- Kultur
Heimsuchung
«Das Luftschiff» von X Schneeberger ist sprunghaft, assoziativ, ausufernd. Astride Schlaefli übersetzt dies in ihrer Inszenierung mit einer multimedial bespielbaren Bühne, die zwischen einem Aufbegehren von Restleben auf der Mülldeponie und einer Ersteroberung Künstlicher Intelligenz von toter Materie changiert. Mittendrin: Michael Wolf. Schwelgerisch träumend von zurückliegenden Galaauftritten als gefeierte Dragperfomer:in, deren grazile Körperhaltung sich in die muskuläre Erinnerung eingeschrieben hat, bis zutiefst erschüttert in sich gekehrt hadernd und zweifelnd, detailversessen bis aufs mikroskopisch Kleine hinein Ursache, Wirkung und Wechselwirkung ergründen zu wollen, irgendwas nestelnd und brabbelnd. Eine Erzählung in einem herkömmlichen Sinn ergibt sich erst aus der Distanz, dem einordnenden Blick auf das Ganze. Es ist ein Dasein in Unruhe. Von innen heraus empfunden, von aussen mit Befremden, Anfeindung, mitunter auch Begeisterung quittiert. Das Vorübergehende ist immer im Augenblick ein tragendes entscheidendes Empfinden, dem handkehrum sogleich das Erlösende oder eben Niederschmetternde der Erkenntnis dieser ewiggleichen Flüchtigkeit auf dem Fusse folgt. Es ist eine einzige Turbulenz. Ob am Boden oder in der Luft. Nirgends kann ein Halt als sicher vorausgesetzt werden. Die Wehmut über vergangene Zeiten bläst aus Windmaschinen Daunenfedern über die Szenerie, während Blitze, Schallplatten und Accessoires eine mumifizierte Erinnerung als ein Hologramm heraufbeschwört, das in sich bereits die Komplettverunsicherung trägt, ohnehin nicht in ihrer Herkunft unterschieden werden zu können. Trugbild einer vormaligen Realität oder Wunschideal eines unmöglichen Traums? Micheal Wolf versucht sich an haptisch fassbaren Tatsachen wie Polaroidfotografien festzuhalten, um eine Selbstverwegisserung zu erreichen, die ihm jederzeit von Neuem entwischt.
«Das Luftschiff», 21.2., Zentralwäscherei, Zürich. Nächstmals: 10.4., Theater Ticino, Wädenswil, 23/24.4., ThiK, Baden.