Gerne ein Gutmensch

An der 1. Mai-Demonstration durch die Zürcher Innenstadt nahmen laut Gewerkschaftsbund über 10 000 Personen teil – und das trotz garstigem Regenwetter.

 

Tobias Urech

 

Der Himmel zeigte sich grau und wolkenverhangen am 1. Mai, als sich die ersten Menschengrüppchen ab halb zehn auf dem Helvetiaplatz einfanden. Das trübe Wetter trübte jedoch keineswegs die Stimmung. Aus den Wettererfahrungen von letztem Jahr gelernt, kamen viele in wasserdichter Vollmontur, um mit Gewerkschaften und linken Parteien für eine starke AHV zu demonstrieren. Einige Mutige trauten sich sogar mit einem Schirm der EVP, der Liechtensteinischen Bank oder des Zürcher Frauenvereins auf die Strasse. Die AbweichlerInnen konnten von Glück reden, dass sie nicht mit Farbbeuteln beworfen wurden – dieses Privileg blieb nämlich dem Gebäude der Kantonspolizei am Limmatquai vorbehalten. Sowieso verhielt sich der «linksextreme Mob» (wie der ‹Tagi› wohl
schreiben würde) ziemlich ruhig; so kam es neben den am Rande gezündeten Rauchpetarden und der üblichen roten Behammerung und Besichelung von Behördengebäuden zu keinen grösseren Ausschreitungen. Der Demonstrationszug schlängelte sich vom Helvetiaplatz via Stauffacher zum Löwenplatz und über den Bahnhofplatz, um schliesslich durch die Bahnhofstrasse zur Uraniabrücke zu gelangen und sodann dem Limmatquai entlang auf den Sechseläutenplatz zu münden.

Das offizielle Motto des 1. Mai-Komitees stand im Zeichen der derzeitigen Flüchtlingsbewegung: «Wir sind alle Flüchtlinge». Als offizielle Rednerinnen waren Nationalrätin Mattea Meyer (SP) und die deutsch-kurdische ehemalige Europaparlamentarierin Felektnas Uca eingeladen. Felektnas Uca, in Deutschland aufgewachsen und nun Parlamentarierin im türkischen Parlament, betonte vor vollem Sechseläutenplatz, dass aufgrund der autoritären Umwälzungen in ihrer Heimat die Türkei keineswegs als sicherer Drittstaat gelten könne. Europäische Länder könnten Flüchtlinge nicht unbeschwert und einfach so in die Türkei zurückschicken.

Mattea Meyer, die letzten  Herbst in den Nationalrat gewählt worden war, betonte in ihrer Rede die Errungenschaften der Linken im letzten Jahrhundert und wagte unter diesen Vorzeichen einen Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft. Im Moment sei die Situation aufgrund des Rechtsrutsches in der Schweizer Politik schwierig, doch sie zeigte sich kämpferisch und verwies auf eine hoffnungsvollere Zukunft: «Wir werden gewinnen. Und das zählt. Die Zukunft gehört uns, den Gutmenschen.» Sie selbst trage nämlich die Bezeichnung «Gutmensch» mit Stolz.

Nach der Kundgebung liess es sich auf dem Kasernenareal bis tief in die Nacht feiern.

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