Gleichheit für alle – immer noch!

13 000 Menschen zogen am 1. Mai 2018 vom Helvetiaplatz zum Sechseläutenplatz. Dort hielten Unia-Präsidentin Vania Alleva und die baskische Aktivistin Nekane Txapartegi ihre jeweiligen Reden zur Lohngleichheit der Geschlechter und Freiheit für politische Gefangene.

 

 

Leonie Staubli

 

 

Eine bunt gemischte Menge machte auch dieses Jahr den Demonstrationszug zum Tag der Arbeit aus. Neben verschiedensten Bannern, Transparenten und einer gut metergrossen Vulva-Statue machte sich auch der rosa Nebel der Leuchtfackeln in den grünen Bäumen besonders hübsch. Die diesjährigen Schwerpunkte der Organisator-Innen waren das Erreichen der Lohngleichheit für Frauen und die Solidarisierung mit politischen Gefangenen. Unter dem vom Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich gewählten Slogan «Lohngleichheit. Punkt. Schluss!» prangerte Unia-Präsidentin Vania Alleva in ihrer Rede auf dem Sechseläutenplatz das Schneckentempo an, mit dem die Rechte der Frauen in der Schweiz vorangetrieben werden. Es sei «unglaublich, dass es immer noch keine Lohnkontrollen gibt», obwohl die Lohngleichheit längst in der Verfassung verankert ist.

 

«Wir wissen, dass es bei Frauenanliegen immer ewig dauert», sagte Alleva an der Medienorientierung vor der Demonstration und nahm denn auch später in ihrer Rede auch Bezug auf die lange Geschichte der Frauenbewegung, die vieles erreicht hat – aber eben noch nicht alles. Denn die Gleichheit der Rechte der verschiedenen Geschlechter war jahrelang ein Frauenanliegen; auch wenn gerade Linke und Gewerkschaften sich Gleichheit auf die Fahne schrieben, bedeutete das noch lange nicht, dass sie sich auch für Frauenrechte einsetzten.

 

Die Sache mit dem Patriarchat

Alleva merkte in ihrer Rede an, wie für die «männlich dominierten Gewerkschaften» der Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Patriarchat lange kein Thema war. Dass das Patriarchat nach so vielen Jahren des Strebens nach Gleichstellung noch immer – gelinde gesagt – problematisch ist, zeigt auch die Rede von Nekane Txapartegi, die unter dem vom 1.-Mai-Komitee gewählten Slogan «Freiheit» ihre eigene Geschichte erzählte. Als Politikerin einer linken Partei wurde sie Ende der 1990er-Jahre von der Guardia Civil verhaftet. Txapartegi berichtete, wie die Vertreter des patriarchalen Systems gegen ihren Körper sexuelle Gewalt anwendeten, um sie zu brechen. Nach ihrer Flucht in die Schweiz und der dortigen Festnahme im April 2016 zeigte sich, dass die Lage auch in den Schweizer Gefängnissen nicht unbedingt angenehm ist; 90 Prozent der Insassen seien Männer mit traditionellen Rollenbildern gewesen, bloss eine kleine Randgruppe habe aus Frauen, Transmenschen und Männern mit psychischen Problemen bestanden.

 

Txapartegis Geschichte erschüttert. Dass die baskische Aktivistin sich jetzt, nach ihrer Freilassung im September 2017, für die Rechte politischer Gefangener in Europa (deren Zahl in letzter Zeit wieder gestiegen sei) einsetzt, zeigt, dass ihr Fall kein Einzelfall ist, und dass die selben Probleme weiter bestehen. Ihre Anliegen mögen keine neuen sein, wie auch das Beharren der Gewerkschaften auf Lohngleichheit und Allevas Forderung nach gleichen Rechten für alle – Frauen und Männern sowie Einheimischen und Zugewanderten – schon oft gehört wurden. Dass ihre Stimmen laut bleiben, dass die beiden Hauptrednerinnen am 1. Mai in Zürich wie so viele andere immer noch nicht lockerlassen, zeigt, dass die Gleichheit eben immer noch nicht erreicht ist. Und solange das so ist, müssen wir darüber reden.

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