- Gedanken nach dem Jahreswechsel
Hoffnung«machen»?
«Sie schimmert, ist Anker und stirbt zuletzt. Grün ist sie sowieso.» Hübsch, dieser Einstieg ins Schlusswort eines Hoffnungsbuches, dessen Titel mir auf Anhieb überhaupt nicht gefiel. «Hope-Maker.» Zudem klang die Unterzeile beschönigend: «Hoffen in einer Welt im Wandel.» Nicht mal mit Fragezeichen!
Das klang wie die Ankündigung der Weihnachtsansprache, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Berliner Schloss Bellevue hielt. Christbaum, Reichsadler, schwarzer Anzug, rote Krawatte, SPD, inhaltlich bieder. «Es gibt Zeichen von Hoffnung und Grund zu Zuversicht», steht über dem Text seiner Rede. Darin aber auch Bemerkenswertes. Wenn wir gemeinsam mit andern nach gemeinsamen Zielen suchten, könnten wir Wege finden. «Wenn wir dabei andere mit echtem Interesse zu Wort kommen lassen und sie nicht nur mit dem behelligen, was wir selber schon immer für richtig halten. Orientierung gewinnen durch echtes Fragen, durch Offenheit, durch Gespräch und durch gemeinsames Tun: Das kann den vor uns liegenden Weg erhellen und ihm Richtung geben.» Vielleicht blieb beim Fernsehpublikum von diesem Kern am 25. Dezember etwas hängen.
Denkanstösse der Bundeswehr
Offenheit, echtes Fragen und Suchen. Genau. Auch bei der mir seit Jahren vertrauten Buchreihe, in der «Hope-Maker» erschien, faszinierte mich stets, dass sie auf Tagungen im Umfeld einer Universität der Bundeswehr in München basierten. Diese wurde 1973 vom damaligen Bundesverteidigungsminister Helmut Schmidt gegründet, um den «zukünftigen Offizierinnen und Offizieren ein ziviles akademisches Studium» anzubieten. Was von dort Lehrenden an Denkanstössen in die Debatten eingebracht wurde, fand ich immer wieder beachtlich. Seit nun 25 Jahren finden regelmässig Kolloquien zu «systemischen Fragen einer nachhaltigen Entwicklung» statt. Aktuell sind Susanne Hartard sowie Axel Schaffer für die Herausgabe der vorgetragenen Texte verantwortlich. Er ist an dieser Hochschule, die wohl der zwiespältigen Parole vom «Soldaten als Bürger in Uniform» zu einem besseren Profil verhelfen sollte, seit 2012 für den Themenbereich Wandel und Nachhaltigkeit zuständig, die Kollegin schon seit Beginn als Expertin dabei.
Dass die Menschheit «vor gewaltigen Transformationsaufgaben» steht, ist seit Langem bekannt. Nun erweist sich diese Notwendigkeit «in einer Welt, in der Konflikte den globalen Weltfrieden bedrohen und diverse Umweltkrisen die komplexen Zusammenhänge des Erdsystems empfindlich stören», zwar als alarmierend dringlich, doch sie gerät mehr und mehr aus dem Blick. Engagierte verlieren die Zuversicht, zentrale Probleme zu lösen oder kommende multiple Krisen wenigstens einzudämmen. «Was bleibt, ist die Hoffnung.» Also wurde sie bei den jüngsten Treffen ins Zentrum gerückt. Dies mit stets wissenschaftlichem Anspruch, doch sehr breitem Themenspektrum: Hope-Maker könnten sowohl Theorien, Institutionen oder Innovationen, Massenbewegungen, aber auch einzelne Menschen sein. Und sie reichten «bis hin zu neuen politischen Ansätzen, ästhetischen Erfahrungen oder den Selbststabilisierungskräften der Natur.»
Wälder können Hoffen beleben
Letzteres gefiel mir natürlich. «Baum, Hoffnung und die mittelalterliche Allegorie der Nachhaltigkeit» von Chen Cui zum Beispiel. Er befasste sich als Doktorand an der Uni Lausanne mit derartigen Themen, liefert schöne alte Bilder und Texte. Bäume vermögen ihr Gleichgewicht zwischen Verlust und Regeneration lange zu bewahren, wurden dafür in aller Welt verehrt. Ihr «unermüdlicher Kampf gegen Zerstörung und Erosion» könnte auch heute nicht nur eine Metapher für die Ausdauer der Pflanzenwelt sein, sondern Sinnbild für Hoffnung. Aber ist das nicht zu billig? Nein, denn hinten, im quasi praktischen Teil, zeigt Joachim Hamberger als Leiter des Bayrischen Amtes für Waldgenetik, «wie Wald beim Hoffen helfen kann». An der Bundeswehr-Universität hat er einen Lehrauftrag für nachhaltige Waldwirtschaft. Er blendet den Ernst der Lage nicht aus: Sie ist ja der Grund seiner Frage nach kräftigenden Orten. «Erholung und Heilung» sind Notwendigkeiten. Es gehe darum, sich vom «aggressiven Geschrei» der ideologisch rückwärtsgewandten AfD- oder MAGA-Leute nicht lähmen oder in Panik treiben zu lassen. Auch bei der besonders empfohlenen Suche nach Wirkmöglichkeiten im Lokalbereich spielt diese Sorge mit. Ihn mit vielen anderen gestalten. Nicht ohnmächtig werden! Wobei eine Fussnote klarstellt, dass dieses Mitwirken im Kleinen nicht ausreicht. «Alle grossen Handlungszwänge in der Politik sind heute transnationaler Natur: Migrationsbewegungen, egal ob klimabedingt oder kriegsverursacht, die Ressourcenverteilung global als Nord-Süd-Ungerechtigkeit oder in korrupten Kleptokratien, die Finanzmärkte, die Lieferketten, die Friedenspolitik.» Also nichts von Augen zu, sondern Klartext. Doch den von ihm exemplarisch und konkret in seiner Vielfältigkeit dargestellten Wert möglichst natürlicher und gut genutzter Wälder sollten wir nicht unterschätzen.
Davor geht es bei Dana Drüke, vorgestellt als externe Doktorandin der Armeehochschule, um «nachhaltige Lebensstile als Schlüssel zur Transformation urbaner Mobilität». Sie hat diesbezüglich vorab deutsche Städte im Blick und stellt auffällig positive Tendenzen im Süden des Landes fest. Aber auch Oslo oder Paris zeigten, dass und wie diesbezüglich Wenden gelingen könnten. Zürich kommt hier nicht vor, wird dafür in einem Beitrag über die «zirkuläre Rohstoffwirtschaft als Hoffnungsträger» als Modell-Stadt erwähnt. Und bei den Überlegungen zur zukunftstauglichen Umgestaltung der Arbeitswelt kommen alte ETH-Studien zum Bedingungslosen Grundeinkommen zu Ehren. Viel hat die in Zürich schon vor gut einem Jahrzehnt angerissene Forschung offenbar nicht bewirkt. Auch die dazu in Berlin damals durchgeführten Befragungen in Schulen hätten eher «ambivalente» Haltungen gegenüber solchen Vorschlägen gezeigt, mit einer Tendenz zur Polarisierung. Was die Schreibenden als seinerzeit an den Erhebungen direkt Beteiligte sehr bedauern, denn angesichts der aktuellen und bevorstehenden Umbrüche «in der spätkapitalistischen Arbeitsgesellschaft» könnte dieses Konzept «ein veritabler Hope-Maker» sein. Sie setzen ihrem Text denn auch eine Aussage zur Kraft der «Sozialutopie» voran, welche von Ernst Bloch stammt, dem Verfasser von «Das Prinzip Hoffnung». Er kommt in diesem vielseitigen Reader – wie Kant – wiederholt als philosophischer Anreger und wohl auch Tröster vor.
Wichtiges, schwieriges Thema
Dass die zwei Denker derzeit in aktuellen Medien relativ häufig auftauchen, ist Indiz für einen Mangel an politischen Visionen und den Wunsch nach Orientierung. Es gibt dazu ja auch etliche einschlägige Bücher. Ich hätte also als Basis für einen Gedankengang zum wichtigen und schwierigen Thema Hoffnung auch ein anderes wählen können, vielleicht ein einheitlicher linksgrün profiliertes. Dann wäre mir etwa der Ärger über den Text des Inhabers der Professur für nachwachsende Rohstoffe an der Technischen Hochschule in Bingen erspart geblieben, der von Elektroautos sowie sonst tollen Innovationen schwärmt und dumme Umweltaktivisten beschimpft, deren Strassenblockaden andere Menschen «dabei hindern, zur Arbeit zu kommen». Mir schien bei dieser Publikation jedoch die Nähe zum derzeit dominanten militärischen Komplex bemerkenswert und spannend. Dass hier, während in Kasernen nationale Kriegstüchtigkeit trainiert wird, Raum für die Suche nach anderen Wegen aus globalen Krisen bleibt – lässt das nicht schon ein wenig hoffen?
In meinen ‹Politeratour›-Beitrag für die erste ‹P.S.›-Ausgabe des letzten Jahres bezog ich eine bitter-kritische Analyse mit ein, deren Titel ich wegen der jüngsten Wahnsinnsaktion in Berlin kaum noch zu nennen wage: «Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps.» Dort kam auch der rüde provozierende Begriff der «Arschlochgesellschaft» vor. Sie schaffte es dann als Blickfang gar auf unser Cover. Charakterisiert wurde so eine rasant erstarkende gesellschaftliche Strömung, die Tadzio Müller, ein relativ junger, als Klimaaktivist politisch aber durchaus erfahrener Autor, für fast schon bedrohlicher hielt als alle ökologischen und ökonomischen Krisen zusammen. Denn das offensichtliche Scheitern von vernünftigen Versuchen, die uns bedrängenden Probleme zu lösen, führe dazu, dass eine Mehrheit diese nun zu verdrängen beginne. Parallel dazu wenden sich unterschiedliche, medial vereinte Minderheiten gegen die bereits ergriffenen Massnahmen: veränderungsunwillig oder veränderungsmüde, reaktionär und aggressiv. Dass unser privilegierter Lebensstil global die weniger Gesicherten sowie künftige Generationen existenziell bedroht? «Mir doch egal!»
Leider hat sich diese Beobachtung als verdammt zutreffend erwiesen, und mit dem Beginn des zweiten Anlaufs von Trump kam die global wachsende Minderheit zu ihrem Idol. Die immer wütenderen Töne gegen alles Grüne und entsprechende Abstimmungsergebnisse haben diesen Trend in den vergangenen Monaten auch hierzulande bestätigt. So wurde die von den Jusos in einem völlig anderen Klima lancierte Zukunftsinitiative, die durch erst sehr weit oben greifende Erbschaftssteuern eine sozial ausgestaltete Klimapolitik fördern wollte, förmlich abgeschmettert. Auch die alltägliche «Mir doch egal»-Demo in Kloten führt uns zeitweise allzu Hoffnungsvollen vor, dass die «Fridays for Future»-Phase nun vorbei ist. ‹Tages-Anzeiger› vom 12. November: «Tagesrekord erneut gebrochen.» 3,17 Millionen Fluggäste seien es im Oktober gewesen, wieder 6,7 Prozent mehr als im Vorjahr. Solches meldet die Pressestelle des Flughafens stets mit Stolz. Schon am 17. Juli 2023 – also rund fünf Jahre nachdem Greta Thunberg ihren zuerst einsamen Schulstreik begonnen hatte und im Zuge der ausgelösten Bewegung gar von Flugscham die Rede war – feierte ‹Zurich Airport› nach dem ersten Ferienwochenende ihren «neuen Passagierrekord seit vor der Pandemie». Sie hätten die 100 000-Marke erreicht, näherten sich wieder dem «Spitzentag» vom 28. Juli 2019 …
Einfach trotz allem handeln
Wie da noch weiter hoffen? In den ersten Januartagen kam eine ‹umverkehR›-Mail: «Jetzt legen wir richtig los.» Eine nationale Volksinitiative zur Einführung einer Flugticketabgabe sei vorbereitet. Sie soll die Vielfliegerei stoppen, den Bahnverkehr fördern. Das sei für eine kleine Organisation zwar ein ambitioniertes, vielleicht sogar waghalsiges Projekt. Aber die ersten Umfragen dazu sehen nicht schlecht aus. Auf der Website wird zudem an die teils durchaus erfolgreiche Stadtklima-Initiativen in bereits zwölf Städten und Gemeinden sowie an die seit zwanzig Jahren durchgeführten Aktionstage erinnert, an denen demonstrativ «Parkplätze in Lebensraum» verwandelt werden. Ein gutes Beispiel, wie Wandel an der Basis, lokal, lustvoll beginnen und sich ausweiten kann.
Auf dem Schreibtisch liegt zudem eine ‹Friedenszeitung›, die mich an eine Tagung im Dezember erinnert. Sie war im Umfeld eines langen, nahen Krieges und allgemeiner Militarisierung vom Thema her schwieriger und mit dem Motto «Handeln statt Hoffen» eine Herausforderung. Doch nach dem Treffen, den ungeschminkt besorgten Referaten und offenen Gesprächen am Rand war die Bedrückung geringer als davor. Auch gegen die schlimmen Nachrichten dieser Tage fühle ich mich nun besser gewappnet. Einige der beteiligten Personen sowie der von ihnen eingebrachten Gedanken finden sich im zur Veranstaltung vorgelegten Heft. «Für einen politischen Pazifismus» lautet der Titel eines eindrücklichen einleitenden Essays, in dem der Historiker Jakob Tanner beim Sichten der Entwicklung der Friedensbewegung weiterführende Leitlinien herausfiltert. Zum jetzt vordringlichen Kampf gegen nationalchauvinistische und rechtsextreme Parteien müsse die Bewahrung und Neubelebung des nach zwei Weltkriegen zumindest ansatzweise Errungenen kommen: «Demokratie, Menschenrechte, Völkerrecht und Gewaltverbot sind die unverrückbaren Leitsterne.» Allerdings an einem derzeit düsteren Horizont, wäre tagesaktuell anzufügen. Hoffnung?! Handeln!? Sich gemeinsam bemühen und stärken.
Hope-Maker. Hoffen in einer Welt im Wandel. Herausgegeben von Susanne Hartard und Axel Schaffer. Metropolis-Verlag für Ökonomie, Gesellschaft und Politik, Marburg 2025, 299 Seiten, 30 Euro.
Tadzio Müller: Zwischen friedlicher Sabotage und Kollaps. Wie ich lernte, die Zukunft wieder zu lieben. Mandelbaum, Wien 2024, 316 Seiten, 20 Euro.
Friedenszeitung. Nummer 55 / Dezember 2025. Zum 80-Jahr-Jubiläum des Schweizerischen Friedensrates. 32 Seiten. Schnupper-Abonnement kostenfrei via www.friedensrat.ch. Auch das Referat von Jakob Tanner findet sich dort.