Glück sieht anders aus.

Ich hatte sehr viel Glück, weil mir in meinem ganzen bisherigen Leben noch nie sexuelle Gewalt angetan wurde. Was für ein Glück, dachte ich also immer. Aber dann kam der Mord an Sarah Everard, Anfang März. Und der Hashtag «Text me when you get home», «Melde dich, wenn du zu Hause bist», der um die Welt ging, ich las viele Geschichten von anderen Frauen, ich las, ein wenig verblüfft, darin auch über mein Leben. 

 

Natürlich hatte ich oft Angst auf dem Heimweg abends und in der Nacht. Ich wechselte die Strassenseite, wenn jemand hinter mir her ging. Ich rannte nach Hause, einfach aus Angst. Den Hausschlüssel, den hatte auch ich in der Hand. Ich weiss allerdings nicht, was ich damit gemacht hätte, denn wie Nicole Althaus in der NZZ am Sonntag schreibt, so, dass es einem mitten durchs Herz geht: «(…) und zu spüren bekommt, wie wenig man im Ernstfall gegen einen erwachsenen Männerkörper ausrichten kann». Ich trug den Schlüssel trotzdem vor mir her wie ein Schild, gewappnet gegen einen Angriff, den ich für möglich hielt und erwartete. Meine Eltern sagten mir, sie würden mich immer und von überall und zu jeder Zeit abholen. Was sie auch taten, manchmal fuhren sie in einen anderen Kanton dafür, einmal sogar an einen Ort, den ich selber nicht kannte und mein Vater wie durch ein Wunder nur durch detektivisches Abfragen der Umgebung, die ich ihm aus der Telefonzelle heraus schilderte, fand, diesen Ort wie auch seine völlig verängstigte Tochter, die aus einem sehr unguten Gefühl heraus zuvor, mitten in der Nacht, aus einer Wohnung geflüchtet war. Ich erinnere mich auch, wie ich Autostopp machte, und ich nie so sicher war, ob es wohl gut kommen würde. Es kam gut, auch wenn ich hie und da früher ausstieg, mit klopfendem Herzen. 

 

Vor allem erinnere ich mich daran, wie ich immer der Meinung war, selber schuld zu sein an der Angst, die ich in all diesen Situationen hatte. Wer Autostopp macht und zu einem Fremden ins Auto steigt, weiss ja, wie das ausgehen kann. Mit jemandem mitgehen in die Wohnung ist naiv und fahrlässig. Und auf dem Heimweg muss man einfach die beleuchtete Strasse lang und nicht die dunkle Abkürzung nehmen. 

 

In Tat und Wahrheit ist die ganze Chose umgekehrt und ich merke es jetzt erst. Ich merke es durch den gewaltsamen Tod dieser jungen Frau aus London, die einfach nach Hause gehen wollte, und ich merke es dank all der anderen Frauen, die sich jetzt melden. 

 

Warum ist es normaler, als Frau nicht zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen, als es zu tun? Warum ist der potenzielle Übergriff, die mögliche Vergewaltigung, die Gewalt, die ein Mann einer Frau in diesem Moment antun könnte, so sehr Norm? Warum ist diese Gefahr in der Art akzeptiert, dass die Frau ihr Verhalten anpassen soll? Warum kann eine Frau nicht ebenso selbstverständlich durch eine dunkle Strasse laufen wie ein Mann? 

 

Nicole Althaus schreibt, dass das so ist, weil das Leben junger Männer sich mit der Pubertät ausweitet, während jenes der Frauen sich verkleinert. Es wird ihnen die Angst beigebracht, die sie ab dann begleitet, die Angst, das Opfer eines Mannes zu werden. 

 

Da merkte ich: Gewalt an Frauen und die Angst davor ist dermassen Standard, dass es einem vorkommt, als hätte man wahnsinnig Glück gehabt, wenn einem nichts passiert. Da merkte ich: Glück sieht anders aus. 

 

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