(Bild: Nadine Reichmuth)

Getriggert

Vom Versuch, sich mittels Worten aus einem Gedankenkarussell freizustrampeln.

Die Fotografie hängt überhaupt nicht mehr im Arbeitszimmer, doch die Monate des direkten Blickkontakts und die unterdessen gescheiterten 39 Versuche eines Begreifens durch Beschreibung zu bewerkstelligen und sich damit von dieser regelrechten Manie zu befreien, haben die Szenerie längst bleibend ins Hirn gebrannt. Also kann der Raum der Chorgasse auch stockdunkel sein, wenn Miriam Japp Claudine Galeas frei assoziierende Wortkaskade so im Raum verteilt, als würde eine Ertrinkende um Luft ringen. Das Bild zeigte eine US-Soldatin im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib und wie sie einen am Boden liegenden nackten Mann an einer Leine hält und mit stolzer Verachtung auf ihn herabschaut. Die Identifizierung der Autorin gilt der Täterin, deren Physis einer burschikosen Mädchenhaftigkeit sie triggert. Weil sie dadurch einen  ziemlich direkten Zugang zu einerseits eigenem Begehren von mädchenhaften Frauen und andererseits eigenem Straferleiden als Mädchen durch die Mutter findet. Den Mann, das Folteropfer, blendet sie aus und kapriziert sich immer stärker darauf, der Grausamkeit des Weibes eine allgemeingültig dominierende Kraft zuzuschreiben. Sowohl physisch als auch mental. Wenn in der Chorgasse in der Regie von Michèle Pralong nach einer gefühlten Ewigkeit das Licht angeht und in eine Diskothekenfarbigkeit mit Klubmusik kippt, zu der Miriam Japp einen Eigenexorzismustanz nahe von Pogo aufführt, ist längst jede kritische Distanz, jede Differenziertheit, um nicht zu sagen Menschlichkeit Opfer dieses wahnhaften Tunnelblicks geworden. Die auf einem Bild abgebildete Lebensrealität spielt genauso keine Rolle mehr, wie die Mehrheit der Lebensjahre der Autorin. Alles ist fokussiert auf das Feststecken in Gefangenschaft eines Gedankenkarussells, das sich selber als Opfer stilisiert und darüber einen Wahn entwickelt, der um Hilfe schreien wollen würde, läge das Finden von Worten dieser Art im Bereich des Möglichen.

«Am Rand», bis 23.10., Theater Neumarkt, Zürich.