Goodbye, Boy

Das Café Boy, linker Treffpunkt Zürichs, schliesst seine Türen. Im Gespräch mit Tim Haag erklären Vorstandspräsident Marco Denoth und Geschäftsleiter Michael Masetta, wie wirtschaftliche und ideologische Konflikte ihre Vision zum Scheitern brachten.
Vier schlechte Monate, kein Polster und am Ende eine zu schmale Zielgruppe: Michael Masetta und Marco Denoth mussten der Vision Café Boy Anfang Juni den Stecker ziehen. (Bild Tim Haag)
Das Café Boy, linker Treffpunkt Zürichs, schliesst seine Türen. Im Gespräch mit Tim Haag erklären Vorstandspräsident Marco Denoth und Geschäftsleiter Michael Masetta, wie wirtschaftliche und ideologische Konflikte ihre Vision zum Scheitern brachten.

Im P.S. der vergangenen Woche hat Eugen Stiefel eine Todesanzeige für das Café Boy veröffentlicht. «Hässig teile ich euch mit, dass das Café Boy kurz vor seinem 90. Geburtstag gestorben worden ist», steht darin. Sind Sie auch hässig?

Marco Denoth: In erster Linie fühle ich mich betroffen. Und ich bedauere vor allem für die Mitarbeiter:innen und die Chefs, Michi und Roman, dass wir unsere Ziele nicht erreichen konnten. Und ich bedaure, dass die SP diesen Ort nicht mehr hat. 

Michael Masetta: Hässig sind wir nicht. Traurig trifft es besser.

Weiter heisst es in der Todesanzeige: «Wir haben versagt.» Wer ist «wir»? Ist das Café Boy wegen unterlassener Hilfeleistung der Genoss:innen gestorben?

M. D.: Das kann man so sicher nicht sagen. Es gibt viele Genoss:innen die uns bis zum letzten Atemzug unterstützt haben. Das Präsidium, die Partei, die immer ihre Veranstaltungen hier durchgeführt haben, aber auch viele andere, die uns ideell oder finanziell unterstützt haben. 

Im Bericht des P.S. vom 13. Oktober, als Michael Masetta frisch die Geschäftsleitung des Boy übernommen hatte, sahen Sie den Grund für die finanzielle Schieflage des Cafés bei der Speisekarte und teilweise beim Personal oder der Geschäftsleitung, die nicht passten. Wenn man die Karte und die Geschäftsleitung anschaut, haben Sie diese Probleme angegangen – warum ist dem Boy trotzdem das Geld ausgegangen?

M. M.: Das grosse Problem, dass wir als reines Parteilokal wahrgenommen wurden, hat leider weiterhin bestanden. Es ist nicht möglich, ein Restaurant erfolgreich und lukrativ als reines Parteilokal zu betreiben.

Ist die radikal-regional-saisonale Strategie, die Sie sich bei der Eröffnung 2019 auf die Fahne geschrieben haben, einfach zu teuer für ein Restaurant, dass auch preisgünstig sein und faire Löhne zahlen will?

M. D.: Jein. Saisonal-regional trifft man momentan in jeder Beiz in Zürich an. Und den radikalen Teil haben wir letzten Oktober gespült.

Können Sie ein Beispiel machen, wie sich das ausgewirkt hat?

M. D.: Zum Beispiel, dass wir vorher keinen Zitronenschnitz in die Drinks getan haben. Ein Running Gag unter den Gästen war, dass das Tagesgemüse stets Rüebli sei. In den Salaten ist bis heute kein Olivenöl. Das alles sind Konsequenzen des radikal-regionalen-saisonalen Konzepts. Vielleicht ist dieses Konzept aber nicht bei allen Gästen angekommen. Und eine weitere Konsequenz des Konzepts ist halt, dass es nicht günstig ist, regionale Produkte zu kaufen. Alles in allem waren wir zu günstig.

M. M.: Manche Leute haben sich darüber beschwert, dass wir die Preise erhöht haben. Doch auch mit den höheren Preisen war es längst nicht teuer genug, um wirklich gut wirtschaften zu können.  

Als weiteren Grund für die finanziellen Pro­bleme des Boy haben Sie stets die Coronapandemie genannt. Aber die Pandemie haben auch andere Gastrobetriebe miterlebt…

M. D.: Und, gibt es die noch?

Einen Teil schon. 

M. D.: Einen grossen Teil aber auch nicht. Wir haben unsere Türen im September 2019 eröffnet, im März 2020 mussten wir wieder schliessen. Damit hatten wir weder die Gelegenheit, eine Stammkundschaft noch ein finanzielles Polster aufzubauen, von denen wir in den folgenden Jahren der Unsicherheit – zusammen mit der Unterstützung vom Staat – hätten zehren können. Andere Betriebe konnten das, und deshalb gibt es sie noch. 

Der Tages-Anzeiger zitiert in einem Artikel über den Konkurs des Boy den «erfahrenen Werber» Hermann Strittmatter: «Wenn man Ideologie in ein Restaurant einbauen will, läuft man Gefahr, nicht mehr nach marktwirtschaftlichen Prinzipien vorzugehen. Und dann wirds gefährlich.» Hat er mit dieser Aussage von 2019 Recht behalten?

M. D.: Nein. Hermann Strittmatter ist kein Gastroexperte. Und Bruno Kammerer, der sich letzten August ähnlich äusserte, auch nicht. 

Man kann also Ideologie in ein Restaurant einbauen und gleichzeitig profitabel sein.

M. D.: Ich habe Betriebswirtschaft studiert – das heisst, ich habe eine gewisse Ahnung von Zahlen und ich bin jemand, der diese Zahlen auch genau überwacht. Und ich bin ein Mensch, der positiv denkt. Das sind Dinge, die Unternehmertum ausmachen: Hoffnung, Risikofreude, Bereitschaft. Ich weiss aber auch, dass ich kein Gastronom bin. An der Gastronomiefront hatten wir mit Roman und Michi aber zwei absolute Profis. Wir wären gut genug aufgestellt gewesen. Durch das strukturelle Problem, eine Genossenschaft zu sein, konnten wir aber gewisse Aspekte des Betriebs nicht erfüllen.

M. M.: Abgesehen davon, dass wir zu günstig waren, haben wir richtig gemacht, was wir konnten. Wir hatten eine super Küche – und das sage ich als jemand, der in der Fünf-Sterne-Gastronomie gearbeitet hat. Jeder Fond, jede Bouillon, alles im Boy war hausgemacht, von jedem Kraut wusste man, woher es kommt. Natürlich gibt es Leute, zum Beispiel in der SP, die sich ein grösseres veganes Sortiment gewünscht hätten, denen die Küche zu fleischlastig war. Das ist aber nicht der Stil unserer Küche. Der Stil, für den wir uns entschieden haben, war regional, währschaft, preiswert und vor allem gut. Es könnte auch an dieser Entscheidung liegen, dass wir es am Ende nicht geschafft haben, eine grössere Fangemeinde aufzubauen – gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass in einem linkspolitischen Restaurant schlicht weniger konsumiert wird als in einem bürgerlichen. Man macht hier nicht die teuren Weine auf, es werden auch keine fünf Gänge bestellt – eher gibt es pro Person ein Bier und man teilt sich etwas Kleines zu essen. 

Und Cüpli trinken sie doch in rauen Mengen, die linken Politiker:innen.

M. M.: Leider viel zu wenig.*

(*Diese Beobachtung teilt übrigens auch Eugen Stiefel, Autor der Todesanzeige im letzten P.S., der während des Gesprächs zufällig beim Café Boy vorbeikommt. Sein Verdikt: «Das Boy ist untergegangen, weil die Genoss:innen in Zürich, wie die Genoss:innen auf der ganzen Welt, zu wenig saufen.»)

Hatte die neue Geschäftsleitung einfach zu wenig Zeit, um Kontinuität und Ruhe in den Betrieb zu bringen?

M. M.: Davon bin ich überzeugt. Wenn ich mit Roman und dem aktuellen Team ein Jahr früher angefangen hätte, hätten wir noch einiges retten können.

Sie haben vorhin von Entscheiden gesprochen: Den Entscheid, eine währschafte, eher fleischlastige Küche zu haben, den Entscheid, jede Bouillon selber zu machen. Hätte man Entscheide wie diese nicht ändern können, ja vielleicht sollen, bevor es zum Konkurs kam?

M. M.: Einerseits ist es nicht so, als ob sich der Konkurs schon seit Jahren angebahnt hätte. Oktober, November und vor allem Dezember sind extrem gut gelaufen, und auch nachher gab es Freitage, an denen wir Leute abweisen mussten, weil wir so voll waren. Diese Momente zeigten uns, dass es mit der gewählten Strategie klappen könnte. 

Und dann?

M. D.: Dann sind vier katastrophale Monate hintereinander gekommen, die uns das Genick gebrochen haben. Das Wetter war dabei ein entscheidender Faktor: Jetzt ist bald Mitte Juni und ich habe genau einmal draussen gegessen. 

M. M.: Und ohne Liquidität, ohne Polster, reicht manchmal schon ein einziger Monat, dass ein Betrieb am Ende steht. Bei uns waren es vier. 

Hätte das Café Boy trotz schlechtem Wetter überlebt, wenn man ein breiteres Zielpublikum hätte abholen können? War die Schnittmenge der Leute, die links genug sind, um hierherzukommen und sich gleichzeitig für die fleischlastige Speisekarte begeistern können, zu klein?

M. M.: Wir haben schon von Anfang an gesagt, dass das Boy kein reines Parteilokal sein soll. Natürlich ist es ein parteinahes Lokal, aber gleichzeitig gab es viele Leute, die dachten, man müsse schon fast Parteimitglied sein, um in diesem vermeintlichen Clublokal willkommen zu sein. Genuss und Politik sind meiner Meinung nach zwei verschiedene Dinge, die man nicht zu sehr vermischen darf. Das haben wir auch nicht gemacht, aber in der Wahrnehmung vieler Leute war es so. 

M. M.: Ich denke, die Hauptproblematik war, dass unser Essen für viele Linke zu bürgerlich war und wir für die Bürgerlichen von der NZZ zum reinen SP-Restaurant gemacht wurden. 

Hat man auch die linke Basis, die nicht an den Versammlungen der SP teilnimmt oder ein politisches Amt innehat, zu wenig erreicht?

M. D.: Diejenigen, die nicht da sind, können wir ja nicht fragen. Es stimmt aber schon, dass eher die mir bekannteren SP-Gesichter da waren. 

Das Café Boy war schon letztes Jahr in finanziellen Schwierigkeiten, hat aber dank der Unterstützung von Genossenschafter:innen überlebt. Warum war es dieses Mal keine Option, Genossenschafter:innen und Sympathisant:innen zu mobilisieren?

M. D.: Die Sammelaktion vom letzten Jahr war ein brutaler Kampf, der extrem viel Energie gekostet hat. Dass wir überlebt haben, hat bei mir eine grosse Dankbarkeit für die Leute ausgelöst, die diese Hoffnung für das Café Boy getragen haben, aber irgendwann war es ein persönlicher Entscheid, zu sagen: «Ich habe keine Energie mehr.» Gleichzeitig ist es lange genug im Raum gestanden, dass wir Hilfe gebraucht haben. Und wenn es jemand anderem – und da rede ich nicht von den Mitarbeiter:innen oder von Michi oder Roman – wirklich wichtig gewesen wäre, dann wäre die Hilfe gekommen.

Der Tages-Anzeiger titelte mit der Frage: «Hätte das Boy gerettet werden können?» Ist die Antwort folglich «nein»?

M. D.: Es kommt darauf an, was man sich unter einer Rettung vorstellt. Pumpt man einfach mehr Luft ins sinkende Gummiboot, damit es ein bisschen länger schwimmt, oder rettet man die Leute, die auf dem Boot sind? Die erste Variante wäre möglich gewesen, die zweite nicht.

Es sind also keine Nachfolger:innen fürs Präsidium vor dem Café Boy Schlange gestanden.

M. D.: Vielleicht habe ich zu lange gekämpft. Mein Ziel war, das Präsidium abzugeben, wenn das Boy wieder auf beiden Füssen steht. Und in der Situation, in der sich das Boy im Frühling befand, eine:n Nachfolger:in finden zu wollen, ist aussichtslos. Da findet man höchstens eine:n Totengräber:in.

Eine Möglichkeit, die zwischenzeitlich im Raum stand, war die Bildung einer gemeinnützigen AG durch die Genossenschaft Bonlieu, der das Gebäude gehört. Wäre das keine nachhaltige Lösung gewesen?

M. D.: Ich habe diesen Vorschlag der Bonlieugenossenschaft sehr geschätzt, aber ich habe darin nicht die Änderung gesehen, die nötig gewesen wäre. 

M. M.: Viele dieser theoretischen Möglichkeiten haben für mich wie lebenserhaltende Massnahmen gewirkt: Das Boy war noch nicht ganz tot, aber irgendwann mussten wir uns die Frage stellen, ob es nicht menschlicher wäre, die Maschinen, an die es angeschlossen ist, auszuschalten. 

M. D.: Den Entscheid, den Stecker zu ziehen, haben wir am vorletzten Donnerstag (Anm. d. Red.: 06.06.) getroffen, als klar wurde, dass die Sanierungsmassnahmen nicht greifen. Seitdem sind wir mit dem Aufarbeiten der Unterlagen für das Konkursgericht beschäftigt.

Die Reise des Boy in seiner jetzigen Form endet am 21.6. Blicken Sie mit wenigstens einem lachenden Auge auf die Zeit zurück?

M. M.: Es war für mich ein Abschluss eines SP-Traumes, an den viele engagierte Genoss:innen geglaubt haben und unermüdlich dafür gekämpft haben. Ich konnte ein tolles Team aufbauen und leider zu wenig lange mit ihm arbeiten. Ich bin überzeugt, dass wir zusammen im Boy noch viel erreicht hätten.

M. D.: Und am Freitag ist dann Austrinkete. Es soll ein Abend werden, an dem wir als Vorstand nochmals die Dankbarkeit zeigen möchten für die Menschen, welche das Boy in den letzten Monaten geprägt haben – unser Team. Es war letzten Montag bei unserer letzten GV schon recht emotional und ich denke, es wird am Freitag auch so sein, wenn wir das Licht zum letzten Mal löschen.

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.