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Hafenarbeiter gegen Waffenausfuhren
Auf die Frage, obs denn in Italien keine Gewerkschaften mehr gäbe, lachte der Kellner am Mailänder Domplatz spontan von Herzen laut heraus und verkündete schulterzuckend, seit dem Krieg herrsche hierzulande allein die Maxime «soldi, soldi, soldi». Auslöser war die Verwunderung darüber, dass die Spazierszenerie selbst an einem Sonntag von einer filmreifen Überfülle an Shoppingzeugnissen in Form von Einkaufstaschen dominiert war. Es verwundert darum kaum, dass der von Anna Damiana Rudolphi in «Sabbia nell’ingranaggio» (Sand im Getriebe) filmisch eingefangene erfolgreiche Widerstand seinen Ursprung nicht in einer klassischen Gewerkschaft, sondern in einem autonomen Kollektiv von freien Genueser Hafenarbeitern hat. 2019 verhinderte die CALP erstmals die Verladung von Generatoren für das saudische Militär, um nicht zu Kompliz:innen des Kriegs in Jemen zu werden und hat seither das Netzwerk auf 28 Mittelmeerhäfen erweitert. Natürlich beruft sich das Kollektiv auf das Streikrecht in der Verfassung und agiert in Fragen der Mobilisierung, des Grundgedankens einer solidarischen Stärke und der Massnahmen zur Erlangung einer medialen Aufmerksamkeit an der klassischen Gewerkschaftsarbeit. Anna Damiana Rudolphi begleitet die Arbeiter während den Vorbereitungen zu einer Machtdemonstration alias Generalstreik im ganzen Hafen und befragt einzelne Vertreter darüber, wie sich ein derart schlagkräftiges Netzwerk organisieren lässt. Auslöser dafür war die Klage der Stadtoberen gegen CALP wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung, was im Geburtsland der Mafia schon in mehr als in bloss doppelter Hinsicht speziell wirkt. Gerade diese eigenartige Lesart der Geschehnisse indes katapultierte die Graswurzelbewegung in die internationale öffentliche Wahrnehmung und erleichterte das grenzüberschreitende Zusammenstehen. Denn Hafenarbeiter ist Hafenarbeiter, egal wo, sagt einer und fügt an: «Waffen blockieren ist kein Verbrechen.» Das erst 2011 gegründete Kollektiv hat längst die Schlagkraft einer klassischen Gewerkschaft erlangt, hat sich Kanäle für einen Informationsvorsprung erarbeitet und hat begonnen, über die eigene Arbeit hinaus mit weiteren Nichtregierungsorganisationen in Genua zusammenzuarbeiten, mit denen sie das Anliegen teilen, faschistische Gruppierungen aus der Stadt zu verjagen.
Der Ernst der Lage
Mehrere Spielfilme suchen einen Weg, ein ungemein brisantes Thema indirekt über die Bande zu bespielen und damit eine bessere Verträglichkeit herzustellen, ohne derweil die Dringlichkeit zu vernachlässigen. Xheni Alushi schickt in «The Disparaged» die Krankenschwester Blerta auf Familienbesuch in den Kosovo, wo sie eine klandestine Vereinbarung mit dem frisch verwitweten Vater getroffen hat und ihren Teil daran auch zu erfüllen gedenkt. Die Zeichnung ihrer Geschwister in der Familienaufstellung mag klischiert erscheinen, dürfte hinsichtlich einer Bereitschaft, sich mit den realen Gegebenheiten auseinanderzusetzen nicht von ungefähr dermassen gewählt sein. Während die kleine Schwester von einer formidablen Ausbildung im Ausland träumt, die ihr eine solide Basis für ein künftiges Leben ermöglichen soll, ist der grosse Bruder entweder nicht willens oder nicht fähig, die Zeichen der Zeit als verändert wahrzunehmen. Im Zweifel droht er Gewalt an. Dabei gälte es, in der Momentaufnahme eines Abendessens die Frage zu klären, wie ein pekuniäres Erbe der Mutter auf alle einzelnen in der Familie verteilt oder eben noch zurückbehalten wird, solange der Vater die zur Debatte stehende Eigentumswohnung noch selber benötigt. Die filigrane, letztendlich zentrale Frage des Films behandelt die Sterbehilfe. Nachdem sich der Bruder, der in Gedanken bereits kiloweise Bitcoins geschürft hat, nachdem er finanziell bevorzugt bedacht worden wäre, durch die allgemeine Anstrengung seiner Beschwichtigung wieder zur Ruhe gebracht werden konnte, verpufft die Verkündung des Vaters, er leide an Krebs im Endstadium, irgendwo im Restdunst dieser Hitze des Gefechts und wird allenthalben weggelächelt. Erst nachdem Blerta und ihr Vater allein zurückbleiben, wird das Dilemma Sterbehilfe so richtig gross. Sie verlor ihre Stelle in einer Privatklinik, weil diese sich nicht an schweizerisches Recht gehalten hatte, brachte ihrerseits nicht besonders auf jedwede juristischen Regeln bedacht, eine der im dortigen Giftschrank zurückgebliebenen Ampullen mit zurück nach Pristina, um dem Vater die alleinige Entscheidung über seinen Hinschied zu ermöglichen.
Caroline Schmidt verlagert die Verhandlung ihres regelrechten Tabuthemas in «Noch immer rot» auf die Atmosphäre und verwendet kaum nennenswerten verbalen Austausch zwischen ihren Figuren. Dass da etwas ist, ausser der regelrecht deprimierenden Umgebung einer seit Jahrzehnten strukturschwachen und deshalb weitestgehend auch verlassenen Gegend, das Ava unter den Nägeln brennt, ist augenscheinlich. Allein was, bleibt sehr lang ungefähr. Die Mutter ist in einer lähmenden Lethargie versunken und vermag allein über den Vorwurf einen Scheintrost finden, ihre Tochter habe die beste Chance auf ein vielversprechendes Eheleben damals vertan, als sie sich Hals über Kopf von Tobias getrennt hatte, aus dem entgegen Avas natürlich in der Fremde heute etwas geworden ist. So wie es die Mutter schon immer prophezeit hatte. Dass exakt dieser angebliche Saubermann mit seiner sexualisierten Gewalt gegenüber Ava der Auslöser für ihr seither indifferentes Verhalten den gemeinen Anforderungen eines Lebens gegenüber die Verantwortung, sprich die Schuld trägt, kann Ava nicht verbalisieren. Noch nicht einmal, dass sie einen Missbrauch erleiden musste, geschweige denn, welch Maximaldurcheinander dies in ihr ausgelöst hat. Sie bleibt ungewohnt lange und versucht über die emotionalen Bande und der körperlichen Nähe zu ihrer Mutter einen Kanal zu finden, um sie über ihre reale Lage in Kenntnis zu setzen.
Umweg über den Humor
Über Humor lässt sich bekanntlich nicht streiten. Einen ausgesprochen schwarzen beweist Simon Wiesmann in «Dr Hung». Irgendwo am Rand der hiesigen Zivilisation schlagen sich die Jugendlichen Lena und Lucas die Zeit um die Ohren. Vermutlich steht die Erwartung an einen Samstagabend einer Aussicht auf Ereignislosigkeit diametral entgegen, als die keck-forsche Lena auf die Idee kommt, eine kleine Spritztour mit dem Auto von Lucas Mutter zu unternehmen. Gesagt, getan. Die moralische Grenzwertigkeit ihrer gemeinsamen Tat führt zu an- bis regelrecht aufgeregten Grundsatzdiskussionen während der Fahrt. Bis es knallt. Und Nachbars Hund tot neben der Strasse zu liegen kommt. Diese neue nicht mehr nur grenzwertige Situation lässt ihre Debatte bezüglich einer Redlichkeit nur noch kategorischer werden, bis ihnen einfällt, wie sie sich nicht unbedingt ritterlich aber doch vorübergehend zielführend aus der Affäre ziehen können. Aus der Diskrepanz von hehrer Theorie und angewandtem Handeln in Ausnahmesituationen in Kombination mit einer Unschuldslammatmosphäre entwickelt der Film mit einer grossen Beiläufigkeit einen derben Witz.
Die Autoreisenden in Micha Straubs «Talion» sind bereits älter und werden nicht gleichermassen galant aus der Affäre finden, in die sie ein Naturinteresse manövriert. Marco und Alice nehmen den Autostopper Noé mit, weil hier im Juhee nicht abzuschätzen ist, wann womöglich ein nächster Bus überhaupt fährt. Als sie eine Pause einschalten und Marco voller Aufregung einen Hirschen im Unterholz erspäht, den er zu fotografieren beabsichtigt, fällt ein Schuss aus undefinierbarer Richtung und Noé, der sich bloss die Beine vertreten wollte, sackt auf der Strasse leblos in sich zusammen. Ein Jäger und sein gleichwohl bewaffneter Sohn staksen aus dem Wald, wild gestikulierend und sich entschuldigend. Nur halt auf Französisch, was die Angereisten dummerweise nicht sprechen. Ein Handysignal ist hier keines zu bekommen und Marcos Misstrauen den Beschwichtigungen des Jägers gegenüber sind dramaturgisch bedingt etwas gar ausgeprägt (wohingegen er damit recht behalten sollte). Es entwickelt sich eine High-Noon-Situation in einer vermeintlichen Naturidylle. Eher so in Richtung aufsässig entwickelt sich der Witz in Yannick Schöpflins «Vor die Hunde gehen». Der Möchtegernganove Diego soll auf den Hund von Big Mike aufpassen, während er auf eigene Faust plant, eine illegale Geldübergabe zu hintertreiben und den Gewinn selbst abzugreifen. Beides läuft hochgradig suboptimal. Dass Big Mike seine Finger in sämtlichen Geschäften drin hat, konnte der Jungspund in seiner leidlichen Naivität ja nicht absehen. Die regieseitige Erzählweise in Zeitsprüngen und Perspektivwechseln treibt den Suspense wiewohl das Tempo zügig voran, was den Film von anderen abhebt.
Konfliktahnungen
Mehrere Filme verlassen sich auf das Bild als Transportmittel und formulieren den darin verhandelten Konflikt darüber hinaus nicht noch weiter aus. Enrique Zalotay behandelt in «Live Life Like Girls» das Los der älteren Schwester, die ihr Nesthäkchen behüten soll, während sie andere Pläne verfolgt. Zoë Kraft überlässt es in «Nie und nimmer» sogar den realen «Les Reines Prochaines», insbesondere deren Texten, einen möglichen Ausweg aus der Bredouille aufzuzeigen, in die sie ihre Figuren reinmanövriert hat. Linus Beling malt sich in «Die Besichtigung» eine Affekthandlung zum Frustabbau aus, die genauso wie die finale Wendung nur sehr bedingt einen Anspruch auf Wirklichkeitsnähe respektive -tauglichkeit reklamiert. «Frog Girl» von Akos Bertalot behandelt eine surreal fantastische Ichwerdung, wofür die hier angewendete äusserlich deutlich sichtbare Veränderung ihrer Protagonistin als vielgestaltig symbolhaft gelesen werden kann. Claude Guggenbühls «Herr Plum» ist die deutlichste Bewerbung bei SRF. Salomé Käsemodels «Kloster» die zweite, mitunter frechere. Höher hinaus will Mischa Müller mit seiner Dystopie «Timber», die das Überleben der Menschheit effektvoll düster-beängstigend in Szene setzt, dafür am Plot gespart hat. «Zombuddies» von Julia Peil ist zwar eher lachhaft anzusehen, behandelt hinter dieser Schutzschicht aber gekonnt die Problemzone Gruppendruck. Ähnliches mit der Selbstermächtigung erwachsen und eigenständig zu werden, verhandelt Stelle Pozzi mit «Missing a feeling I’ve never known» und liefert einen Steilpass zu den Essayfilmen «Lobos» von Lea Balta und «Sisy» von Julian Hartmann, die das Spiel mit dem Spiel alias die Fingerübung zuvorderst interessiert. «Museum of broken hearts» von Tristan Stöhr scheint sich während des Prozesses gewandelt zu haben. Aus einer möglichst sachlich-neutralen soziologischen Studie über gebrochene Herzen wird zusehends ein hochgradig privates Thema, weil sich die eigene Grossmutter (bei der er aufgewachsen ist) und die eigene Mutter (die sich selbst retten musste) regelrecht widersprechen, was wiederum die Position der neutralen Frageperson sowohl verunmöglicht als auch dazu zwingt, eine definitive nach diesem Plus an Erfahrung überhaupt erst neu finden zu müssen. Hier könnte noch etwas folgen.