(Bild: Jos Schmid)

Herrreinspaziert!

«Daimon!» ist eine Neufassung der Abnormitätenschauen auf Jahrmärkten aus dem 19. Jahrhundert.

Den Inhalt von Christoph Raths «Daimon!» integral und nachvollziehbar wiederzugeben, ist ehrlich gesagt genausowenig möglich, wie es primär auch nicht von Belang ist. Die Form, angefangen bei der fulminanten Kostümierung von Milky Daimond, und der Fokus auf den Effekt und seis die Überraschung, scheinen hier noch vor einer Detailverständlichkeit in der Absicht der Absender:innen zu stehen. Der Spassfaktor und der Unterhaltungswert stehen in dieser faszinierenden Freakshow weit über jeder punktgenauen Wissensvermittlungsabsicht. Grosso modo ist natürlich alles klar. Christoph Rath, Judith Cunéod, Anna-Katharina und Josef Mohamed teilen sich in zahllose untereinander wechselnde Rollen, die zeitgleich eine Hoffnungs- und Erlösungsprojektion in eine unbekannte Ferne alias Weltall projizieren, wie sie zugleich die seit Menschengedenken bestehende Ausgrenzung, Abstrafung und Verteufelung von allem einer angeblichen Norm minimal Abweichendem vorexerzieren. Im Hier und Jetzt ist die Leitung der Expedition zu einer alles kontrollierenden Künstlichen Intelligenz ausgelagert, die sich natürlich niemals irrt und sowieso alles weiss. Der grosse Austausch, also nicht die verschwörerische Irrlehre von Rechtsaussen, sondern die Anwesenheit von sogenannt ausserirdischer Intelligenz, hat in dieser Lesart bereits vor Jahrtausenden eingesetzt – wer, glauben Sie, hat die Pyramiden gebaut? – und hat sich seither erfolgreich ausgebreitet, durchgesetzt und findet sich jetzt im Disput um eine Machtfülle und Deutungshoheit mit Einsen und Nullen. Die Stossrichtung der Behauptung und Verteidigung eines freien Willens, sich dort zugehörig zu fühlen, wo es für jemanden am stimmigsten erscheint – es kann auch ein Eremitendasein sein – steht als emanzipatorischer Grundgedanke über allem. Auf halber Strecke treffen Glaubensbekenntnisse auf Häresie und Forschungsdrang auf sich vergaloppierende Auswüchse wie Eugenik. Zunehmend beschleicht einen auch das nicht unbedingt beruhigende Gefühl, höchstselbst von einer bewusst mit dem stümperhaften Dilettantismus kokettierenden Elitetruppe am Nasenring durch die Arena gezogen zu werden. Mit Anknüpfungspunkten für Assoziationen zu real problematischen Parallelthemen wuchert die Produktion regelrecht. Die damit mitunter erwirkte Verwirrung ist als augenscheinliches Ablenkungsmanöver erkennbar, das kritische Denken bitteschön einzustellen. Hier wird gefeiert, geprotzt und über die Stränge geschlagen. An die Folgen eines Katers will während einer solchen Sause natürlich niemand denken.

«Daimon! Feat. Detective Vampyres from Saturn!», bis 22.6., Fabriktheater, Zürich.

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.