Geld ist nicht das Problem

Für den Verein Umverkehr ist klar, wie eine der Abstimmungsfragen vom 9. Februar eigentlich lauten müsste: «Wollen Sie 1,1 Mia. verlochen?» Ja, der Rosengartentunnel mit Tram-Garnitur ist ein teurer Spass. Der Kanton rechnet ohne Abzug von allfälligen Bundessubventionen mit 788,6 Mio. Franken Baukosten, wovon 579,5 Mio. auf die rund 2,3 km Tunnel entfallen. 165,2 Mio. kosten die rund 3,1 km Tram. Doch sind die hohen Kosten das Hauptproblem? In der Politik ist es mit dem Geld etwa so wie mit der Ideologie: Ideologisch sind immer nur die anderen. Und nur die anderen werfen stets das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinaus, selbstverständlich für etwas, was wir gar nicht brauchen.

 

Nur dank zweispurigem Tunnel könne das Quartier Wipkingen wieder zusammenwachsen, nur dank neuem Tram werde der öV-Knoten Hauptbahnhof entlastet, sagen die Bürgerlichen. Die 1,1 Mia. Franken sind aus ihrer Sicht folglich gut investiertes Geld.Nur ohne dieses Megaprojekt mit seiner langen Planungs- und Bauphase liessen sich endlich griffige Sofortmassnahmen umsetzen, sagen die Linken: Lichtsignale, Velostreifen, Fussgängerinseln, Busbevorzugung, Temporeduktion und Spurabbau wären viel schneller und für einen Bruchteil der 1,1 Mia. verfügbar. Auf ein hässliches Tunnelportal in Wipkingen und ein bisschen Entlastung am Rosengarten, ‹kompensiert› durch Mehrbelastung bei den Tunnel-Ein- und Ausgängen, könnten die Linken hingegen gut verzichten.

 

Es geht also schon ums Geld, aber nicht darum, ob wir uns all die vielen Tonnen Beton leisten können. Das ist gemäss Abstimmungsbüchlein der Fall. Der Streit um die Kosten funktioniert vielmehr wie ein Schutzschild. Denn eigentlich müssten wir uns auch noch ein paar andere Fragen stellen: Woher wissen wir, dass im Jahr 2030, wenn der Tunnel frühestens fertig ist (das Tram folgt frühestens 2032), immer noch 56 000 Autos am Tag zwischen Hardbrücke und Bucheggplatz unterwegs sind?

 

Die Bürgerlichen bestellten im Kantonsrat auf Antrag der SVP schon mal eine zusätzliche Autospur im Tunnel zwischen Bucheggplatz und Milchbuck. Sie ist offiziell nur als Sicherheitsspur geplant. Ob sie dereinst nicht doch geöffnet und gebraucht wird? Die Diskussion um die zweite Röhre am Gotthard lässt grüssen… Den Passus, dass auch künftig ‹nur› 56 000 Autos auf der Rosengartenachse verkehren sollen, wollten die Bürgerlichen jedoch nicht im Spezialgesetz verankert haben, über das wir am 9. Februar abstimmen. Gleichzeitig betonen bürgerliche PolitikerInnen, es sei unbestritten, dass der künftig zu erwartende Mehrverkehr mit dem öV, dem Velo- und Fussverkehr bewältigt werden müsse. Wenn das so ist: Warum bauen wir nicht einfach für viel weniger Geld nur ein Tram? Das sei nicht mehrheitsfähig, sagen auch linke PolitikerInnen. Haben sie recht? Immerhin sind im Jahr 2010 die Volksinitiative «Rosengarten-Tram» und der Gegenvorschlag des Gemeinderats zur Volksinitiative «Rosengarten-Tram» kläglich entgleist: Die Volksinitiative erhielt nur 32,2 Prozent Ja-Stimmen, der Gegenvorschlag 34,4 Prozent. Woher wissen wir, dass das zehn Jahre später immer noch so ist? Die Antwort ist einfach: Man hat den Leuten damals Angst gemacht mit dem Schleichverkehr, der bei einer Kapazitätsverringerung auf der Rosengartenachse die Quartiere überfluten und ersticken würde. Käme heute nochmals eine reine Tramvorlage zur Sprache, würde wohl genau gleich argumentiert.

 

Werfen wir nochmals einen Blick ins aktuelle Abstimmungsbüchlein: «Rund 60 Prozent des Verkehrsvolumens auf der Rosengarten-/Bucheggstrasse sind Fahrten von einem Ort ausserhalb zu einem Ort innerhalb der Stadt Zürich oder umgekehrt. 34 Prozent der Fahrten werden dem städtischen Binnenverkehr und 6 Prozent dem Durchgangsverkehr zugeordnet.» Lastwagen, Reisecars und Camper, die plötzlich in der Tempo-30-Zone auftauchen, nein, das will niemand. Aber dieser Durchgangsverkehr macht nur sechs Prozent aus. Die meisten Autos auf der Rosengartenachse transportieren Menschen aus der Stadt hinaus oder in die Stadt hinein. Die meisten von ihnen dürften sich folglich in der Stadt auskennen. Und was machen Menschen, die sich auskennen? Sie suchen sich, wo immer möglich, ihre eigenen Wege – und weichen dazu auch mal in die Quartiere aus. «Freut euch, denn künftig nehmen sie den Tunnel!», sagen die Bürgerlichen. Doch leider können die Autos auf dem Weg vom Parkplatz vor dem Wohnhaus oder Geschäft zur Tunneleinfahrt nicht fliegen. Sie fahren durchs Quartier, verschwinden im Tunnel – und fahren erneut durchs Quartier an ihren Bestimmungsort.

 

Wir müssen den künftig anfallenden Mehrverkehr mit öV, Fuss- und Veloverkehr bewältigen, sagen die Bürgerlichen. Damit sagen sie für einmal dasselbe wie die Linken. Warum aber schliessen die einen daraus, dass wir unbedingt einen neuen Autotunnel brauchen? Und warum glauben auch die anderen nicht an ein Tram ohne Tunnel? Die Antwort ist einfach: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wer diesen Sommer am Flughafen mit den Leuten redete, fand zwar einige, die ein schlechtes Gewissen hatten: Im Klimajahr 2019 zu fliegen, war nicht gerade angesagt. Aber so schlecht, dass sie zuhause geblieben wären oder den Zug genommen hätten, war das Gewissen bei den meisten dann doch nicht. Vielleicht assen sie zur Kompensation ja ein bisschen weniger Fleisch…

Projekte wie das Rosengartentunneltram funktionieren ähnlich: Alle wissen, dass mehr öV, Fuss- und Veloverkehr angesagt wäre. Alle finden es gut, wenn der Nachbar auf den Bus umsteigt. Aber mir soll gefälligst keiner etwas vorschreiben!… Und weil man sich nichts vorschreiben lassen will, baut man lieber für die Gegenwart als für die Zukunft. Man will das behalten, was man hat. Das heisst, wenn man Autofahrerin oder Autofahrer ist. Wer jetzt schon Velo fährt und zu Fuss unterwegs ist, hat meist ziemlich viele Verbesserungsvorschläge auf Lager. Aber wo kämen wir hin, wenn wir das, was gemäss Sonntagsreden angesagt ist, in richtige Planungen mit Hand und Fuss einfliessen liessen?

Wir müssten dereinst tatsächlich tun, wovon wir schon viel zu lange reden! Dass es uns sehr viel Geld wert ist, alles so zu lassen, wie es ist, versteht sich da von selbst. Und sollte uns die Klimajugend den Spiegel vorhalten, können wir uns immer noch dafür einsetzen, dass in Australien endlich ein Mega-Solarpark auf- und die Kohleindustrie abgestellt wird: Dass die im Jahr 2020 noch auf Kohle setzen! Unerhört!

Ach ja, der 9. Februar: Ich finde, wir sollten besser Nein stimmen, als automobile Tatsachen zu schaffen. Vielleicht liefert uns ja jemand aus Australien eine bessere Idee für die Rosengartenachse.

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