«Humpa, Humpa, Humpa – Täterää!»

In der Reaktion auf die Flüchtlingssituation sind sich alle gleich: Der bourgeoise Salon, das plakative Re-Enactment und die Konzept-Aktionskunst. Wortgewaltig verleihen sie – nach Elfriede Jelineks Endlostextfläche «Die Schutzbefohlenen» – der Ambivalenz und der Ohnmacht Ausdruck. Und flüchten selber in Sarkasmus.

 

Nach zwei Stunden Selbstversuch, sich am ersten Teil der endlosen Textfläche von Elfriede Jelinek lesend abzuarbeiten, flog das Papier in eine Ecke. Obschon der Kopf drehte, blieb der Erkenntnisgewinn überschaubar und die sarkastische Grundtonalität drohte den Zugang zum eigenen Empathiezentrum zu vernebeln. «Sollen dies mir doch erzählen», fand ich und begab mich auf den einmaligen, achtstündigen Theaterparcours mit sechs Stationen durch die Stadt Zürich. Sinnigerweise bot das Drumherum annähernd gleichviel Hintersinn wie die inszenierten Annäherungen.

 

Ausgerechnet Bananen

Der weitaus sinnlichste Teil zum Schluss des Marathons hatte grad überhaupt nichts mit diesem Projekt zu tun, stellte aber beim einfachen Versuch des Kopflüftens das sinnbildlichste Erlebnis her. Hinter der Roten Fabrik kann man auf dem Steg «über Wasser gehen» und das potenzielle Sehnsuchtsziel scheint zum Greifen nahe. Während der Vollmond die glatte Seeoberfläche mit Glitzer zu einer Verlockung des Aufbruchs verwandelt, stapft man rückkehrend durch den tiefen Kies des Kinderspielplatzes und fühlt sich an schweren Gang am rettenden Meerufer erinnert. Die sechs Stationen haben also durchaus assoziative Eindrücke hinterlassen, wenngleich die Ambivalenz wie auch beim beschriebenen, hinkenden Vergleich mit einer Realität neben der eigentlichen Ohnmacht zum dominierenden Gefühl wird.

Das erste Beispiel ist die gesponserte Wegzehrung: Berge von Bananen stapeln sich im Foyer der Gessnerallee. Eine dramaturgische Überlegung stünde nicht dahinter, war mehrfach zu erfahren. Aha. Wem im Zusammenhang mit Flucht und Bananen die Vorzüge von Vitaminen und Nährwert statt des Vorrates für ein Affengehege in den Sinn kommt, hat Glück. Das zweite Beispiel ist der hiesige Fluchtreflex: Während Kinder in Halloween-Maskerade im Neumarkt Jelineks Text in alphabetischer Reihenfolge lesen – und dabei vor lauter Schnellsprech-Wiederholung «Fluch» statt «Flucht» sprechen – verlässt ein geschätzter Viertel des Publikums den Theatersaal. Quer über die Bühne. So schnell und so einfach lassen wir uns also vertreiben, denkts in dieser inszenierten Pause, die einem sonst Luft zum assoziativen Weiterdenken verschafft. Etwa über die potenzielle Kostenkorrelation zwischen dem Chartern eines (?) Flugzeugs und dieses theatralen Grossereignisses.

 

Immerhin Gegenwehr

Einzig die Gruppe «asuperheroscape» in der Roten Fabrik leistet aktiven Widerstand. Gegen die Deutungshoheit von Jelineks Text wie auch gegen den Ansatz, der Fluchtthematik mit Theatereleganz ein adäquates Pendant gegenüberzustellen. Plump und dreist wetteifern der überforderte barmherzige Schweizvertreter und der provokativ bellende Batman-DarthVader-Verschnitt um die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Wenigstens eine kleine, symbolische Geste proklamiert der Schweizvertreter als «kleinste gemeinsame Utopie» und versucht mit verständigem Zureden, etwas auszulösen. Das teuflische Pendant liest den Anwesenden die Leviten und fordert «Partizipation statt Integration» und listet konkrete Vorschläge auf, die brutal banal tönen, aber zum Schluss des Parcours das fast einzig Konkrete bleiben. Zuletzt betritt ein Engel mit Jahrgang 1932 die Bühne und sieht sich die Geschichte wiederholen – innerhalb nur eines Lebens: «Es sind Populisten am Werk, die wieder stolz sind, die bürgerliche Mitte hinter sich zu bringen.» Eine Drohkulisse, die in Kombination mit den beiden anderen Versuchen ein Triumvirat des Versuchs eines verzweifelten Aufrüttelns darstellt.

Entgegen der bewusst kenntlich gemachten Selbstironie durch plakative Plumpheit von «asuperheroscape» probt «Glückslose für Rechtlose» der beiden Kollektive «KURSK» und «Neue Dringlichkeit» in der Gessnerallee das Re-Enactment einer Flüchtlingscamp-Situation. Zehn Minuten Zeit bleiben den geschätzt knapp hundert Anwesenden, sich bei vier Amtsstellen für den privilegierten Zutritt zu Sofa und Cüpli zu qualifizieren, indem sie die zweite Hälfte eines Lottoscheins ausfüllen. Der erste Teil, das beweisen Handkameraaufnahmen, haben die Gruppen auf ihren Reisen in reale Flüchtlingslager von sich dort Aufhaltenden ausfüllen lassen und würden im Falle eines tatsächlichen Gewinns das Geld den Flüchtenden aushändigen. Weil, wie sie betonen, schon wenige Tausend Franken ausreichten, einen «anständigen Schlepper» (welch Wortkreation!) engagieren zu können. Das szenische Setting ist nachgerade peinlich. Und die zwei weiteren Projekte – die basisdemokratische Ausmarchung freier Gruppen um den Zuspruch ihres Projekts für diesen Parcours und die vorangegangene Verwendung von Jelineks Text als Unterrichtsmaterial in der «Autonomen Schule Zürich» – sind als Film-, respektive Textdokumentation greifbar und entfalten nachgerade den grotesken Eindruck entschuldigender Worte für das auf der Bühne präsentierte.

 

Intime Nähe

Eine vergleichbar schwierige Übersetzungsleistung eines vorangegangenen Projekts in eine Livesituation glückt Ivna Zic und Peter Waterhouse mit «Die, should sea be fallen in» um Längen eindringlicher. Schon die phonetische Wiedergabe von Jelineks Titel spricht Bände und die neunzehn Anwesenden AsylbewerberInnen – in Österreich – mischen in babylonisch vielsprachigen Sprechchören anderssprachige Textfetzen der Vorlage mit der Aufzählung von die Flucht nicht überlebten Mitreisenden und einer schriftlichen Antwort des Bundesamtes für Fremdenwesen und Asyl auf den offiziellen Ausreiseantrag der Anwesenden für dieses Zürcher Gastspiel. Durch die intime Nähe der Szenerie mit einem Carambole-Brett auf einem zentralen Teppich, der dicken Luft bei drückender Hitze und einem überbordenden Papierberg, entsteht zumindest für einmal in diesem Parcours so etwas wie Authentizität. Nicht zum einzigen Mal, aber das einzige Mal hinsichtlich der empathischen Nachfühlbarkeit einer einander zugewandten Verbindlichkeit unter Fremden, die barer Not gehorchend, improvisierte Versuche der Selbsthilfe unternehmen und dabei einbringen, was sie beitragen können. Und seis ein Lied, ein Tanz, ein Arabisch-Deutsch-Wörterbuch mit 1472 Seiten. Das dahinter stehende Übersetzungsprojekt der Gruppe «Versatorium» zusammen mit dem «Refugee Protest Camp Vienna», bleibt einem im Detail ebenso fremd wie die vergleichbare Zürcher Intervention mit der ASZ. Aber der Geist von fühlbarem Grass-Roots-Engagement hängt spürbar in der Luft und führt einen in diesem Parcours emotional am nächsten zu einer potenziellen Ahnung eines ungewissen Ausharrens in der Fremde. Und natürlich genauso zur gegenüberliegenden moralischen Frage einer Ausstellbarkeit von Menschen.

Physisch sehr nahe kommen dem Publikum auch die drei Meerjungfrauen (oder -menschen, da zwei von Männern dargestellt werden) im Beitrag des Jungen Schauspielhauses. In einem identischen Loop erzählt «Hoffen auf ein Leben im Irgendwo» aus der Perspektive dieser Unterwasserfabelwesen von Gefahren der Überfahrt. «Die Angst ist verächtlich / die schaut auf sie herab / und lacht sich einen Ast / an dem können sie sich dann festhalten», heisst es hier, die für jugendliche Flüchtende nochmals potenzierte Absurdität der eigenen Situation richtiggehend vorführend. Wenn die Rede zum zweiten Mal zu dem Punkt gelangt, als höhnisch über die Götter besänftigende Opferung – mangels freiwilliger eines Kindes – nachgedacht wird, treibt die Crew das Publikum zum Aufbruch und die drei Sirenen folgen uns weiter bezirzend bis nahezu ins Treppenhaus. Das ist ein Theatermoment, der sitzt. Die Ohnmacht der Ohnmächtigsten kennt als Ventil nur noch die Flucht ins Fabelhafte und verdeutlicht damit die Absolutheit der Ausweglosigkeit, der Lebensbedrohung, der Hoffnungslosigkeit. Auch der Satz der Sätze fällt hier: «Wo ist der Zorn?» Diese vier Worte entfalten ihre Wirkung über den Tag hinaus. Wessen Zorn? Unserer? Derer? Im Sinne von Stéphane Hessels «Empört Euch!» oder im Sinne der Bereitschaft zum Selbstmordattentat? Vier Worte, die sich beim nächtlichen übers Wasser sehen hinter der Roten Fabrik auch auf die ganze Übung dieses Theaterparcours anwenden lassen und einen – sehr wohl konstruktiv – ins Grübeln bringen.

 

Sollen sie doch Kuchen essen…

Nicht komplett überraschend ist die szenische Einrichtung von Barbara Frey auf der Pfauenbühne das formal überzeugendste Element dieses Kraftaktes. Im Stil des bourgeoisen Salons lassen sich Ensemblemitglieder vom Stier am Klavier, zwei Trommelnden und zwei SängerInnen in den Kokon der distanzierten Selbstgenügsamkeit tragen. Hier ist die Flucht in den Sarkasmus Selbstzweck und vergleichbar jenseitig wie die kolportierte Aussage einer örtlichen Yellow-Press-Celebrity, den Pelztieren um ihren Hals würde es doch jetzt weitaus besser gehen als in ihrem natürlichen Habitat. Die demonstrative Nähe zum Plebs zelebriert diese Haute-Volée mit Schunkeleinlagen und «Humpa, Humpa, Humpa – Täterää», was natürlich als Ausdruck restloser Überheblichkeit nur noch dadurch überboten werden kann, als sie im chorischen Textteil jeden Anflug von Empathie oder dem Eingestehen, dass es sich bei der Fluchtsituation auch nur im Entferntesten um eine real existierende Not handeln könnte, vermissen lassen. Sinnigerweise fühlte sich bei dieser Darbietung niemand veranlasst, diese beleidigende Darstellung bourgeoiser Ignoranz laut protestierend zu verlassen. Alle applaudierten brav. Ist ja bloss Theater. Die OpernsängerInnen waren doch adrett anzuhören, die Abendgarderobe ebenso wie die Frisierergebnisse akkurat. Und der Umweg über höfisches Gehabe enthob jede allfällige Zugehörigkeit zur dergestalt agierenden Gruppe in grotesker Überzeichnung grandios praktisch von jeglichem Ernst. «Moi» kann sich in diesem Salon sehr gut hemmungslos über die Wortakrobatin Jelinek erfreuen, sich über die geglückte Schauspielerführung und das nie den Takt verlierende Trommeln der Hausherrin vorzüglich unterhalten fühlen und sich über einer Neudefinition der Entführung der Europa an der kultivierten Originalität einer erfrischenden Sichtweise auf den bildungsbürgerlichen Kanon sogar im Intellekt geschmeichelt fühlen. Die Boshaftigkeit von Jelinek wird hier am krassesten auf die Spitze getrieben – und nichts geschieht!

Diesbezüglich darf man das gesamte Unterfangen Theaterparcours «Die Schutzbefohlenen» sehr wohl hinterfragen. Aber nicht nur.

 

Und jetzt?

Sechs mal zwanzig bis dreissig Minuten von sehr unterschiedlicher Qualität in Ausführung, zugrundeliegender Idee und Potenzial zu Gedankenanstoss en suite sind zuletzt eben doch sehr viel mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Der Rundgang mit Gruppenzugehörigkeitsbändeli und vorneweggetragener Buchstabentafel, auf dass die begleitete Reisegruppe ja den rechten Weg alias sicheren Transfer nicht zu verlieren drohe, hat was von all-inclusive Clubferien, auf die ja diesen Sommer wegen der veränderten Weltlage zumindest rund ums Mittelmeer leider verzichtet werden muss. Das wär dann eine mögliche der sarkastischen Lesarten. Eine zweite, dass keine der gezeigten Arbeiten über eine Ambivalenz hinauskommt und darum in der Hauptstossrichtung einer Darstellung von Ohnmacht in Variationen stecken bleibt. Demgegenüber stehen aber effektiv erlebte Gedankenanstösse – und seien sie beiläufig am Rand geschehen oder entsprängen sogar der ureigenen, privaten Kombinationsfantasterei – die eine Reaktion des simplen Belächelns als feiges Ausweichen entlarven. Also just wiedergeben, was mit einer rasch ausgeführten, abweisenden Handbewegung oder einer versimplifizierenden Schutzbehauptung der eigenen Machtlosigkeit tagtäglich millionenfach praktiziert wird.

Selbst die Frage, ob jetzt dieses ganze Brimborium einer Einmaldurchführung tatsächlich den Boden bildet für intellektuelle oder wahlweise empathische Auseinandersetzung mit der Flüchtlingssituation oder ob eben grad das möglicherweise individuell als vergebene Liebesmüh bekundete Scheitern dieses Grossprojekts, gleich selbst den Ausschlag für weiteres Nachdenken gibt, stellt per se schon einen Gedankenanstoss über den eigenen Tellerrand hinaus dar und ist deshalb allen Unzulänglichkeiten zum Trotz zu begrüssen. Zumal sogar darauf geachtet wurde, dass der Eintrittspreis für die grosse Tour mit 48 Franken nicht bereits qua pekuniärer Potenz ein potenziell interessiertes Publikum auseinanderdividierte. Dass man Kunstverachtende nicht so leicht – also ohne Zwang – mit Kunst therapieren kann, liegt in der Natur der persönlichen Freiheit der Freizeitgestaltung. Was als Privileg zu erkennen nicht zuletzt auch ein Teil dieses Parcours war.

 

Theaterparcours: «Die Schutzbefohlenen», 21. Mai, Schauspielhaus, Winkelwiese, Neumarkt, Gessnerallee, Rote Fabrik, Zürich. Texte: www.elfriedejelinek.com

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