(Bild: Larissa Bernstein)

Grassroots

Ein anderes Bild von Lenin: Umschwärmt und bewundert, aber abwesend und untätig.

Der Autor Vsevolod Bernstein folgt der revolutionären Maxime, dass jede Köchin zu lernen habe, wie man einen Staat regiert und besetzt, darum seine nicht eben schmeichelhafte Ikonendekon­struktion «Naked Lenin» auch mit Fachpersonen aus anderen Professionen (Russisch mit deutschen Übertiteln). Schliesslich wird auch ein Revolutionär nicht als solcher geboren. Sein strahlend heroisches Bild entsteht immer erst hinterher, genauso wie die Verklärung, der das zu fünfzig Prozent aus Originalzitaten bestehende Kammerstück eine Lesart entgegenhält. Die revolutionärste Figur ist die glühende Buchstabenkämpferin Ludmilla (Valentina Zatevalneva), die in ihrer Denkkomplexität und ihrem Übermut aber Lenin (Jakov Jakuschevsky) primär anstrengt. Ganz im Gegensatz zur anfänglich überschwänglichen amourösen Verehrung durch Inessa (Iryna Osiska), der indes die offizielle Gattin Nadezhda (Vera Zakharchenko) mit hübsch schnippisch servierten realen Anekdoten über dessen geistige und körperliche Verfassung den Wind erfolgreich aus den Segeln zu nehmen in der Lage ist. Ergänzt durch ungefragt beigesteuerte Deutungen des Erfinders der Psychoanalyse (Arina Merzliakova), die einen kleinwüchsigen Mann mit kurzer Lunte als gerade deswegen überambitioniert zeichnet. Ort der Szene ist die Kur in Sörenberg, vor der Zimmerwaldkonferenz. Wo ein Kantonsrat den Nackedei aus dem Bächlein getrieben hatte, was einerseits für moralisch konnotierten Gesprächsstoff sorgt, andererseits aber insbesondere die Fantasien darüber beflügelt, wie einfach so einem herrisch rechthaberischen Selbstbewusstsein begegnet werden und es aus der Fassung zu hieven ist. Die allgemeine Aussage ist sonnenklar und spiegelt die Eingangsmaxime wieder: Einer allein kann lange Revolution spielen wollen, ohne das einfache Volk klappts nie. Und diesem noch vor einer neuen Machtaufteilung die eigene Selbstermächtigung schmackhaft zu machen, wäre mal ein Einfall.

«Naked Lenin», 30.11., Theater Keller62, Zürich. Nächstmals: 17.1.26, Theater Stok, Zürich.