Hundert Plätze in Winterthur

Die Suche nach neuen Plätzen, wo geflüchtete Menschen aus der Ukraine einquartiert werden könnten, läuft auch in Winterthur auf Hochtouren. An der Adlerstrasse wurde nun ein solcher Platz für 100 UkrainerInnen gefunden und bezugsbereit gemacht.

 

Sergio Scagliola

 

Die Zimmer sind etwas kahl. Aber für ein Dach über dem Kopf und die Deckung der grundlegendsten Bedürfnisse dürfte die Unterkunft reichen. Im ehemaligen Personalhaus des Winterthurer Alterszentrums Adlergarten in der Nähe des Vogelpärkli waren die Zimmer vergangenen Freitag bereits fast bezugsbereit. Ein dreistöckiges Kajütenbett sowie ein Einzelbett stehen auf dem Linoleum-Boden, ein kleines Waschbecken im Eingang und ein Blumenstrauss auf dem Fenstersims des Beispielzimmers, das am Rundgang gezeigt wird. Auf jedem Stock stehen zusätzlich ein halbes Dutzend Duschen, eine Kleinküche sowie acht Toiletten zur Verfügung. Die Zimmer sollen hauptsächlich ukrainischen Familien zugewiesen werden, aber auch Einzelpersonen werden hier Platz finden. Die Planung sieht vor, dass Familien bei Möglichkeit stets zusammen einquartiert werden sollen. 

 

Beachtliche Solidaritätswelle

Von den Stand Montag 11 021 regis­trierten Geflüchteten aus der Ukraine in der Schweiz sind rund ein Drittel privat untergebracht. Die Solidaritätswelle der Schweizer Bevölkerung entlastet die Gemeinden, die zunächst überhaupt Platz finden müssen. In Winterthur waren bis anhin rund 130 geflüchtete Menschen untergebracht. Ab kommenden Montag werden im ehemaligen Personalhaus weitere 36 Zimmer für rund 100 Menschen bereitgestellt. Dies gaben Stadtrat Nicolas Galladé (SP), Daniel Knöpfli als Leiter der Sozialen Dienste sowie Sozialberatungs-Co-Leiterin Caroline Poltéra und Zivilschutz-Abteilungsleiter Tobias Janka an einer Medienorientierung mit Ortstermin bekannt. Innert weniger Tage hat der Zivilschutz Winterthur ausschliesslich mit der Mithilfe von freiwilligen Zivilschützern die zwei Stockwerke bezugsbereit gemacht. 

 

Noch nicht vollständig geklärt ist, wie die untergebrachten Personen betreut werden sollen. In einem ersten Schritt soll die Betreuung durch die Wohnhilfe Winterthur erfolgen, in Kombination mit nachts anwesendem Security-Personal und dem Verein Benevol, der alle freiwilligen HelferInnen koordiniert. Für Kinder wurde zudem die Teilnahme am Schulunterricht organisiert. Bei Bedarf sollen aber weitere Betreuungsformen realisiert werden können. «Ein Care-Team ist noch nicht in Planung, kann aber, wenn notwendig, schnell formiert werden. Winterthur ist da gut vernetzt», meint Caroline Poltéra. Auch beim Zivilschutz ist man vorbereitet, wo die Betreuungs- und Pionierteams – letztere hatten die Unterkunft an der Adlerstrasse aufbereitet – umgehend abrufbar wären, auch wenn die Unterstützung von Freiwilligen für die Installation der Adlerstrasse-Unterkunft bislang gereicht hatte. In Abklärung sei zudem ein Angebot staatlich finanzierter Sprachkurse. Auch die Arbeitsintegration soll umgehend stark unterstützt werden. In erster Linie gehe es aber jetzt darum, angemessene Voraussetzungen zu schaffen – ein Dach über dem Kopf ist wichtiger, als am ersten Tag Arbeit zu finden. Die Sozialdienststelle will sich deshalb zunächst auf das Grundlegende konzentrieren, die Organisation von Unterkunft und Verpflegung. Anderes werde in einem zweiten Schritt angegangen. 

 

Auf Hinweise der Bevölkerung angewiesen

In Winterthur ist man sich aber auch im Klaren: Damit ist es bei Weitem nicht getan. Zwei Stockwerke im Adlergarten werden nicht für die gesamte Unterbringung der ukrainischen Geflüchteten in Winterthur reichen. Deshalb gilt es, auf allen Ebenen alle Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, so Stadtrat Nicolas Galladé bei der Orientierung. Wo man die Kapazität aufstocken will, ist noch nicht klar. Aber dies in konkrete Zahlen zu fassen, sei auch nicht das Ziel oder ein Anspruch, fügt der Stadtrat an: «Wir müssen Kapazität schaffen, wo wir zuvor keine eingeplant hatten.» Deshalb mache es auch wenig Sinn, in Zahlen zu denken. Primär gelte es, allen ein Dach über dem Kopf zu bieten, eine Unterkunft, die gut bewohnbar sei. Dafür müssen kontinuierlich und unkompliziert weitere Möglichkeiten erfasst werden. Dabei ist man auf Kooperation und solidarische Initiative angewiesen. So wurde auch die Idee, das alte Personalhaus zu nutzen, durch die Belegschaft an die Stadt gespielt, erklärte Daniel Knöpfli. Konkrete Gebäude, die als Unterkunft nutzbar wären, konnten letzte Woche noch nicht ins Auge gefasst werden. Deshalb ist man umso stärker auf die Initiative der Eigentümer eventuell nutzbarer Gebäude angewiesen, bei denen man darauf pocht, dass sie sich an die Stadt wenden. Wer in Winterthur Wohnraum zur Verfügung stellen kann, soll sich bitte bei wohnhilfe@win.ch melden.

 

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