Hinterrücks

François Ozons Offerte, dem so schön gescheiten Denken von Albert Camus sprichwörtlich zusehen zu können, führt in «L‘étranger» zu einem beglückenden Film­erleben.

In überwältigender Freude feiert die Kolonialmacht die eigene Leistung der Überwindung alles Barbarischen, das im Subtext des einleitenden Werbeclips als bislang die Stadt Algier in einer Rückständigkeit festgehalten habende mitschwingt. Die Zivilisation und alles Positivistische, was sich da hinein suggerieren lässt, sei damit über einen weiteren Teil der Menschheit gekommen. Meursault, ein aussergewöhnlich mysteriös entrückt schöner Jüngling (Benjamin Voisin), dem jeder Ehrgeiz für das weitere emotionale Ergründen des eigenen Daseins abgeht, erträgt zuerst mit derselben Stoik das Beerdigungszeremoniell seiner Mutter, wie er später eine körperlich innige Verbindung mit Marie (Rebecca Marder) eingeht und auslebt. Ob sie ihn liebe oder nicht (und vice-versa), verändere an ihrer jetzt gelebten Verbindung rein gar nichts, denn «eine Liebe ist wie die andere». Der Nachbar (Denis Lavant), der seinen Hund mit Schlägen liebkost, der Nachbar (Pierre Lottin) der sich vom Anschaffen seiner jeweiligen Liebsten aushalten lässt und vielleicht auch der Schuss, der Mersault ohne jede erkennbare Motivation auf einen zufällig ebenfalls am Strand anwesenden Araber abgibt und ihn damit tötet, können in der Theorie unter diesem schwammig-nichtssagenden Begriff subsumiert werden. Die angebliche Zivilisation stellt denn während eines Gerichtsprozesses nicht etwa die Tötung eines Menschen als obersten Punkt auf die Anklage gegen Mersault, sondern sein mehrfach bezeugtes soziales Fehlverhalten, sich angesichts der Pflicht zur äusserlich erkennbaren Trauer hinsichtlich des Hinschieds der eigenen Mutter nicht ausreichend erschüttert gezeigt zu haben. «Ich habe aufgehört, mich selber zu hinterfragen», ist das Äusserste, was Mersault an einer annähernd entschuldigenden Bemerkung überhaupt über die Lippen kommt. Als Grund für seine Tat benennt er die Sonne. Dieses Zeremoniell der Gleichgültigkeit mit einem Musterbeispiel als angeblichem Hauptmotiv, worüber sich zu echauffieren alle bei Verstand auf Anhieb einigen können, steht bei Camus im direkten Widerstreit mit der gedankenlos akzeptierten Gleichgültigkeit, die als angeblich nicht veränderbar, sogenannt sozialverträglich und deshalb dem gesellschaftlichen Kitt zuträglich angesehen wird. Die Raffinesse von Albert Camus ist ausgesprochen hinterrücks, die Symbolik sagenhaft trefflich und die daraus entspringende Menschheitsanalyse: absonderlich abgründig schlecht.

«L’étranger» spielt in den Kinos Houdini, Le Paris, Piccadilly.