Gute Pflege, krankes Personal?

Letzte Woche lancierte die Gewerkschaft Unia eine nationale Kampagne für gute Arbeitsbedingungen im Bereich Pflege und Betreuung. Pflege? Ist das, zumindest im Kanton Zürich, nicht die Domäne des VPOD?

 

 

Zur neusten nationalen Kampagne der Unia hat die Gewerkschaft ein «Manifest für gute Pflege und Betreuung» online gestellt. Seit dem letzten Freitag ist zudem eine Petition aufgeschaltet, die man online unterschreiben kann; übers Wochenende kamen schon mal 1300 Unterschriften zusammen (www.gutepflege.ch). Angesprochen sind Pflege(fach)personen und BetreuerInnen in allen Bereichen, von der Langzeitpflege über die (Privat-)Spitex und die Akutpflege bis zur Betreuung. Unter den einleitenden Bemerkungen zum Manifest heisst es, gute Pflege und Betreuung seien angesichts einer älter werdenden Bevölkerung in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft «wichtiger denn je». Gleichzeitig stehe die Pflege jedoch «unter massivem Spardruck (…): Durch die neuen Finanzierungsmodelle müssen Alters- und Pflegeheime, Spitexbetriebe, Betreuung zu Hause, soziale Institutionen, Spitäler usw. – egal ob öffentlich oder privat – rentieren (…).»

So weit die zwar nicht erbaulichen, aber auch nicht unbekannten Fakten, von denen die MacherInnen der Unia-Kampagne ausgehen. Bleibt allerdings eine Frage: Was macht die Unia, die man von ihren teils spektakulären Aktionen auf Baustellen her kennt, eigentlich im Spital? Mindestens im Kanton Zürich ist der Bereich Pflege und Betreuung nach wie vor die Domäne des VPOD, des Schweizerischen Verbands des Personals öffentlicher Dienste. Umso stutziger macht einen, was im Manifest unter dem Titel «Schlussfolgerung für die gewerkschaftliche Arbeit» unter anderem abgedruckt ist: «Basis für eine effektive Gewerkschaftsarbeit ist die Verankerung in den Betrieben des Gesundheits- und Sozialwesens. Dazu müssen gewerkschaftliche Strukturen aufgebaut werden.» Gewerkschaftliche Strukturen aufbauen, wo es schon welche hat – einfach von einer andern Gewerkschaft aufgebaute: Was soll das?

 

Unia auf allen Kanälen?

Für die Präsidentin des VPOD und Zürcher Gemeinderätin der Grünen, Katharina Prelicz-Huber, zeigt der Hinweis auf die erst noch aufzubauenden gewerkschaftlichen Strukturen klar, «dass sich die Unia hier nicht in ihrem eigenen Bereich befindet. Der VPOD hat Strukturen und ist schweizweit verankert im Gesundheitswesen», wie sie auf Anfrage erklärt. Und wie sieht man das bei der Unia? Udo Michel, Branchenleiter Pflege und Betreuung, relativiert: «Selbstverständlich arbeiten wir, wo möglich, mit dem VPOD zusammen». Angesichts des tiefen Organisationsgrads in dieser Branche sei es unerlässlich, national und mit allen zusammenzuarbeiten.

Wenn das so ist: Warum hat die Unia ihre aktuelle nationale Kampagne nicht gleich gemeinsam mit dem VPOD lanciert und auch die Medienkonferenz gemeinsam durchgeführt? Er hoffe, «das nächste Mal» sei das möglich, sagt Udo Michel, zumal die Zusammenarbeit «in gewissen Regionen ja eng ist». Der VPOD habe durchaus seine Qualitäten, und man ergänze sich gut auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel. Bei der aktuellen Kampagne liege der Fokus jedoch klar auf der Langzeitpflege, fügt Michel an; dort bestehe angesichts des geringen Organisationsgrades auch «grosser Handlungsbedarf». Tatsächlich kann man auf der Website www.gutepflege.ch zwischen folgenden Untermenus wählen: Bern, Aargau, Nordwestschweiz, St.Gallen/Appenzell sowie «Langzeitpflege». Die Frauen, die ältere Menschen über längere Zeit zuhause betreuen, seien im Gesamtarbeitsvertrag (GAV) «Personalverleih» organisiert, den die Unia abgeschlossen habe, betont Michel. Jetzt gehe es darum, die Firmen, die in dieser Sparte tätig seien, «unter diesen GAV zu zwingen».

Und wie schwierig ist es, die BetreuerInnen zu organisieren? Das sei nicht so schwierig, sondern eher eine Frage der Ressourcen, sagt Michel und fügt an, es brauche dafür vor allem «gute Netzwerke». Das leuchtet ein: BetreuerInnen, die in Privathaushalten arbeiten, kann man nicht einfach via Anschlag am Schwarzen Brett zu einer Versammlung zusammentrommeln wie beispielsweise Angestellte eines grossen Spitals. Zudem sei es häufig so, dass die BetreuerInnen zwar nichts gegen gewerkschaftliche Organisation hätten. Angesichts von schlechten Arbeitsbedingungen und der Tatsache, dass einige von ihnen faktisch «vom Arbeitgeber eingesperrt» würden, hätten sie aber weder Zeit noch Kraft, sich gewerkschaftlich zu engagieren, fügt Michel an: «Dennoch konnte die Unia bereits erste erfolgreiche Streiks wie bei der Primula AG sowie mehrere hundert 24-Stunden-Pflegerinnen aus Ost- und Mitteleuropa organisieren; diese treffen sich monatlich zu gewerkschaftlichen Sitzungen und sind in mehreren Städten und national organisiert.» Allerdings hat es mit dem eigenständigen GAV für private nicht-medizinische Seniorenbetreuung, den die Unia anstrebt, bisher nicht geklappt. Umso mehr konzentriere man sich nun auf den Langzeitbereich, wo es grossen Nachholbedarf gebe.

Letzteres sieht Katharina Prelicz-Huber ähnlich. Sie betont aber, der VPOD sei auch im Langzeitbereich seit vielen Jahren engagiert und habe in der Spitex bereits «viel bessere Bedingungen» ausgehandelt: «Der GAV der Unia wäre ein Rückschritt gewesen.» Zudem habe der VPOD berufspolitisch erkämpft, dass zur Pflege zuhause auch die hauswirtschaftlichen Arbeiten gehören und die Spitex alle Tätigkeiten anbietet, je nach Bedürfnis des Patienten oder der Patientin. «Der Übergang von Hauswirtschaft zu Pflege und wieder zurück ist fliessend, weshalb die beiden Tätigkeiten nicht losgelöst voneinander betrachtet werden können.» Dies nicht zuletzt angesichts der immer noch zu tiefen Löhne der Spitex-Mitarbeitenden, die bei den nur hauswirtschaftlich Tätigen nochmals kleiner ausfielen.

 

«Wir wollen keine Privatisierung»

Für Katharina Prelicz-Huber ist es noch aus einem anderen Grund wichtig, dass der VPOD weiterhin für das Pflege- und Betreuungspersonal zuständig ist: «Wir sind die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, und wir sind überzeugt, dass der Bereich Pflege und Betreuung auch hauptsächlich von der öffentlichen Hand getragen sein sollte. Wir wollen keine Privatisierung dieser öffentlichen Aufgabe, sondern im Gegenteil eine deutlich stärkere Finanzierung der Langzeitpflege über öffentliche Mittel und damit eine viel kleinere Belastung für die einzelnen Betroffenen.» Deshalb sollten auch je ne, die beispielsweise von privaten Stiftungen angestellt sind, zu den gleichen Bedingungen beschäftigt werden wie das Personal öffentlicher Einrichtungen. Dass das noch harte Arbeit ist, weiss auch Prelicz-Huber. Der VPOD habe jedoch bereits auf einem als noch schwieriger geltenden Gebiet einen grossen Erfolg erzielt, nämlich bei den ausländischen Pflegerinnen, die jeweils für drei Monate in Privathaushalten arbeiten: Es handelt sich um das Projekt «Respekt@vpod». In dessen Rahmen wurde in Basel der Musterprozess einer Polin geführt – und gewonnen –, die in einem Privathaushalt praktisch rund um die Uhr arbeiten musste. Das Projekt gebe es heute schweizweit, und die Betroffenen seien bereits gut vernetzt, betont Prelicz-Huber. Diesen Erfolg anerkenne auch die Unia, sagt Udo Michel: «Solche Projekte sind super, die bringen uns alle weiter».

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