Harte Arbeit

Interviews im Fernsehen nach sportlichen Wettbewerben sind eine leidige Sache. Egal ob Sportler oder Trainerin, es werden immer die gleichen Plattitüden bemüht. Eine davon ist die «harte Arbeit». Der Sieg war selbstredend das Ergebnis harter Arbeit, und jetzt muss man weiter hart arbeiten, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Umso mehr muss man nach der Niederlage hart arbeiten, um aus dem Tief wieder auf die Erfolgsstrasse zu gelangen. Auch Wirtschaftsführer:innen inszenieren sich gern als hart arbeitend. Aufstehen um vier Uhr morgens, eine Runde Jogging, arbeiten bis acht oder zehn Uhr abends, danach allenfalls noch zum Afterwork-Drink mit den Mitarbeitenden oder in die Oper mit einem Kunden. Ja, der Erfolg will verdient sein. Getreu dem liberalen Credo, dass sich Leistung lohne und harte Arbeit der Weg zu Glück und Wohlstand sei.

Ich dagegen beispielsweise bin kein harter Arbeiter, sondern mehr so die Lebeperson. Ich finde, dass nach acht Stunden Arbeit genug ist: Zeit für den Apero mit Kumpels, einen Konzertbesuch oder einen Kuschel­abend mit der Liebsten. Da ist es kein Wunder, dass ich mit bald sechzig Jahren noch nichts erreicht habe! Im Beruf lediglich Angestellter ohne Kaderfunktion, als Musiker lediglich einige Auftritte mit der Feierabendband, als Schreiber lediglich ein paar Kolumnen ab und zu, und meine Posts in den ‹sozialen› Medien reichen nicht mal zum Influencer. Der Kontostand Ende Jahr kaum vier- oder fünfstellig. Andere sind in meinem Alter Milliardäre! 

Nun, wenn harte Arbeit tatsächlich der Schlüssel zum Reichtum wäre, müssten beispielsweise die Bauarbeiter:innen, die uns schon morgens um sieben aus dem Schlaf presslufthämmern, oder auch die Migrant:innen, die tagsüber unsere Wohnungen und am Feierabend unsere Büros putzen, mondäne Villen am Seeufer besitzen. Die Villen gehören aber nicht ihnen, sondern den Aktionär:innen der Firmen, für die sie arbeiten. Harte Arbeit macht vielleicht schon reich, aber meist nicht einen selbst, sondern andere. Das Wirtschaftsmagazin ‹Bilanz› veröffentlicht jedes Jahr eine Liste der 300 reichsten Personen mit Wohnsitz in der Schweiz. Es wäre mal eine interessante Aufgabe, die Geschichten dieser 300 Vermögen zu recherchieren. Wie viele dieser Reichsten haben sich ihren Reichtum selbst durch harte Arbeit erwirtschaftet? Wie viele der Vermögen wurden von Vorfahren durch harte Arbeit erworben? Und wie viele stammen aus Unternehmungen, die wir aus heutiger Sicht als moralisch verwerflich oder gar kriminell bewerten würden? Im 20. Jahrhundert etwa bereicherten sich Industrielle an der Arbeit von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitenden. Im 19. Jahrhundert beuteten sie die rechtlose Arbeiterschaft aus. Vom 16. bis ins 18. Jahrhundert grassierten Sklaverei und die Ausplünderung von Kolonien. Während des Mittelalters kassierten Adelsfamilien ganz selbstverständlich ihre Untertanen ab. Wie viele der Vermögen heutiger Reicher haben ihre Ursprünge in Ausbeutung, Raub, Plünderung oder gar Vertreibung, Mord und Brandschatzung? Aber auch Reiche, die ihren Reichtum tatsächlich selbst aufgebaut haben, sind nicht zwingend nur hart arbeitende Lichtgestalten. Ein bekannter Schweizer Unternehmer und «abgew.» Bundesrat etwa, der sich gern büezerhaft inszeniert, hat seine Milliarden weniger durch harte Arbeit als durch schlaues Geschäften (man munkelt, gern auch zum Nachteil seiner Geschäftspartner, aber so genau weiss man das nicht) und schliesslich steuerfreie Kapitalgewinne erzielt.

Dies alles mal in der Tiefe zu recherchieren, wäre wirklich interessant, aber es wäre harte Arbeit. Und wie gesagt ist harte Arbeit nicht so mein Ding, deshalb überlasse ich das gern richtigen Journalist:innen. Und widme mich jetzt wieder meinem Müssiggang; es ist Zeit für den Apero. Prost!