tagsüber ist der Strom heute am Energiemarkt günstiger und abends teurer. Es ist deshalb ein Geschäftsmodell geworden, den Strom tagsüber in Batterien zu speichern und abends zu vermarkten. Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen, Batterien waren damals noch viel zu teuer. Heute jedoch sehen wir weltweit eine regelrechte Batterie-Revolution.
Statt über Nacht mit Atomstrom Wasser hochzupumpen und den Strom über Mittag teuer zu verkaufen, wird über Mittag Solarstrom produziert, gespeichert und abends verkauft?
Genau. Batterien und Pumpspeicher werden aber noch aus einem anderen Grund immer wichtiger.
Aus welchem?
Sie tragen zur Stabilisierung der Netze bei. Diese ist zwingend nötig.
Mit Verlaub: Dass das Stromnetz dringend stabilisiert, sprich ausgebaut werden müsse, heisst es schon seit 20, 25 Jahren. Wenn es so wichtig ist, warum bauen die Stromfirmen nicht einfach aus?
Das Netz muss unter anderem schlicht deshalb erneuert werden, weil es alt ist und nicht mehr ewig hält. Aber es wird auch viel vermischt, wenn es um den Netzausbau geht: Wegen den erneuerbaren Energien müssen nicht Hochspannungsleitungen, sondern vor allem die unteren Netzebenen ausgebaut werden, jene im Quartier. Doch auch dort wird nur so viel gemacht werden, wie nötig, sonst wird es zu teuer. Gleichzeitig können Batterien möglicherweise helfen, dass wir das Netz weniger ausbauen müssen.
Effizient wäre es auch, einen Teil unseres Winterstroms mit Windenergie zu produzieren. Doch die SVP klopft sich dafür auf die Schulter, dass sie ganze Dörfer gegen noch nicht einmal geplante Windturbinen auf die Barrikaden bringt. Lässt sich dereinst überhaupt noch das eine oder andere Windrad bauen? Oder ist dieser Kampf schon verloren?
Ich denke, es sollte politisch möglich sein, die Eignungsgebiete für Windenergie, mit denen sich zurzeit die kantonsrätliche Kommission befasst, in den Richtplan zu schreiben.
Gegen den Richtplan ist zwar kein Referendum möglich. Aber nur weil ein Eignungsgebiet im Richtplan steht, ist längst noch kein Windrad geplant, geschweige denn gebaut.
Ich glaube nach wie vor, dass die Bevölkerung im Kanton Zürich erneuerbare Energien will, und dazu zählt auch die Windkraft. Die Gegner:innen dürften eine überschaubare Gruppe sein, die aber relativ stark engagiert und entsprechend laut ist. Schade ist, dass wir aktuell nirgends in der Region Windräder haben. Sonst könnte man vor Ort den Realitätscheck machen und den Menschen zeigen, dass dort nicht alle Häuser ihren Wert verlieren, dass nicht haufenweise tote Vögel herumliegen und dass Windturbinen überhaupt nicht laut sind. Erfahrungen aus dem Ausland zeigen nämlich, dass die Zustimmung zu Windkraft dort hoch ist, wo bereits Windräder stehen. Sorgen macht mir vielmehr der Prozess ab dem Eintrag in den Richtplan bis zu den ausgearbeiteten Projekten der bauwilligen Firmen: Ich gehe davon aus, dass die Rekursmöglichkeiten ausgeschöpft werden und entsprechend viel Zeit verloren geht.
Aktuell steht anhand der Frage, ob wir das AKW-Neubauverbot aufheben sollen, die Energie im Fokus, die wir künftig brauchen werden. In der Chronik der Schweizerischen Energiestiftung zu deren 50-Jahre-Jubiläum gibt es ein hübsches Beispiel dazu: «Mitte der 1980er Jahre, so die Prognose, würde die Schweiz 57,6 TWh Strom brauchen. Schliesslich würde der Bedarf im Prognosezeitraum auf 115 TWh ansteigen. Zum Vergleich: 1985 betrug der Endverbrauch in der Schweiz 41 TWh. Die Marke von 57,5 TWh wurde erst 2006 erreicht und blieb seither – trotz Bevölkerungswachstum – bemerkenswert stabil (2024: 57,5 TWh).» Wird bei Prognosen gern vergessen, die Effizienzgewinne einzurechnen?
Prognose 115 TWh, unglaublich! Tatsächlich ist der Strombedarf seit 2006 ungefähr gleich geblieben, trotz Bevölkerungszuwachs, neuen Rechenzentren, Wärmepumpen, E-Mobilität und allgemeinem Wirtschaftswachstum. Das zeigt eindrücklich die Wirkung der Energieeffizienz. Es zeigt für mich aber auch, dass unsere Gesellschaft generell Mühe hat mit Effizienzgewinnen, beziehungsweise mit deren Wahrnehmung.
Wie meinen Sie das?
Effizienz ist oft vor allem eine technische Frage. Eine LED-Leuchte braucht einen Zehntel des Stroms einer Glühbirne. Wird die alte Strassenbeleuchtung durch eine neue ersetzt, haben wir sofort einen deutlich geringeren Stromverbrauch. Auch zu Elektromotoren in der Industrie gibt es viele Beispiele für eindrückliche Effizienzsteigerungen. Ein anderes Beispiel ist der Standby-Verbrauch: Wenn alle Haushalte ihre elektronischen Geräte an Steckerleisten einstecken und sie beim Verlassen des Hauses via Kippschalter vom Stromnetz trennen würden, könnten wir grosse Mengen an Strom einsparen. Das ist vielen Menschen nicht bewusst.
Braucht es den Kippschalter noch, wenn wir uns bei den Prognosen sowieso wieder verrechnen und der Verbrauch doch nicht so stark steigt?
Der heutige Stromverbrauch dürfte dank Effizienzmassnahmen weiter sinken, doch es kommt neuer Verbrauch dazu. Vor allem die Dekarbonisierung des Verkehrs ist eine Herausforderung. Bei den Rechenzentren gilt es, gewisse Verschiebungen zu beachten: Früher hatten grössere Firmen ihre eigenen Server im Keller. Verlagern sie diese neu ins Rechenzentrum, dann steigt dort der Strombedarf, doch gleichzeitig sinkt er bei der Firma. Wie stark solche Effekte ins Gewicht fallen, kann ich aber nicht sagen, weil wir dazu keine Zahlen haben. Der Gesamtenergieverbrauch jedoch wird sinken: Der Energieverbrauch eines Elektroautos liegt bei einem Viertel bis einem Fünftel dessen, was ein Benziner braucht.
Wir sollten uns also keine Angst machen lassen?
Wir dürfen die Stromversorgung nicht auf die leichte Schulter nehmen. Doch insbesondere bei der Solarenergie sind wir gut unterwegs. Auch wenn es künftig mehr Klimaanlagen geben wird, wovon ich ausgehe, sollte uns das nicht aus der Bahn werfen. Denn Klimaanlagen brauchen dann Strom, wenn die Solaranlagen viel produzieren. Gleichzeitig brauchen wir weiterhin den Stromhandel und damit auch das Stromabkommen mit der EU. Sollten dieses und die Bilateralen III scheitern, würde der Stromimport auf jeden Fall teurer, und es wäre schwieriger, die Netzstabilität aufrecht zu erhalten.
Das Konzept der Suffizienz scheint noch unsichtbarer zu sein als jenes der Effizienz: Wie liesse es sich breiter beliebt machen?
Das Grundproblem der Suffizienz sehe ich darin, dass damit niemand Geld verdient: Wer etwas produziert und verkauft, hat Einnahmen, damit kann er Werbung machen und den Leuten sagen, wie toll sein Produkt ist. So kann sein Geschäft wachsen, und sein Produkt kann sich verbreiten. Mit der Idee, weniger zu verbrauchen, lassen sich vielleicht einige NGO zu einer Kampagne verleiten, aber Umsatz generiert es nicht. Vielleicht ist Suffizienz bei uns aber auch kulturell schwierig.
Inwiefern?
Weniger zu konsumieren hat in unserer Kultur einen schweren Stand, und im Konzept der Suffizienz schwingt obendrein die Frage mit, ob uns «mehr» glücklicher macht. Es fällt uns schwer, uns vorzustellen, was wäre, wenn wir plötzlich weniger produzierten, verkauften und kauften. Dabei hätte die Suffizienz das grösste Potenzial, um im Klima- und im Energiebereich etwas zu verbessern.
Wenn das so ist: Warum kann ich, wenn ich mit dem Velo zur Arbeit fahre, bei den Steuern weniger abziehen, als wenn ich das Tram nehmen und so Strom verbrauchen würde?
Im steuerlichen Bereich sind die Anreize leider nicht auf ökologisches Verhalten ausgelegt. Um ökologisch sinnvolles Verhalten zu fördern, müssten die Steuerabzüge genau andersherum funktionieren.
Das könnten wir als Gesellschaft so beschliessen. Wie lautet Ihre These, weshalb wir es nicht tun?
Suffizienz ist auch ein Wohlstandsthema: Viele von uns würde mehr Geld kaum glücklicher machen, und mehr Energie brauchen wir eigentlich auch nicht. Trotzdem sind viele Menschen überzeugt, dass Suffizienz bedeuten würde, unser ganzes Leben umzukrempeln und unseren Wohlstand aufzugeben, und dazu sind sie nicht bereit. Doch ob wir beispielsweise eine 100-Quadratmeter-Wohnung heizen müssen oder nur eine mit 70 Quadratmetern, macht schon einen schönen Unterschied.