«Ich bin nicht traurig, dass es keine Wahlen gibt»

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Sumaya Farhat-Naser setzt sich seit Jahren für den Frieden in ihrer Heimat Palästina ein. Welche Rückschläge sie erlebt hat und was es mit dem palästinensischen Jugendparlament auf sich hat, erzählte sie im Gespräch mit Tobias Urech.

 

Sie sind Botschafterin für den Frieden. Ganz naiv gefragt: Wie stiftet man Frieden?

Frieden stiften ist eine schwere Arbeit. Es muss von ganzem Herzen kommen, es muss Glaube darin stecken, es muss der Wille da sein und man muss trotz vieler Rückschläge immer dranbleiben. Es braucht Prinzipien, auch wenn es schwer scheint, dass diese überhaupt durchgesetzt werden. Jeder kleine Erfolg, den man hat, bringt einen dafür weiter.

 

Was waren die härtesten Rückschläge, die Sie in ihrer Arbeit erleben mussten?

Erstens die Tatsache, dass viele vom Frieden sprechen, aber nichts dafür tun. Es genügt nicht vom Frieden zu sprechen – man muss ihn möglich machen. Der Wille muss da sein, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Alle wollen in Frieden leben, alle brauchen Sicherheit, alle wollen eine wunderbare Zukunft haben. Aber wir wissen ganz genau, dass die Politik, die in unserem Land betrieben wird, eine Politik der Macht ist. Und wer Macht hat, diktiert das Geschehen. Es wird nicht nach Recht oder Unrecht geschaut, sondern nur auf den Eigennutz. Solange dies so ist, sind wir weit entfernt vom Frieden.

Und zweitens sind wir auf dem menschlichen und politischen Nullpunkt, weil die Situation so verfahren und die Ohnmacht so stark ist. Das alles führt zu Fatalismus. Die Menschen empören sich nicht mehr und gewöhnen sich an das Schreckliche. Das ist ein herber Schlag.

 

Was könnte man gegen diesen Fatalismus tun?

Ich arbeite mit vielen SchülerInnen. Ich mache mit ihnen Empowerment, Friedenserziehung und Gewaltfreiheit. Aber zuallererst beginne ich auf der persönlichen Ebene. Denn erst, wenn man erfährt, wie schön es ist, sich selbst zu verzeihen und Schuldgefühle abzubauen, erst wenn man es schafft, sich vor Provokation, Wut und Zorn zu schützen, dann kann man sich stark und nobel fühlen. Genau so muss man mit anderen umgehen! Wenn man die Fähigkeiten des gewaltfreien Dialogs gelernt hat, wird man aktiv. Ich selbst bestimme, ob ich mich provozieren lasse oder nicht. Jemand kann mich provozieren, doch dann liegt es an mir, ob ich diese Provokation annehme oder mir sage: «Ich bin nicht angesprochen.» Man muss lernen, den Dialog zu führen. Und wir müssen die Leute immer wieder daran erinnern, nicht aufzugeben. Denn wenn wir aufgeben, leiden wir noch mehr darunter.

 

Sie würden nie aufgeben? Selbst wenn die Situation noch so aussichtslos ist?

Nein, ich würde nie aufgeben. Sehen Sie, wenn ich aufgeben würde, ginge es mir nicht besser. Im Gegenteil: Dann kann ich darauf warten, dass ich eingehe. Es geht nicht. Nur schon aus Verantwortung gegenüber denjenigen, die schwächer sind als ich oder denen es schlechter geht als mir. Ich muss dankbar sein für alles, was ich habe.

 

Für Sie wäre es auch keine Option gewesen, Ihr Land zu verlassen und in einer friedlicheren Gegend zu leben?

Ich hätte zwar die Möglichkeit gehabt; ich habe in Deutschland studiert. Aber ich habe gesehen, dass ich zuhause gebraucht werde. Ich habe gesehen, wie die Augen leuchten und wie sich meine Landsleute freuen, wenn jemand, der ‹draussen› studiert hat, zurückkommt. Ausserdem war ich für meine alten Eltern und Schwiegereltern da und hatte eine Stelle an der Universität in Bir Zait. Ich hatte auch einen wunderbaren Mann, der mir zur Seite stand, und viele Freunde, die mich unterstützten. Das sind Bedingungen, die erfüllt sein müssen. Man lernt gemeinsam, Freud und Leid zu tragen. Das tut gut.

Man lernt auch genügsam zu sein. Es gehört auch zu meiner Arbeit, dass ich verinnerliche, nicht immer nur das Schreckliche zu benennen. Wenn wir das tun, schlägt uns das aufs Gemüt.

 

Wie sieht die politische Situation in Ihrem Land momentan aus?

Es ist eine Katastrophe. Es geht uns viel schlechter als noch vor zwanzig Jahren. Das Land wird uns mehr und mehr weggenommen, Leute stecken im Gefängnis, unsere Häuser werden zerstört, es gibt Einschränkungen und Verbote, und so weiter.

Andererseits sehe ich, wie die Menschen bei uns zunehmend erkennen, dass wir die Verantwortung in unsere Hand nehmen müssen. Wir müssen selbst denken und loslassen von Ideologien, die uns in diese Misere gebracht haben. Die Mehrheit der PalästinenserInnen will endlich in Frieden leben und eine Einigung mit Israel finden. Hauptsache, wir haben Menschenrechte!

 

Es ist also mehr ein politisches Problem als ein religiöses?

Natürlich! Es hat mit Religion nichts zu tun. Seit Jahrhunderten lebten die Religionen bei uns friedlich zusammen.

 

Aber was war denn beispielsweise mit den Kreuzzügen im Mittelalter?

Das kam von Europa! Die Kreuzzüge haben Christen, Moslems und Juden in unserem Land geschlachtet. Ausserdem waren die Kreuzzüge keine Religionskriege, sondern in erster Linie Wirtschaftskriege. Europa wollte den Nahen Osten beherrschen – im Namen der Religion. Oder um ein anderes Beispiel zu nennen: Auch die Kriege zwischen ProtestantInnen und KatholikInnen waren von Wirtschaftsinteressen geprägt. Durch Hetze gelingt es allerdings, die Leuten glauben zu machen, etwas sei Gottes Wille. Das lässt einen erblinden. Deswegen darf man nie zulassen, dass Religion missbraucht wird. Niemals kann ein religiöses Argument ein politisches rechtfertigen. Ein Krieg ist nie gerecht und kann nie gerechtfertigt werden.

 

Sie setzen sich unermüdlich für den Frieden ein. Sie haben erwähnt, dass Sie an die Schulen gehen?

Ich mache Workshops mit Schülerinnen und Schülern und auch mit Müttern. Wir üben, wie man reagiert, wenn man provoziert wird. Und wir lernen uns zu sagen, dass es Hoffnung geben muss. Eine weiteres tolles Projekt ist das Internet-Jugendparlament.

 

Was ist das genau?

In Palästina haben wir momentan kein funktionierendes Parlament, weil über dreissig Parlamentsabgeordnete derzeit im Gefängnis sitzen. Wie soll ein Parlament so funktionieren? Die Regierungsmitglieder können sich nicht treffen, weil sie keine Genehmigung bekommen, sich frei zu bewegen. Wir können auf höchster Ebene gar nicht wie ein Staat funktionieren. Daraufhin kam eine Gruppe von Jugendlichen auf die Idee, ein Jugendparlament zu gründen – per Internet. Sie riefen Jugendliche von 18 bis 38 Jahren auf, sich zu registrieren. Mittlerweile haben sich 70000 Jugendliche registriert! Auf diesem Portal gibt es fantastische Gespräche und Chaträume, wo die Jugendlichen alle möglichen Fragen analysieren und besprechen. Sie führen auch Wahlen durch, und es gibt ein Parlament mit zwölf Kommissionen. So wird parlamentarisches Leben praktiziert. Selbst israelische Jugendliche sind begeistert und melden sich. Sie dürfen zwar nicht wählen, aber nehmen Stellung. Das Internet ist ein gutes Medium, um sich kennenzulernen. Ein weiterer Vorteil ist natürlich, dass jeder und jede von zuhause aus daran teilnehmen kann. Es gibt keine Kontrolle.  Eigentlich wären bei uns seit sechs Jahren Wahlen fällig, doch ich bin gar nicht so traurig darüber. Es soll ruhig noch drei Jahre so bleiben. Denn in drei Jahren gibt es bestimmt genug qualifizierte Jugendliche, die auf diesem Portal gelernt haben, wie parlamentarische Arbeit funktioniert, so dass sie sich dann zur Wahl stellen können. Die Jugend ist unsere Hoffnung – deswegen arbeite ich mit Jugendlichen. Dasselbe gilt auch für Frauen.

 

Sie haben mehrere Frauengruppen gegründet. Wie sieht es mit der Gleichstellung der Frau in Palästina aus?

In Palästina haben wir grosse Probleme mit der Gleichstellung, weil wir islamische Gesetze haben. Eine Frau bekommt beim Erben zum Beispiel nur die Hälfte von dem, was ihr Bruder bekommt. Doch auch die christlichen Männer sind ganz beglückt darüber, dass sie mehr erhalten als ihre Schwestern. Ich sage das, damit Sie verstehen, dass es kein Problem der Religion ist. Es ist viel mehr die Tradition als die Religion. Und dagegen müssen wir kämpfen! Bei den ChristInnen ist es sogar fast noch schlimmer. Von den Frauen wird erwartet, dass sie aus Anstand auf ihren Teil verzichten und ihn als Geschenk ihren Brüdern geben. Wenn eine Frau ihren kleinen Anteil möchte, wird sie bekämpft in der Familie. Wir müssen auch für die Lohngleichheit kämpfen. An der Universität bekam ich als promovierte Wissenschaftlerin zwar denselben Lohn wie mein Mann, aber bei Regierungsstellen zum Beispiel bekommt nur der Mann Kindergeld, weil er gesetzlich für den Unterhalt der Familie verantwortlich ist.

Darum versuchen wir, den Frauen die Gesetze in Workshops näher zu bringen und sie aufzuklären. Es gibt auch im islamischen Recht viele Gesetze, die gerecht sind für Frauen – man muss sie nur kennen.

 

Vorhin haben Sie angesprochen, dass zwischen palästinensischen Jugendlichen und israelischen Jugendlichen im Internet ein Dialog stattfindet.

Genau, per Internet gibt es immer mal wieder einen Dialog. Ich bespreche mit den Jugendlichen meist im Vorfeld, wie sie sich am besten verhalten. Israelische und palästinensische Jugendliche verhalten sich gleich. Sie denken sich bei ihrem Zusammentreffen: «Jetzt werde ich’s dem zeigen!» Sie beginnen, sich gegenseitig zu beschimpfen und anzuklagen. Und ich sage immer: «Sehr gut! Es muss alles raus. Sagt die schlimmsten Wörter, die Euch einfallen – ihr habt das Recht dazu.» Irgendwann ist aber alles Schlimme gesagt worden. Dann erst können die Jugendlichen in einen Dialog treten. Man beginnt, sich als Mensch zu begegnen. Auf diese Weise haben viele israelische Jugendliche gemerkt, worunter palästinensische Jugendliche leiden. Sie wussten zuvor nicht, welch schreckliche Dinge uns widerfahren. So verbrannten die SiedlerInnen beispielsweise in den letzten drei Jahren 25 Moscheen. Doch darüber wird nicht berichtet. Eine Gruppe israelischer Jugendlicher war darüber so empört, dass sie eine Telefon-Hotline eingerichtet haben, auf die man anrufen kann, wenn gerade wieder so etwas passiert. Dann kommen Dutzende israelische Jugendliche und stellen sich zwischen die SiedlerInnen und die palästinensische Bevölkerung, um das zu verhindern. Bei solchen Gelegenheiten entsteht ein Dialog mit den besten Gesprächen. Wir kennen die Israelis nur als brutale Soldaten, nicht aber als Menschen, die tanzen gehen, singen oder lachen. Wir dürfen uns nicht begegnen. Es gibt ja sogar zwei Strassensysteme – eines für Israelis, eines für PalästinenserInnen. Früher habe ich mich immer mit Israelis getroffen. Doch jetzt steht da die Mauer. Nur mit Genehmigung und nur für ein paar Stunden an bestimmten Tagen kann man jenseits der Mauer Besuche machen. Die IdeologInnen wollen nicht, dass wir uns begegnen. Wenn man sich begegnet, sieht man sich als Mensch. Man ist gerührt, man weint, man freut sich. Das bringt die Menschen einander näher. Wenn man sich vom Leid erzählt, dann empfindet man Solidarität für einander. Die IdeologInnen allerdings wollen Feindbilder aufrecht erhalten. Ich habe es immer wieder erlebt, dass diese Feindbilder und Vorurteile durchdrücken – auch bei meinen israelischen FreundInnen. Dabei kann man nicht pauschalisieren. Ich kann nicht sagen, alle Israelis seien VerbrecherInnen. Weil es nicht stimmt. So etwas muss man lernen.

 

Diesen Dialog haben sie offenbar richtig gut gelernt. Sie waren hier in Zürich schon mehrmals in der Synagoge zu Besuch.

Oh, ja! Da habe ich drei Lesungen gemacht. Das war sehr interessant. Hier in Zürich war ich bei der Reformgemeinde. Jedenfalls gab es grossen Widerstand. Dass ich kam, war ein Bruch in der jüdischen Gemeinde. Doch mit Hilfe verschiedener jüdischer Freunde konnten wir meinen Auftritt durchführen. Und als ich nach vier Jahren erneut für eine Lesung kam, war da ein älterer jüdischer Herr, der mich zuvor ganz schlimm angegriffen hatte, und sagte: «Frau Farhat-Naser, Sie haben sich so geändert!» Und ich sagte: «Wie wunderbar! Sie haben sich auch geändert!» (lacht) Solche Konflikte muss man wagen, auch wenn jemand dagegen ist. Es ist schwierig, sich plötzlich auf eine völlig andere Sichtweise einzulassen. Dafür habe ich Verständnis. Wenn ich in der Schweiz unterwegs bin, sind es meist nicht einmal die Juden und Jüdinnen, die gegen meine Auftritte sind, sondern evangelikale ChristInnen, die denken, sie müssten Israel verteidigen. Das fühlt sich für mich als Christin wie ein Schlag ins Gesicht an.

 

Als palästinensische Christin haben sie bestimmt keine einfache Rolle.

Früher wollte ich das nie wahrhaben; ich fühlte mich palästinensisch. Aber jetzt weiss ich, dass ich mich dessen nicht entziehen kann. Es ist meine Pflicht, die Menschen darüber aufzuklären, was es heisst, ChristIn zu sein. Denn ich will nur das Gute für alle, seien sie nun Jüdinnen oder Moslems. Das ist meine Botschaft, die ich laut und deutlich sagen muss.

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