Hausgemachter Ladenhüter

In Einkaufszentren, Bahnhöfen und beim Online-Shopping bin ich wichtig. Man fragt mich nämlich um meine Meinung: Wie war die Sauberkeit auf unseren WCs (von Smiley über Stirnrunzli zu Chötzli)? Wie nützlich war die Beratung in unserer Apotheke (auf einer Skala von 1 bis 10)? Wie gut hat Ihnen das Einkaufserlebnis gefallen (von judihudi-Grün bis fuchsteufels-Rot)? Ich bringe nicht immer den Nerv dafür auf, weiss ich doch, dass ich tatsächlich etwas hergebe, indem ich meinen Senf dazu gebe, nämlich wertvolle Informationen darüber, wie man mir künftig noch mehr Kommerz andrehen und Geld aus der Tasche ziehen könnte. Der Markt halt, der Markt! Der braucht diese Daten wie Schmieröl, sonst kommt sein Räderwerk ins Stocken. Die orangen Grossverteiler etwa haben Social-Media-Instrumente kreiert, um ihrer Kundschaft auf den Zahn zu fühlen: Würde diese eher Mangosenf oder Feigensenf kaufen? Was, Litschi? Gut, machen wir! Warum gammeln feierabends noch so viele Schinkenbrote rum? – Ach so, zur Zeit ist vegan Trend. Die unsichtbare Hand des Marktes. Die heilende Kraft des Marktes. Die heilige Unantastbarkeit des Marktes. Funktioniert alles nur, wenn der Markt a) weiss und b) hat, was die Leute wollen oder brauchen.

 

Ist so. Ist auch auf dem Arbeitsmarkt so – wenn auch eingeschränkt. Es hat halt nicht immer das, was wir gerne möchten, nämlich etwas Sinnvolles, gut Bezahltes, Eigenverantwortliches, etwas in der Nähe, mit Menschen und nicht allzu dumpfbackig. Solche Jobs wollen wir schliesslich alle, nicht nur wegen Geld. Das sind sozusagen frische Semmeln, heisse Ware, hart umkämpft! Wobei – Moment. Hier hat’s doch freie Stellen zuhauf, noch und nöcher, in Hülle und Fülle: allein im Kanton Zürich per ersten Augsten 800 Festanstellungen und 200 Temporärjobs … im Volksschulwesen!

 

Wie kann das sein? Wie konnte so ein ‹krisensicherer Beruf› zum Ladenhüter werden? Fragen Sie nicht die Lehrpersonen – die wurden ja schon gefragt, x-fach, kreuz und quer, rauf und runter. Allein: Sie wurden nicht erhört. Denn die Bildungsoberen nehmen ihr Fussvolk nicht ernst. Sie wissen es a priori selber besser. Schon bei der Erarbeitung des überladenen und kryptischen Lehrplans 21 ist ein (linker) Teil der Lehrpersonenvertretung im Kanton Zürich aus der Vernehmlassung ausgetreten, weil dieser konsequent überhört wurde. Und seit den Anfängen des neuen Berufsauftrags bemängeln die Verbände, dass die aus den Unterrichtslektionen errechnete Jahresarbeitszeit nie und nimmer hinreicht, um das Pensum zu bewältigen. 

 

Die Lösungsansätze der Bildungsdirektion reichen alle den Schwarzen Peter im Lehrkörper herum: Zu viele Frauen senkten das Prestige, zu viele Fachlehrpersonen pickten Rosinen heraus, man bräuchte Quereinsteiger zur Blutauffrischung, mehr Vollzeit Arbeitende usw. Geradezu lachhaft, wie  man mutwillig daran vorbeischielt, dass Lehrpersonen mit Teilzeitarbeit sogar die Sozialwerke schonen, indem sie sich unter Lohnverzicht vor Burnout schützen. Bei der Arbeitszeit­erfassung sollen zwar alle Nebentätigkeiten erhoben werden (etwa 15 Prozent des Berufsalltags), nicht jedoch der Hauptharst, der Unterricht. Das ist aktives Nicht-Wissen-Wollen der Hauptsache – wie wenn Sie im verstopften verdreckten Bahnhofsklo zwar um Ihre Meinung gefragt werden, aber nur zur Farbe der Handtücher und zum Design des Seifenspenders… Note: ungenügend. Hausaufgabe: nachbessern, aber tifig!

 

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