Grautöne

Zwischen Menstruationsblut und Nahostkonflikt liegt nicht viel. Einige wenige Zeilen, wie ich jetzt weiss. Francesca Prader braucht nur einen einzigen Artikel in der NZZ, um beide Themen gleichzeitig unterzubringen, man muss es ein wenig bewundern. Dabei ist das noch gar nicht alles. Zwischen Gaza und Menstruation packt sie auch noch «Awareness»-Kritik und Genozid sowie Gender und etwas mit nonbinär. Es ist bemerkenswert. 

Ich könnte nun genüsslich jeden Abschnitt sezieren, aufzeigen, was nicht belegt, nicht richtig ist. Wie billig das daherkommt, wenn die Journalistin beispielsweise behauptet, nur wer trans oder nonbinär sei, ledig und über kein hohes Einkommen verfüge, habe sich bei den Winterreden im Debattierhaus Karl der Grosse bewerben dürfen und nur diese Menschen hätten die Chance gehabt, aufzutreten. Und dann zu einem Artikel verlinkt, der auf einem grossen Bild eine der Redner:innen abbildet. Es ist Sofia Karakostas, Genossin, Cis-Frau, verheiratet, ziemlich sicher nicht an der unteren Einkommensgrenze. 

Noch weniger Sympathien als für Karl den Grossen hat Prader allerdings für die Zentralwäscherei. Dieser, worauf sie mit mehr schlecht als recht versteckter Empörung hinweist, ebenfalls von der Allgemeinheit mitfinanzierte Verein, schreibe sich Awareness auf die Fahnen, «von Rücksichtnahme, Lern- und Gesprächsbereitschaft oder der gemeinhin ins Feld geführten Inklusion» sei dann allerdings herzlich wenig zu spüren. Denn man habe dort dem Revolutionären Aufbau einen Raum gegeben und sie frage sich, ob man das auch Vereinen «jenseits des linken Spektrums» so ermöglicht hätte. Ob sie damit sagen will, dass sie es richtig fände, auch Rechtsextremen Platz zu bieten, wird nicht ganz klar. Eindeutig ist nur, dass sie die falschen Fragen stellt. 

Völlig abrupt gelangt sie schliesslich zum Schluss: «In der rot-grün dominierten Stadt Zürich ist es schon fast Standard, sich auf das hohe Ross der moralischen Überlegenheit zu schwingen. (…) Die politische Linke stilisiert sich zur Retterin der Minderheiten. Sie schmückt sich mit Schlagwörtern des Moments, besteht auf der sprachlichen Akrobatik wie «menstruierende Personen» (…). Doch statt einem differenzierten Ansatz wird je länger, je mehr ein Weltbild propagiert, wo klar in Gut und Böse unterteilt wird. Für Grautöne bleibt kein Platz.»

Sie will Grautöne? Hier sind sie. 

Nehmen wir die moralische Überlegenheit, die sie anspricht. Ich bin da nämlich bei ihr, wenn auch nicht so plump pauschal. Ich zucke zusammen, wenn jemand zu wissen behauptet, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Es ist eine grosse Anmassung, das zu sagen, eine, die ich mir nicht erlaube. Was weiss ich denn, wie ich in 50 oder mehr Jahren meine heutigen Überzeugungen beurteilen würde? Bei allem, was ich politisch tue, hoffe ich inständig, dass ich das Richtige will und gerade die Geschichte mich, uns, nicht eines Tages eines Besseren belehrt. Diese Demut der Zukunft und des eigenen Standpunkts gegenüber wünsche auch ich mir manchmal gerade von jenen, mit denen ich kämpfe. Hätte Prader wirklich Interesse an einem Austausch und einer Debatte, hätte sie hier genauer nachfragen können. 

Noch unglücklicher ist der Punkt mit dem Revolutionären Aufbau. Die Linke in der Stadt hat mit diesem nichts zu tun – wer sich noch an die 1. Mai-Demos von früher erinnert und an die Position der SP kann so etwas nur dann behaupten, wenn er oder sie der guten Schreibe wegen die Recherche übersprungen hat. Aber natürlich ist es ein einfacher Hieb, den Aufbau, die Verantwortlichen der Zentralwäscherei und alles links der Mitte in einen Topf zu werfen und Gender darüber zu schreiben, so dass sie auf simpelste Weise ihre Leser mit den immer gleichen Vorurteilen bedienen kann. Dass sie dabei die Toleranz und den Dialog für eine offene Gesellschaft, wie sie es von links einfordert, in ihrem undifferenzierten Text selbst nicht annähernd an den Tag legt, ist wahnsinnig schade. Etwas mehr Awareness – also Lern- und Gesprächsbereitschaft, wie sie selber weiss – wäre wünschenswert. Denn wer Grautöne will, muss sie auch selber liefern. 

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.