- Gedanken zur Woche
Hitzewellen und Nullnummern
«Mir hat es gereicht! Jetzt habe ich auch eine Klimaanlage bestellt», erzählte mir ein Freund während einer gemeinsamen Zugfahrt. Seine Frau war davon nur mässig begeistert. Die Klimaanlage sei unnötig, verbrauche zu viel Strom. Diese Diskussion ist wohl eine, die an vielen Küchentischen und in vielen Arbeitspausen geführt wird. Auch ich habe ein paar Mal nach Klimaanlagen gegoogelt, obwohl ich in einer Wohnung lebe, die man verhältnismässig gut nachts durchlüften und damit auch abkühlen kann. Gegen Ende der Hitzewelle nützte aber auch dies nichts mehr. Viel schlimmer ist es ja im P.S.-Büro, das sich jeweils ab Mitte Juni in einen Backofen verwandelt, der vielleicht so im September wieder etwas abkühlt. Das lässt sich nur aushalten, weil wir eine längere Sommerpause machen. Aber konzentriert arbeiten ist in diesen Büroräumen nicht möglich.
Die Hitzewelle war und ist wieder so ein Moment, an dem man hofft, es kommt wieder etwas in Gang. Und am besten nicht nur bei den Klimaanlagen. Doch auch die sind nicht irrelevant, selbst wenn sie, wie Rolf Cavalli im Blick schreibt, zum «Symbol der Kapitulation vor dem Klimawandel» geworden sind. Natürlich müssen wir nicht wie in den USA so runterkühlen, dass man einen Pullover anziehen muss. Aber wir sind an einem Punkt, wo man sagen muss, es ist nicht zumutbar, in einem 35 Grad warmen Klassenzimmer Unterricht abzuhalten, und es ist nicht akzeptabel, wenn – insbesondere vulnerable – Menschen an der Hitze sterben. Wir können nicht mehr akzeptieren, dass man in Spitälern, Alterszentren, Schulen und eigentlich überall keine halbwegs aushaltbare Temperatur hat. Und selbstverständlich braucht es auch Schutzmassnahmen für jene, die draussen arbeiten müssen. Es gibt dazu auch technische Lösungen, die einigermassen klimafreundlich sind.
Und natürlich kann man es nicht bei den Klimaanlagen belassen. Es braucht mehr Grün, mehr Bäume, mehr unversiegelte Fläche. Ein konsequentes Verfolgen der Klimaziele. Alles wurde in diversen Papieren schon festgehalten und diverse Vorstösse wurden auch wieder eingereicht. Die Frage ist: Passiert jetzt endlich was?
Das ist die Tragik an der Geschichte: Wir wären jetzt vielleicht nicht an dem Punkt, wo wir schwitzend und matt uns durch die zu heissen Strassen schleppen und in der Nacht kaum schlafen können, weil es nicht mehr abkühlt. Wir wären vielleicht nicht da, hätte man schon früher konsequent Massnahmen ergriffen. Und das wäre sogar wohl auch möglich gewesen ohne grossen Verzicht und Verlust. Denn das Problem der Klimaerwärmung ist nicht neu, genauso wenig wie das Problem der versiegelten Böden. Man hat es nicht getan, weil man offenbar nur dann handeln kann, wenn einem das Wasser schon fast bis zum Hals steht.
Rolf Cavalli zeigt denn mit dem Mahnfinger auf die rotgrünen Städte: «Ausgerechnet die rot-grün regierten Städte trifft es besonders hart. Gerade sie haben viel versäumt. Versiegelte Innenstädte und zu wenig Grün machen urbane Gebiete im Hochsommer zu Hitzeinseln.» Dabei unterschlägt Cavalli zum einen, dass die Städte längst umgedacht haben. Aber solche Massnahmen dauern lange, bis sie spürbar werden, und sie sind zum zweiten mit recht viel Widerstand konfrontiert.
Und was er zum anderen ausblendet, ist, dass diese ganze Misere nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern klare Ursachen hat. Und Verursacher. Das zu benennen ist nicht Panikmache, wie Bundesrat Albert Rösti suggeriert, sondern Fakt. Rösti nehme das Thema Klimawandel ernst, meint er gegenüber SRF. Aber: «Wir müssen die Verhältnismässigkeit wahren. Wenn wir jetzt ein paar Tage 34 oder 35 Grad haben, darf man das nicht übertreiben und sofort ein Katastrophenszenario an die Wand malen.» Genau und überhaupt: «Die Schweiz allein kann mit ihren Massnahmen das globale Klima nicht beeinflussen.»
Immerhin, er glaubt an den Klimawandel, wie er gegenüber dem Blick ausführt: «Das spürt jeder in der Schweiz.» Auf die Frage, wie er mit Klimaleugnern in der SVP umgeht, antwortet er wie folgt: «Ich glaube nicht, dass in der SVP jemand den Klimawandel leugnet. Es geht wohl eher um die Frage, wie stark der Mensch den Klimawandel beeinflusst.» Was der Kern der Klimalüge ist. Oder um es in den Worten von SVP-Präsident Marcel Dettling zu sagen: «Wenn man jetzt einfach dem Menschen die Schuld an der Klimaerwärmung gibt, ist das eine neue Form der Hexenjagd.» Dies sagte er jedenfalls vor seiner Wahl als Präsident in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. Im Übrigen sind Klimamassnahmen reine Scharlatanerie: «Solche Massnahmen werden kaum etwas bringen. Viel wichtiger ist es, dass wir uns anpassen. Das macht die Menschheit seit Jahrtausenden.» Dettling sieht es positiv: «Es ist mir lieber, wenn es wärmer wird als kälter.» Man fragt sich, wie positiv er es dann findet, wenn dereinst durch den Klimawandel einzelne Gebiete unbewohnbar werden und dies Flüchtlingswellen auslöst.
Man könnte das abtun als dummes Geschwätz, als Minderheitenmeinung. Leider ist das die Haltung des Präsidenten der stärksten Partei, dessen Partei aller Voraussicht nach in den nächsten Wahlen noch mehr zulegen wird. Und es ist die Partei, die den Umweltminister stellt. Der nicht will, dass wir übertreiben, und der gerade vor kurzem veranlasst hat, dass die Grenzwerte für die Temperaturen von Kühlwasser von AKWs gelockert werden. Damit auch die Fische schön warm haben.
Und tatsächlich wäre auch dies nicht so schlimm, wenn man nur in der Schweiz so denken würde, da hat Rösti schon recht – die Schweiz allein löst den Klimawandel nicht. Nur ist im Weissen Haus einer am Werk, der ähnlich denkt wie Dettling und den Klimawandel als «Hoax», als bewusste Falschmeldung, bezeichnet. Man kann nur noch auf die Chinesen hoffen, die massiv in erneuerbare Energien investieren.
Die Aussage, dass man in der Schweiz nichts tun kann, dass wir nichts tun können, ausser vielleicht eine Klimaanlage zu bestellen, ist falsch. Tatsächlich haben die Klimastreiks und die Klimawahlen für eine gewisse Zeit dafür gesorgt, dass politisch etwas getan wurde. So wie beispielsweise das Klima- und Innovationsgesetz, das 2022 verabschiedet und 2023 mit deutlichem Mehr angenommen wurde, das vorsieht, dass wir bis 2050 unsere Treibhausgasemissionen auf Netto Null senken müssen. Damit dies auch real umgesetzt wird, dürfen bei den nächsten Wahlen nicht die Dettlings gewinnen. Sonst wird es wirklich ungemütlich.