Grössenwahn

Die Steigerbarkeit von Dekadenz kennt offenbar überhaupt keine Grenze, das zeigt «Grosser Baum auf Reise».

 

Ein stolzer, mehrhundertjähriger Baum wird abtransportiert. Das ist szenisch ungefähr so aufregend wie die Verschiebung eines alten ABB-Gebäudes am Bahnhof Oerlikon. Das ist der georgischen Journalistin und Dokumentarfilmerin Salomé Jashi auch klar, aber ihr springender Punkt ist nicht primär die Dokumentation einer immensen technischen und logistischen Aufgabe, wofür sie und Goga Devidariani eindringliche Bilder finden, sondern die Sichtbarmachung der Hintergründe dieses Grössenwahns.

Für die bäurische, ärmliche Bevölkerung sind die 50 000 US-Dollar, die so ein Kaufvertrag für einen Baumriesen abwirft, ein regelrechtes Vermögen. Dass dafür ihr gesamter Hof umgegraben, schweres Gerät den Boden für ewig unbepflanzbar verdichtet oder sogar Nebengebäude auf dem Transportweg abgerissen werden müssen, ist je kein Grund, die Aussicht auf ein künftig sorgloses Leben für mehrere Generationen auszuschlagen. Natürlich finden sie es absurd. Aber ab einer gewissen Höhe der Summe, erst recht wenn sie exorbitant hoch ist, sind wir alle bestechlich. Dass sämtliche weiteren Bauten und Alleen, die dem Tiefladertransport zum Opfer fallen, höchstens mit Almosen in der georgischen Währung Lari oder einfach gar nicht abgegolten werden, gehört mit zum Spiel.

 

Nach einer kurzen Mittelmeerkreuzfahrt endet dieser – für die bessere Transportierbarkeit bereits sehr stark zurückgestutzte – mehrhundertjährige Baum in einem Privatanwesen, dem gegenüber Disneyland wie intakte Natur wirkt. Ein See mit Flamingos, schön rosa, also auch mit den ihnen farbgebenden, nicht eben heimischen Krebsen da­rin, findet sich neben einer architektonischen Verirrung, Hauptsache, alle Insignien für Protz sind vorhanden. Und halt auch ein Park, eher wie ein Golfplatz, mit von überallher angeschafften alten, grossen Bäumen. Rein zufällig gehört das alles dem Parteigründer und ehemaligem Premier Georgiens.

 

«Grosser Baum auf Reise» spielt im Kino Houdini.

 

Spenden

Dieser Artikel, die Honorare und Löhne unserer MitarbeiterInnen, unsere IT-Infrastruktur, Recherchen und andere Investitionen kosten viel Geld. Unterstützen Sie die Arbeit des P.S mit einem Abo oder einer Spende – bequem via Twint oder Kreditkarte. Jetzt spenden!

nach oben »»»