Generation Gratis

Du bist definitiv im Mittelalter angekommen, wenn du Dinge denkst wie, «früher war es einfacher, jung zu sein». Man ist nur so alt, wie man sich fühlt, aber manchmal fühlt man sich alt. Zum Beispiel, wenn es um die Digitalisierung der Gesellschaft geht. Nun bin ich definitiv keine Maschinenstürmerin. Eher im Gegenteil. Ich bin stets in Versuchung, wenn es um neue elektronische Gadgets geht, und ein digitaler Detox (also ein Handy- und Social-Media-Entzug) würde mir definitiv mal gut tun. Aber ich bin keine sogenannte «Digital Native».

 

Als Jugendliche hatten wir noch keine Handys, und die Telefone hatten Wählscheiben. Ich erinnere mich daran, wie ich als Studentin eine Freundin von mir, die an der ETH studierte, fragte, ob ich mal in den Computerraum der ETH kommen könne, um mal dieses Internet anzuschauen. Und dann enttäuscht war, weil ich es mir irgendwie grösser vorgestellt hatte. Dann – etwas später – besuchte ich das Seminar «Die Soziologie des Cyberspace» natürlich auch aus Interesse, aber auch um mir damit eine der begehrten Email-Adressen des Soziologischen Instituts zu schnappen. Eine anständige Email-Adresse war da noch eine Rarität, Pioniere hatten Adressen à la 345749572093@aol.com. Ich versuchte stundenlang, auf Windows 3.1. mit TrumpetWinsock Zugriff aufs Internet zu erhalten. Nach rund neun Stunden konnte ich mich dann endlich soweit aufs Internet einwählen, dass ich selbige Emails auf Telnet (einer reinen Textkonsole) anschauen konnte. In der Studierendenzeitungsredaktion hatten wir eine Standleitung, was eine Sensation war. Und am Ende meiner Studierendenzeit war ich Online-Redaktorin bei Bluewin. Wir betrieben eine Musikseite, in der wir Chats mit Prominenten anboten (bei denen aber mit Ausnahme von Nella Martinetti praktisch keiner beim Publikum zog) und Live-Übertragungen (in Briefmarkengrösse) von Konzerten zeigten. Das Internet ist also kein «Neuland» – wie es Angela Merkel bezeichnete – für mich. Aber eben, ich weiss noch, wie es vorher war.

 

Daran musste ich denken, als ich die Delegiertenversammlung der SP Kanton Zürich besuchte, in der ein Positionspapier zur Netzpolitik diskutiert und verabschiedet wurde (das Positionspapier wird nächste Woche im P.S. vorgestellt). Fragen der Privatsphäre, Netzneutralität, Überwachung, Jugendschutz oder Urheberrecht haben eine grosse Bedeutung im ganz realen Leben. Trotzdem scheint es nur eine Minderheit zu interessieren. Vielleicht, weil viele denken, Netzpolitik sei zu kompliziert und zu technisch. Es ist daher eine gute Sache, hat sich die SP Kanton Zürich dem Thema angenommen (die Grünen sind schon etwas länger dran).

 

Zwei Dinge gaben an der Delegiertenversammlung zu reden: Zum einen die Position zum BÜPF, dem Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs, und zum anderen das Urheberrecht. Das BÜPF wird schon seit längerem kontrovers diskutiert, insbesondere in der SP. Die Juso stellen sich vehement dagegen und kritisieren insbesondere die Verlängerung der Vorratsdatenspeicherung und den Einsatz von Staatstrojanern. Parteipräsident Christian Levrat möchte dem Gesetz gerne zustimmen.

 

Unter Vorratsdatenspeicherung versteht man die Speicherung von Verbindungsdaten durch die Telekommunikationsdaten-Anbieter. Das Problematische daran ist, dass die Speicherung ohne Anfangsverdacht gemacht wird. Also ohne, dass es konkrete Hinweise auf ein Verbrechen gibt. Die Vorratsdatenspeicherung soll der Verhinderung von Straftaten dienen und ebenso der Strafverfolgung. Ein Staatstrojaner ist eine staatliche Software, mit der der Computer eines Verdächtigen über Fernzugriff durchsucht werden soll. Besser bekannt sind wohl die ‹normalen› Trojaner, schädliche Programme, die auf dem Computer des ahnungslosen Opfers Passwörter suchen. Staatstrojaner kamen beim Fall der Linksaktivistin Andrea Stauffacher zum Einsatz, mit einer Spezialsoftware wurde ihr Email-Verkehr überwacht. Die Frage, wieviel Freiheit für die Sicherheit zu opfern ist, oder umgekehrt, wie viel eine Sicherheit ohne Freiheit wert ist, ist eine schwierige Frage, die in der SP schon immer kontrovers diskutiert wurde. Persönlich bin ich der Meinung, dass es auch einer staatstragenden Partei gut ansteht, den Staat mitunter kritisch zu betrachten.

 

Die Frage des Urheberrechts von künstlerischen Werken ist ebenfalls keine einfache. Im Positionspapier fordert die SP eine Verkürzung der Dauer des Urheberrechts, weil die lange Dauer – analog bei den Patenten – Innovation verhindere. Das Problem ist aber meines Erachtens weniger, ob der Urheberschutz 70 oder 50 Jahre nach dem Tod erlischt. Das Problem ist nicht die Dauer des Schutzes, sondern die Missachtung des Rechts. Also insbesondere der Gratiskonsum via Downloads von Musik und Filmen. Die Verkäufe der Musikindustrie sind in den letzten Jahren massiv zurückgegangen. Die verkauften Downloads via beispielsweise iTunes kompensieren den Ausfall der CD-Verkäufe nur zu einem Teil. Und neue sogenannte Streaming-Angebote wie Spotify ersetzen nur einen Teil der bezahlten Downloads. Es generiert also keine zusätzlichen Käufer, der Kuchen der Leute, die bereit sind, etwas für Musik zu zahlen, ist schlicht kleiner geworden. Der Filmindustrie geht es ähnlich, bei den Büchern droht nun dieselbe Entwicklung. Und es ist tatsächlich eine Generationenfrage. Viele Junge sind gewohnt, dass man im Internet alles gratis findet. Ein früherer junger Mitarbeiter von mir erzählte einmal der Runde am Mittagstisch von einem Film, der gerade eben im Kino angelaufen war und den er natürlich schon gesehen hat – gratis heruntergeladen. Auf meinen Einwand hin, dass man Kunst nicht klaue, meinte er, das sei so ein Hollywood-Streifen, und die hätten doch genug Geld. Auf die Idee, dass die nur genug Geld haben, weil es immer noch Leute gibt, die ein Kino-Ticket oder eine DVD kaufen, kam er nicht. Das Argument ist ein bisschen ähnlich wie, dass es unanständig sei, im Quartier-Lädeli zu klauen, aber im Grossverteiler komme es nicht drauf an. Jetzt mag es schon sein, dass es der einzelne Ladendieb dem Quartier-Lädeli mehr schadet als der Migros. Aber wenn es eben jeder und jede tut, dann muss auch der Grossverteiler seine Läden dicht machen.

 

Ich habe noch nie ganz verstanden, warum man sich zwar neue Schuhe, einen Wochenendtrip nach London oder ein gutes Essen leistet, aber zu geizig ist für ein Kino-Billet oder ein Zeitungsabo. Die Gratis-Kultur ist aber nicht einzig eine Frage der Digitalisierung. Letzte Woche forderte der junge Journalist Simon Jacoby, dass der Eintritt in Kulturinstitutionen gratis sein sollte. Die Gratis-Zeitungen, die die klassischen Tageszeitungen bedrängen, sind keine (reinen) Digitalprodukte.

 

Wie man in der Gratis-Kultur mit Kultur oder eben mit Medien noch Geld verdienen kann, ist eine der grossen Herausforderungen der heutigen Zeit. Denn ohne Einnahmen, ohne Geld, kann man nun mal keine Zeitung machen und keinen Film produzieren. Darum, liebe Leserinnen und Leser – abonnieren Sie das P.S. (auch wenn Ihnen das neue Layout nicht gefällt), gehen Sie ins Kino und kaufen Sie ein Buch (in dieser Zeitung hat es zu beidem reichlich Hinweise). Denn mit nur Gratis-Kultur und Gratis-Medien wäre unsere Welt ärmer, davon bin ich überzeugt.

 

 

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