- Im Gespräch
«Geschichten sind in der Politik essenziell»
Die Organisationskommunikation ist ein weites Feld: Was hat Sie dazu motiviert, sich in Ihrer Masterarbeit ausgerechnet den Grünen und der Windkraft anzunehmen?
Catalina Gajardo Hofmann: Was mich an der Politik fasziniert, sind Erzählungen. Ich habe Germanistik studiert, lernte die Erzähltheorie kennen und finde es spannend, wie in der Politik geredet wird und wie wirkmächtig dort gewisse Erzählungen sein können. Zudem bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der Grüne Politik sehr präsent war: Meine Mutter engagierte sich in der Anti-AKW-Bewegung, mein Vater promovierte über die ökologischen Folgen der Urwaldabholzung zugunsten von Eukalyptusplantagen in Chile. Der Klima- und Umweltaspekt war bei uns zuhause stets sehr präsent.
Politische Kommunikation als Erzählung?
Geschichten sind in der Politik essenziell, und ihre Wirkung hängt stark davon ab, wie sie erzählt werden. Dass ich unbedingt über die Klimakrise schreiben wollte, liegt daran, dass die Grünen seit 2019 praktisch auf der Stelle treten. Für die Windenergie habe ich mich entschieden, weil sie für den Ausstieg aus den Fossilen unverzichtbar ist, um das Netto-Null-Ziel zu erreichen. Natürlich ist Photovoltaik auch sehr wichtig, doch sie ist unterdessen unbestritten, während die Windenergie polarisiert. So hat beispielsweise in Deutschland die AfD-Chefin Alice Weidel explizit erklärt, wenn ihre Partei an die Macht komme, würden alle Windräder abmontiert.
Zurzeit befasst sich die Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt des Kantonsrats mit den 19 Eignungsgebieten für Windenergie, die bis letzten November in der Vernehmlassung waren. Solche Eignungsgebiete im Richtplan festzusetzen und damit die planerischen Grundlagen für den Bau grosser Windräder zu schaffen, lehnt vor allem die SVP ab, die Grünen jedoch sind meines Wissens dafür.
Die Klimakrise ist aktuell das grosse Thema der Grünen. Aber ihnen liegen nach wie vor Natur- und Umweltschutz am Herzen – und damit auch der Vogelschutz.
Dass Windräder massenhaft Vögel töten würden, ist doch rechte Propaganda.
Es sterben viel weniger Vögel in der Nähe von Windturbinen, als die Gegner:innen behaupten, das stimmt. Dennoch gibt es auch bei den Grünen Menschen, die unter anderem wegen des Vogelschutzes, aber auch wegen dem Anblick von Windrädern und aus weiteren Gründen Mühe haben mit Windenergie. Diese Aspekte habe ich in meiner Arbeit auch untersucht.
Werfen wir einen Blick auf die Methodik: Sie haben sich für das sogenannte Message-Design entschieden. Warum sollten die Grünen ihre Message, also ihre Botschaft speziell «designen»?
Beim Message-Design geht es vor allem darum, Wissenschaft und Praxis zu verbinden. Das hat mich angesprochen: Ich habe meine Bachelor-Arbeit in Germanistik während der Fridays-for-Future-Proteste geschrieben und mich oft gefragt, was ich da eigentlich mache. Warum sollte ich meine Nase in ein Hölderlin-Buch stecken, während draussen Tausende junge Menschen fürs Klima auf die Strasse gingen? Das sollte bei meiner Masterarbeit anders sein.
«Es sterben viel weniger Vögel in der Nähe von Windturbinen,
als die Gegner:innen behaupten.»
Andersrum: Welches sind die Vorteile des Message-Design?
Das Message-Design dreht sich um Analyse und sprachliche Kommunikation: Welche Werte und Muster stecken hinter einer politischen Aussage? Wie kommt sie an? Warum werden bestimmte Begriffe immer wieder miteinander verknüpft und wiederholt? Gleichzeitig gilt: Politische Botschaften gilt es stets hinsichtlich der Faktenlage zu überprüfen. Der Inhalt muss stimmen. Deshalb schien mir das Message-Design ein vielversprechender Ansatz zu sein.
Was wären mögliche Alternativen gewesen?
Ich hätte beispielsweise auch Interviews mit verschiedenen Akteur:innen und Wissenschaftler:innen führen können. Doch mir erschien es sinnvoller, die Medien beziehungsweise Medienberichte als Quellen zu verwenden.
Sie haben Medienberichte von ‹Tagi› über NZZ bis ‹Weltwoche› ausgewertet, also nur Berichterstattung aus bestenfalls Mitte-orientierten bis rechten Publikationen. Auch bei den Umweltverbänden haben Sie mit BirdLife, Pro Natura und der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz keine als links wahrgenommene Verbände berücksichtigt. Weshalb?
Der Hauptgrund liegt darin, dass die politischen Gegner:innen der Grünen dem rechten politischen Lager angehören. Die Grünen müssen entsprechend wissen, wie dieses Lager argumentiert und seine Leser:innen abholt. Grundsätzlich lautete eine der Fragen, mit denen ich mich befasst habe, wie sich der Diskurs über Windenergie gestaltet, welche Erzählungen diesen Diskurs prägen und ob sich die aktuellen Machtverhältnisse darin wiederfinden.
Und, tun sie das?
In meiner Untersuchung hat sich gezeigt, dass im Bereich Windenergie und Windräder vor allem eine Kategorie den Diskurs prägt, nämlich die Kategorie «Problem»: Ob Vogelschutz, Eingriff in die Natur, Lärm oder Abstände zu Gebäuden, stets scheint irgendwo «Achtung, Problem!» aufzuleuchten, wenn es um Windenergie geht. In 61,3 Prozent der Dokumente, die ich gesichtet habe, wurden Windräder negativ bewertet. Es gab in meinem Material kaum Darstellungen von positiven Folgen von Windkraft.
Aber bei Befragungen war bisher die Mehrheit für Windräder, sogar wenn sie vom eigenen Stubenfenster aus sichtbar wären.
Ja, der Diskurs um den Ausbau von Windkraft ist medial einseitig repräsentiert, das hat meine Arbeit klar ergeben. Die Tamedia selbst hat beispielsweise eine Studie zur Akzeptanz von Windrädern durchgeführt, in der 70 Prozent der Befragten die Windkraft befürworten. Trotzdem werden in den Tamedia-Zeitungen konsequent Gegner:innen der Windkraft zitiert. Der Präsident des Windkraftgegnervereins Freie Landschaft Schweiz bekam gar ein ganzzeitiges Porträt und wurde als Experte zitiert, um die Einschätzung anderer Akteure wie etwa der Baudirektion des Kantons Zürich anzuzweifeln. Selbst der Klimawissenschaftler Reto Knutti, also der tatsächliche Experte, konnte auf dieser ganzen Seite bloss eine einzige Aussage widerlegen. Der Effekt solcher Artikel ist unter anderem mangelndes Vertrauen in die echten Expert:innen. Es handelt sich dabei um die Taktik der sogenannen False-Balance, des unechten Gleichgewichts, das die Tabaklobby ebenso angewendet hat wie die Erdölindustrie.
Die bürgerlichen Medien befördern also die öffentliche Wahrnehmung der Windenergie als einer Technologie, die Vögel tötet, die Umwelt verschandelt und erst noch von der Mehrheit abgelehnt wird. Was können die Grünen dieser geballten negativen Macht entgegensetzen?
Es ist kaum möglich, die Einstellung der Öffentlichkeit einem bestimmten Thema gegenüber zu ändern. Strategisch müssen die Grünen deshalb an eine mehrheitsfähige öffentliche Erzählung anknüpfen, wenn sie die Windenergie in ein neues, positives Licht stellen wollen.
Wie soll das konkret gehen?
Eine mögliche Erzählung der Grünen könnte so gehen: Wenn wir heute die Innovation im Bereich der Windenergie vorantreiben, können wir morgen die Unabhängigkeit in der Stromproduktion erreichen. So gelangt der Kanton Zürich in ein zukünftiges Stadium, in dem die Menschheit mit der Natur arbeitet, statt sie zu zerstören.
Das dürfte jene Grünen nicht beruhigen, die sich Sorgen um die Landschaft und um die Vögel machen.
Das stimmt, doch die Erzählung muss noch weiter gehen: Der Bau eines Windrads in der Schweiz ist ein weniger grosser Eingriff in die Natur, als es der Öl-, Gas- und Kohleabbau an anderen Orten auf der Welt ist. Erneuerbare Energien nutzen natürliche Ressourcen, ohne dass dafür Ökosysteme geschädigt werden müssen. Für die Vögel ist die Windkraft, wie schon erwähnt, viel weniger tödlich, als die Windkraftgegner:innen behaupten.
Das sind alles gute rationale Argumente. Aber in der öffentlichen Wahnehmung der Mehrheit ist ein Windrad nun mal nicht sexy, ein Sportwagen, der laut dröhnt und viel Sprit säuft, hingegen schon.
Fossiles Leben wird als extrem positive Geschichte erzählt, zum Beispiel als Geschichte von der ultimativen Freiheit, mit dem Auto oder Töff quer durch die Prärie zu donnern. Die ganzen Umweltschäden, die Unfälle, die Luftverschmutzung, die Gebäudeschäden etc. werden dabei ausgeblendet. Demgegenüber werden die Grünen in der medialen Berichterstattung gern als Spassbremsen dargestellt, die vor allem Verzicht propagieren: Die politischen Gegner:innen stellen uns häufig als totale Abweichung von der Norm dar. Was wir machen und fordern, hat jedoch nichts mit Verzicht zu tun. Wir sind einfach gegen die Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur.
Mit Letzterem müssten die Grünen doch auch bei den Bürgerlichen punkten können.
Daran knüpfe ich in meiner Arbeit auch an: Die Zeit der fossilen Energien neigt sich dem Ende zu. Durch die Investition in eine zukunftsfähige Technologie wie die Windkraft hingegen kann die Schweiz ihren Wohlstand sichern. Um das auch den Bürgerlichen näher zu bringen, mache ich in meiner Arbeit folgendes Beispiel: Der Gotthardtunnel war zur Zeit seines Baus 1882 hoch umstritten. Heute gehört er zu den wichtigsten Bauprojekten, die die Schweiz je geschafft hat. Hätte man damals nicht in neue Technologie investiert, sähe unser Land heute anders aus.
Wir stehen an einem vergleichbaren Punkt wie die Menschen Ende des 19. Jahrhunderts?
Genau. Mit dem Beispiel des Gotthardtunnels konnte ich in meiner Arbeit zeigen, dass neue Technologien in der Vergangenheit ebenfalls Unsicherheiten und Ängste hervorgerufen haben, aber heute positiv bewertet werden. Ich hoffe, dass es den Grünen gelingt, den Menschen dies zu erklären und die Windkraft als innovative Technologie der Zukunft in ein positives Licht zu stellen.