Glückssuche

Pedro Almodóvar stellt in «Julieta» die Gretchenfrage nach dem Vorhandensein eines Schicksals – und des Grates dessen Beeinflussbarkeit. Von den zwei Enden der Geschichte herkommend, stellt er das Finden des Glücks in jungen Jahren einer Jahre später erstarkenden Hoffnung, es unter veränderten Vorzeichen wieder zu finden, gegenüber. Schuld und Sühne, tänzelnd zwischen allzumenschlicher Regung und kaprizierter Bedeutungsschwere.

 

Julieta findet in jungen Jahren (Adriana Ugarte) ihre grosse Liebe im Fischer Xoan (Daniel Grao) und als Familie mit Tochter Antía das Familienglück. Die ersten Wölkchen an diesem Himmel bilden die herablassende Haushälterin (Rossy de Palma) wie Xoans beste Freundin Ava (Inma Cuesta). Letztere entwickelt sich zur Gewitterwolke, als Julieta erfährt, dass die zwei regelmässig unverbindlichen Sex haben, was zu Eifersucht, Streit und letztlich dem tödlichen Unfall von Xoan auf See führt. Trotz Austausch der Haushälterin und Annäherung an Ava ist die vormalige Unbeschwertheit weg, die sich mit dem wortlosen Weggang der Tochter Antía bei ihrem 18. Geburtstag zum Drama potenziert. Auf der zweiten Ebene ist Julia älter (Emma Suárez), hat mit der Vergangenheit einer unauffindbaren Tochter, die keinen Kontakt mehr haben will, halbherzig abgeschlossen und ist auf dem besten Weg, mit Lorenzo (Dario Grandinetti) ein neues Leben in Portugal aufzubauen. Als sie auf der Strasse in Madrid Antías Jugendfreundin Bea (Michelle Jenner) antrifft und diese ihr brühwarm von einem Treffen mit Antía und deren drei Kindern erzählt, bricht die ganze Vergangenheit wieder über Julieta herein und Pedro Almodóvar rekonstruiert daraufhin die Hintergründe in nahezu kriminalistischer Weise. Die bereits einmal vergeblich abgebrochene Suche nach der verlorenen Tochter geht wieder von vorne los. Heftige emotionale Eruptionen bei gleichzeitiger Verhandlung von Existenzfragen des grössten Kalibers machen aus «Julieta» einen unverkennbaren Almodóvar. Wobei das grosse Glück nur die Funktion des Steigbügelhalters für das grosse Melodrama erfüllt, was wiederum die Steilvorlage für Almodóvars kunstvoll inszenierten und erschöpfenden Krönung aller Gretchenfragen jeden menschlichen Lebens führt: Worum gehts hier eigentlich?

 

«Julieta» in den Kinos Arena, Arthouse LeParis, RiffRaff.

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