Geniestreich

Xavier Dolans neuster Streich ist die wiederholte Beweisführung dafür, dass eine eigentliche Handlung eines Kunststückes vergleichsweise überschaubar raffiniert sein darf, wenn sich ihrer ein Ausnahmekönner annimmt und sämtliche Figuren mit einem Traumensemble besetzt: Gaspard Ulliel als einmalig heimkehrender Sohn Louis trifft auf Nathalie Baye als exaltierte Mutter, Léa Seydoux als die sich den Kopf wegkiffende kleine Schwester Suzanne, Vincent Cassel als herrisch unbeherrschter Bruder Antoine, der auch Marion Cotillard als dessen Frau Catherine als Beistellzierrat behandelt. Wow, was da an Einstellungen, Detailaufnahmen, Blicken und Spannungsmomenten hergestellt wird, ist einsame Spitze. Denn entgegen der Ereignisse – die während dieses einmal nach vielen Jahren wieder zuhause Vorbeischauens ebenso simpel vorhersehbar sind wie die Verteilung der Positionen und in der Folge auch die Reaktionen der Figuren – erzeugt die Filmsprache mit Licht, Musik und Bildauswahl, Erzählrhythmus, der auch Pausen meint, dem Spiel von unmittelbarer Nähe in der Szene bei gleichzeitig immenser Entfernung innerhalb der emotionalen Situation und der Ineinbezugnahme von beiläufigen Nichtigkeiten ein regelrecht cinéastisches Gesamtkunstwerk. Dabei ist der Filmtitel «Juste la fin du monde» höchsttrabend lakonisch – geht es doch um Gedeih und Verderb, was aber in dieser Familienkonstellation nie, nie, nie in eine Emotionalität kippen darf, weil die Contenance dies verlangt. Und weil ein sich Eingestehen gegenseitiger Liebe von allen für alle von sämtlichen Figuren verlangte, die eigene Rolle in diesem fragilen Gleichgewicht wie auch sämtliche Altlasten, den Groll, die Eifersucht und sogar die Heuchelei von Liebreiz oder Verständnis hinter sich zu lassen, um zum Kern dieses flüchtigen Augenblicks zu gelangen. «Juste la fin du monde» ist die erfolgreiche, wenngleich krampfhafte Gruppenverweigerung, sich von den der Situation entsprechenden Gefühlen überwältigen zu lassen, weil damit der Moment, alles Bisherige wie auch die Zukunft zeitgleich in den Abgrund stürzten.

 

«Juste la fin du monde» startet voraussichtlich am 29.12.

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