Hoppla Georgette!

Zu dümmlicher, dämlicher, peinlicher Werbung habe ich ein ausgeprägt gespaltenes Verhältnis. Sie quält, belustigt, verärgert und erhebt mich gleichermassen. Wenig Erbauung und viel Fremdschämen verursacht bei mir besonders die unerträgliche Mundart, die durch Direktübertragung aus schriftlichem Hochdeutsch entsteht: «Für frischä Atem spüeled Si ihre Mund mit Schaumi!», und «Mit em Flaumi Wischmopp erreiched Si jede Winkel vo dä Träppe!», aber «Spräched Si davor mit irem Arzt über möglichi Näbewürkige». Ich war schon öfters drauf und dran, mein Körbchen irgendwo abzustellen und unverrichteten Einkaufs ein solcherart beschalltes Ladengeschäft fluchtartig wieder zu verlassen. 

Auch bei «fröhlichen» Kinderstimmen, die mir mit dauerexaltiertem Quieken und achterbahnartiger Satzmelodie Zuckerzeugs und Fun-Geräte ans Herz legen – oder ebenso schlimm: mit einem häääärzigen Nuscheln «Danke, Papi!» sülzen – frage ich mich: Bin ich die Einzige, die sich davon manipuliert fühlt, und kaufen andere Eltern wirklich das, was ihr Nachwuchs haben will (anstelle von dem, was sie diesem kaufen wollen)?

Wenn ich mir vor Augen halte, durch wie viele Instanzen die Werbung von Konzernen und Grossfirmen geht, wie viele Augen und Hirne deren Wirkung prüfen und bis ins kleinste Detail optimieren, und was das alles kostet, dann verstehe ich nicht, was die Pensionskasse meiner Nichtwahl geritten hat (also die BVK, die sich vor ein paar Jahren mit einer 10%igen Unterdeckung und anschliessender Senkung des Umwandlungssatzes im Herzen ihrer Versicherten einen ewigen Platz – in der schwarzen Ecke – sicherte), als sie die Kampagne «Hoppla Schorsch!» vom Stapel liess. 

Dieser flotte Spruch, den ich bisher auch gerne mal im Zusammenhang mit einem harmlos-lustigen Missgeschick verwendet habe, wurde mir dabei gründlich vergällt. Er kommentiert nämlich die Fotografie einer Frau, die an der Stirn über dem Auge einen schwarzblauen Flecken und eine Schramme hat. Meine ersten paar spontanen Gedanken dazu waren: «Ui, der Schorsch hat die Frau gehauen!», «Aber wieso ist das lustig?» «Vielleicht ein Aufruf, Gewalt an Frauen nicht zu verharmlosen.» «Oder an Frauen, Gewalt nicht als Unfall zu kaschieren?» «Aber die Frau lacht ja auch!» Die stimmigste Interpretation dieser emotional disparaten Signale, die ich meinem Hirn hinter schmerzhaft gerunzelter Stirn abfordern konnte, lautete: «Ok, dem Schorsch rutscht halt mal die Hand aus. Nicht so tragisch, Mädels. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!» Auf der Suche nach dem Sinn dahinter rief ich wie geheissen die dazugehörige Website auf und schaute mir den Reklamefilm an: Herr Biederbrav spielt Hans-guck-in-die-Luft und prallt gegen einen Pfosten. Tja, also… da war ich ratlos: «Bei den 2. Säulen holste dir bloss Beulen?» Jetzt musste ich wirklich lachen! 

Denn diese Schieflage aller heraufbeschworenen Assoziationen hat die BVK zu meinem Amüsement bis zum Schluss konsequent durchgezogen. Es war nämlich so gemeint, dass Herr Biederbrav – dank BVK – gar nicht verletzt wurde! In einer Art unfreiwilliger Selbstoffenbarung führt die Pensionskasse uns hier eine Wahrheit vor Augen, die sie sonst tunlichst zu verschweigen trachtet: Als Mann kommst du bei der 2. Säule noch mit dem Schrecken davon, während du als Frau nicht nur schmerzliche Einbussen hinnehmen, sondern auch noch gute Miene dazu machen sollst. Darauf dreimal kurz gelacht!

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