- Winterthur
Hello wnti.ch, bye ‹Landbote›?
«Die Erwartungen an wnti.ch sind sehr hoch», bestätigt Tizian Schöni, Chefredaktor des neuen online-Mediums wnti.ch. Mit den beschränkten finanziellen Mitteln könnten diese aber natürlich noch nicht alle befriedigt werden. Seit rund einem Monat flattert der «Wnti-Brief» nun jeweils von Montag bis Freitag ins elektronische Postfach, seit dieser Woche ergänzt um einen speziellen Newsletter zum Thema Stadtparlament. Das Feedback, so Schöni, sei grundsätzlich positiv, die Redaktion erhalte viele Inputs, «was man auch noch machen könnte». Seit dem Start ist die Zahl der Leser:innen beinahe um 50 Prozent angestiegen und liegt nun bei rund 3000. Dieses organische Wachstum entspreche den Absichten von wnti, betont Schöni, da keine Mittel für eine «agressive Wachstumsstrategie» vorhanden seien. «Ich bin eigentlich zufrieden, wie wir uns schrittweise entwickeln, vor allem auch in der Qualität der Inhalte.» Mit regelmässigen Kolumnen startete wnti.ch dieser Tage neben der Parlamentsberichterstattung einen weiteren Ausbauschritt. Diese sollen auch dazu dienen, die Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen zu entwickeln und das Medium breiter zu verankern. Aktuell sind es Vereine und Institutionen aus dem historischen Umfeld, wie zum Beispiel der Historische Verein, der Frauenstadtrundgang oder das Münzkabinett, welche für Kolumnen angefragt wurden.
Eine – zugegebenermassen nicht repräsentative – Umfrage bei Nutzer:innen aus Politik und Kultur ergibt einen grossen Vertrauensvorschuss für wnti.ch: «Mir ist der grundsätzlich empathische Schreibstil aufgefallen», meint eine Nutzerin stellvertretend für ähnliche Rückmeldungen, der sich positiv von den gängigen Medien abhebe. Die meisten Nutzer:innen lesen wnti.ch täglich, überfliegen die Beiträge zumindest und haben Themen entdeckt, die für sie neu gewesen sind. Andererseits wird eine gewisse Beliebigkeit der Themen moniert, respektive stelle sich die Frage nach der Relevanz der gewählten Themen. «Journalistisch besteht sicher noch Potenzial», ist der faktisch durchgängige Tenor. Aber grundsätzlich wird das Medium geschätzt und wird eingeräumt, dass es Zeit brauche, um sich weiterzuentwickeln. Diese Zeit wird wnti.ch weitgehend auch zugestanden. Vereinzelt wird allerdings auch gesagt, dass die Aufmerksamkeit gegenüber wnti.ch bereits wieder abnehme, und eventuell eine wöchentliche Ausgabe mit zwei, drei Schwerpunktbeiträgen grössere Resonanz finden würde.
Der ‹Landbote› serbelt dahin
Auch wenn Tizian Schöni festhält, dass die Idee für wnti schon längere Zeit herumgetragen wurde, war der Auslöser für die Lancierung nicht zuletzt die im letzten Sommer bekannt gewordenen Pläne für weitere Abbaumassnahmen durch Tamedia bei der Lokalzeitung ‹Der Landbote›. Diese verfügt nun in der Printausgabe über keinen explizit der Stadt Winterthur gewidmeten Bereich mehr. Winterthur, die sechstgrösste Stadt der Schweiz, wurde auf die Stufe von Dägerlen, Altikon oder Seuzach herabgestuft und erscheint im Gefäss «Region». Da findet sich ein Durcheinander von Berichten aus dem Weinland, Tösstal, Illnau-Effretikon und Winterthur. Eigene Recherchen haben Seltenheitswert. Auffallend sind die umfangreichen Berichte aus dem Gastrobereich, die offenbar gute Klickraten auf der Online-Plattform generieren.
Die normale Printauflage hat sich seit der vollständigen Übernahme durch Tamedia 2014 auf noch etwas über 18 500 faktisch halbiert – was sich nicht einfach mit geändertem Leseverhalten erklären lässt, sondern auch auf den ständigen Qualitätsabbau. Seit Anfang Mai verfügt der ‹Landbote› nun auch über keine eigene Website mehr. Die Online-Berichte sind neu auf der TA-Seite zu finden. Auch da fällt die Orientierung schwer. Die Geringschätzung Winterthurs in der Tamedia-Zentrale zeigt sich auch darin, dass FCZ und GC im Gegensatz zum FCW je über einen eigenen Bereich verfügen. Berichte über lokale Kulturereignisse sind kaum vorhanden. Begründet wurden die Abbaumassnahmen jeweils mit dem Spardruck. Gleichzeitig wurden gemäss verschiedenen Medien, u.a. auch der WOZ, an die Aktionäre in den letzten 15 Jahren gegen 700 Millionen Franken Dividenden ausbezahlt, an die Unternehmensleitung rund 100 Millionen. Ein Bruchteil davon hätte genügt, den ‹Landboten› weiterhin als eigenständige Marke zu profilieren. Trotzdem ist er aktuell das Medium, das immer noch die breiteste Berichterstattung in Winterthur gewährleistet: «Hello wnti, bye Landbote» ist aktuell (noch) keine Option – aber wnti.ch verkörpert Aufbruch, während der Landbote eher das Bild einer Fussballmannschaft widergibt, die unaufhaltsam dem Abstieg entgegen taumelt. Vielleicht würde ein «Trainerwechsel» an der Werdstrasse in Zürich auch beim ‹Landboten› zu neuem Elan führen.