Gruss aus der Küche

Im Jahr 1901 erfand die Sozialdemokratin Lily Braun das Einküchenhaus. Die Idee dahinter: Die Frauen von der harten Arbeit in der Küche zu befreien. Statt individueller Küchen sollte eine zentrale Küche alle Wohnungen bedienen. Die Mahlzeiten könnten dann in der Wohnung oder in einem Speisesaal mit Kinderbetreuung eingenommen werden. Die Idee der Befreiung der Frau von der Hausarbeit wurde bereits von August Bebel, dem Gründer der deutschen Sozialdemokratie, aufgeworfen. So schrieb er 1878: «Die Privatküche ist für Millionen Frauen eine der anstrengendsten, zeitraubendsten und verschwenderischsten Einrichtungen, bei der ihnen Gesundheit und gute Laune abhanden kommt und die ein Gegenstand der täglichen Sorge ist, namentlich wenn, wie bei den allermeisten Familien, die Mittel die knappsten sind. Die Beseitigung der Privatküche wird für ungezählte Frauen eine Erlösung sein.»

 

Dennoch stiess Lily Brauns Idee in der Sozialdemokratie nicht nur auf Gegenliebe. Die einen wollten die Frauenfrage auf die Zeit verschieben, wenn die Vergesellschaftung der Produktionsmittel erreicht ist. Also auf den St. Nimmerleinstag. Andere fanden die Idee zu utopisch. Auch in der sozialistischen Frauenbewegung war die Idee umstritten. Die Doyenne der Frauenbewegung, Clara Zetkin, kritisierte, dass das Einküchenhaus nicht realistisch sei, weil die Arbeitsbedingungen und damit die Einkünfte der ArbeiterInnen zu schwankend seien, um
die zentrale Küche finanzieren zu können. Das würde dann einfach dazu führen, dass das Küchenpersonal ausgebeutet würde. Schliesslich setzte sich auch in der Sozialdemokratie eine Position durch, die bis in
die 1970er-Jahre Gültigkeit haben wird, nämlich, dass der Platz der Frau in der Küche sei. So meinte Edmund Fischer 1905: «Die sogenannte Frauenemanzipation widerstrebt der weiblichen Natur und der menschlichen Natur überhaupt, ist Unnatur und daher undurchführbar.»

 

Das Einküchenhaus wurde dennoch in einigen Städten wie in Berlin, Stockholm und Kopenhagen realisiert, blieb aber nicht von langer Dauer. Ganz verschwunden ist es aber nicht. Beispielsweise kennt die Genossenschaft Kalkbreite den sogenannten Grosshaushalt, wo eine Küche mit professionellen KöchInnen die angeschlossenen Wohnungen bedient.

Da ich gerne koche (meistens), ist das Einküchenhaus für mich nicht unbedingt eine Verlockung. Dennoch ist die Geschichte interessant, zumal es um eine immer noch aktuelle Diskussion geht. Wie soll man mit der Hausarbeit umgehen, die immer noch grossmehrheitlich unbezahlt von Frauen gemacht wird. Soll man die Frauen von
der Hausarbeit befreien, indem Haus- und Sorgearbeit vergesellschaftet, oder die Männer in die Pflicht nimmt, sich mehr an der unbezahlten Hausarbeit zu beteiligen? Oder soll man die Hausarbeit aufwerten und gar bezahlen?

 

Am kommenden Sonntag stimmen wir über die Ehe für alle ab. Seitens der GegnerInnen wird derzeit die unterste Schublade geöffnet. Wie Thierry Frochaux vor zwei Wochen hier ausführte, ist das Schüren der Angst vor der vaterlosen Gesellschaft nicht frei von unfreiwilliger Ironie. Denn ist die konservative Familie nicht real vaterlos, da der Vater beschäftigt ist mit Arbeit, Militär, Vereinswesen und Politik, so dass kaum noch Zeit für die Familie bleibt. Für die Kindererziehung sind da die Mütter zuständig, die Grossmütter, die Frauen.

Die Ehe für alle ist ein wichtiger symbolischer und rechtlicher Schritt. Sie zeigt auch, dass sich das Familienbild in den letzten Jahren verändert hat. War bei den registrierten Partnerschaften noch klar, dass man die Familienfrage ausklammert, ist sie jetzt ein integraler Teil der Vorlage geworden. Das zeigt auch, dass man Familien vielfältiger und bunter versteht. Mir scheint allerdings klar, dass wir hier nicht am Endpunkt angelangt sind, dass man Familien noch weiter denken kann.

 

Ich habe Verständnis dafür, wenn sich queere AktivistInnen auch etwas daran reiben, wenn im Abstimmungskampf die bürgerliche Ehe so gefeiert wird (siehe auch P.S. vom 10.9.), selbst wenn ich selber verheiratet bin. Genauso reibe ich mich daran, dass in gewissen feministischen Kreisen die berechtigte Diskussion rund um die unbezahlte Arbeit, Hausarbeit zu einem biologischen Schicksal macht und sich sehr auf den (biologischen) Mutterkörper fixiert (siehe auch P.S. vom 10.9.).

So als ob eine Familie nur in der Konstellation von Mutter, Vater und Kind(ern) denkbar ist, in dem jede und jeder in erster Linie seine biologische oder natürliche Funktion erfüllt. Diese Position steht letztlich auch im Widerspruch zur Ehe für alle. Denn wenn der Mutterkörper, wenn also die Differenz zwischen Mutterschaft und Vaterschaft, zwischen Gebären und Nicht-Gebären zur zentralen politischen Frage gemacht wird, dann ist auch die nichtgebärende Mutter, sei es als Adoptivmutter oder lesbische Partnerin, letztlich eine Mutter zweiter Klasse. Von den Vätern ganz zu schweigen.

Mir scheint auch daher wichtig, dass wir nach einem Ja zur Ehe für alle Familie und Beziehungen weiterdenken, als es die engen biologischen Grenzen zulassen. Das wird durchaus auch eine rechtliche Frage sein. Wenn ein Kind zwei Väter oder zwei Mütter haben kann, warum sollte es denn nicht auch künftig zwei Mütter und zwei Väter oder zwei Mütter und ein Vater haben können, auch im rechtlichen Sinn?

Man muss nicht so weit gehen wie Technikfeministin Donna Haraway, die dafür plädiert, Verwandtschaft so weit zu fassen, dass auch Tiere oder Technik darunter fallen. Dennoch sind ihre Gedanken interessant. Verwandtschaften einzugehen über die biologische Verwandtschaft hinaus, meint Haraway in einem Interview mit der ‹Los Angeles Review of Books›, sei wichtig in einer Welt, in der so vieles uns trennt und in der mehr als siebeneinhalb Milliarden Menschen in sehr ungleichen Verhältnissen leben.

Mit Verwandtschaften meint Haraway eine Beziehung der gegenseitigen Verbindlichkeit und Verantwortung. Das funktioniert auch über die Generationen hinaus ohne Biologie: Auch die Beziehung von Lehrkräften zu SchülerInnen könne als Form der Verwandtschaft verstanden werden. Auch Nachbarn und FreundInnen können zur Familie gehören. Und selbst zur Natur kann man eine verwandtschaftliche Beziehung eingehen. Familienpolitik muss nicht konservativ sein und auch nicht konservativ diskutiert werden.

 

Es ist Zeit, den Kochlöffel abzulegen und offener zu diskutieren, mutiger und vielleicht sogar positiver. Familie muss nichts Schlimmes sein. Das wünsche ich mir, neben einem kräftigen Ja am nächsten Sonntag.

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