Grapschomat

In meiner Jugend kursierte noch ein Schlager mit dem Refrain: «Beiss nicht gleich in jeden Apfel, denn er könnte sauer sein!» – eine im Ton der fröhlichen Frivolität dargebrachte Lektion in Mässigung an die Adresse junger Frauen. Wobei der Apfel nur ein Sinnbild ist (in Wirklichkeit sind wohl eher Bananen gemeint). Offenbar ging man damals davon aus, dass Frauen wahllos Männer anknabbern würden, wenn man sie nur liesse. Immerhin war aber schon impliziert, dass ein Frölein wählen durfte, bei wem es anbiss und ob überhaupt – wenngleich die Verpflichtung durchschien, beim einmal gewählten Adam (-sapfel) zu bleiben. Die Idee, dass der saure Grünggel auch ohne Umschweife auf dem Kompost landen könnte, verfestigte sich damals erst gerade im kollektiven Bewusstsein.

 

Heute, da man auf die Forderung nach Gleichberechtigung gerne genervt repliziert, diese sei nun erreicht, zerbreche ich mir den Kopf darüber, welcher Geisteshaltung es wohl entspringt, einen Sex-Roboter mit knuddligem Äusseren und Namen Samantha zu erfinden. Ist es heutzutage überhaupt noch von Belang, dass dieses Sex-Objekt als Puppe – und nicht etwa als Püpperich (Puppo?) dargeboten wird? In Samanthas Denkhorizont gab es jedenfalls kein Bewusstsein davon, dass es einen Unterschied macht, ob man wahllos zugreifen darf, oder ob man sich wahllos begrapschen lassen muss. Bei ihrer selbstlosen Hingabe an die Männerwelt wurde sie (so las ich in der Abendzeitung meiner Wahl) übel zugerichtet. Und dies trotz beträchtlicher, wenn auch künstlicher, Intelligenz.

 

Für diesen Sachverhalt gäbe es ganz verschiedene Gründe. Vielleicht wurde Samantha Opfer unverhohlener Misogynie. Möglicherweise erfuhr sie, dass die Empanzipation immer noch einseitig gedacht ist: Dass die Frauen ihre Äpfel (oder Birnen) wählen können und dadurch frei werden sollen; nicht aber, dass sich die Männer durch ein freies und mündiges Gegenüber Mässigung auferlegen lassen. Denn sie können sich mit gefügigen Gespielinnen, Puppen und Robotern darüber hinwegsetzen. Naheliegend wäre auch der Gedanke, dass bei den MessebesucherInnen eine verächtliche Haltung gegenüber Prostituierten manifest wurde. Ebenso wäre denkbar, dass die Verdinglichung zwischenmenschlicher Interaktion auf Menschen per se verrohend wirkt: Wie sollte man das Empfinden eines Gegenübers spiegeln, wie seine Gedanken antizipieren, wie ein Unmündiges vor sich selbst und dem Zugriff Dritter schützen, wenn man weiss, dass sein ‹Denken› hergestellt, sein ‹Fühlen› gemacht, seine ‹Selbstaufgabe› programmiert ist – kurzum: dass es nur ein blödes Ding ist?

 

Samanthas Erfinder, Sergi Santos, belehrt uns eines Besseren: Weil sie nichts für die Technologie bezahlen mussten, hätten die Menschen sie «wie Barbaren» behandelt. Wie konnte ich das vergessen – das neoliberale Patentrezept der Steuerung durch Anreize (alles andere ist barbarisch). Lässt sich doch mittels geeigneter Stimuli jedes Übel aus der Welt lenken: Hohe Arztkosten verhindern Krankheit, Privatschulen erhöhen die Bildungsqualität, teure Wohnungen bewirken eine bessere ‹Durchmischung› der Bevölkerung, und professioneller Bezahlsex zähmt die Menschheit. Um Sex ging es aber anscheinend gar nicht. Santos wollte nämlich vor allem Samanthas künstliche Intelligenz demonstrieren. Ein begrüssenswertes Anliegen! Dank KI können nun endlich auch sexy Frauen denken. Und wenn einmal die einfach gestrickte weibliche Intelligenz synthetisiert ist, kann man sich auch an die komplexere männliche wagen. Darauf einen sauren Most – Prost!

 

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