Gegen das Verdrängen – für tiefe Transformation

Umständehalber findet die Klima-Konferenz in Paris ohne Kundgebungen der Klimabewegung statt. Massenmedial ist eine Überflutung mit Aktualität fern vom eigentlichen Thema zu befürchten. Wer dazu Hintergründiges will, sollte eher in Buchhandlungen suchen.

 

Hans Steiger

 

Obwohl ich von rund 800 Seiten noch kaum ein Viertel gelesen habe, empfehle ich für die kommenden Tage und Wochen den eben erst erschienenen Wälzer von Hans Joachim Schellnhuber, dem Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Er hatte sich vor fünf Jahren vorgenommen, ein Buch über «die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff» zu verfassen. Mit dem Verlag waren knapp 300 Seiten vereinbart und «eine eher konventionelle Beschreibung des Klimaproblems» nach bewährtem Muster: Experte erläutert komplexes Thema auf anschauliche Art und warnt vor sich abzeichnendem Politikversagen.

 

Provozierend schiefes Bild

Nun liegt «Selbstverbrennung» vor. Schon der Titel hat es in sich: Provokativ und ziemlich schief. Wir, falls wir in den Industrieländern gemeint sind, werden von unserem bisherigen und gegenwärtigen Tun weitaus am wenigsten betroffen. Wir verbrennen die Zukunft der kommenden Generationen, und auch da schädigen wir zuerst Menschen weit weg. Oder ist mit dem gewählten Bild in umfassenderem Sinne die Menschheit als Gattung gemeint? Auch die würde nicht primär sich selbst, sondern einen Grossteil dessen verbrennen, was Gläubige gerne die Schöpfung nennen. So gesehen: Wie egozentrisch! Und dennoch ist dieser Titel gut. Weil er ins Auge springt, zum Nachdenken zwingt, mit brutaler Direktheit das Verdrängen des unheimlich unbequemen Themas wenigstens ein wenig erschwert.

Schellnhuber selber geht im Vorwort auf einen womöglich noch verquereren Bezug ein, den «der bewusst dramatische Titel» haben könnte: Selbstverbrennung als verzweifelter Protest. Doch er riskiere mit dieser Veröffentlichung weder Leib noch Leben, ja eigentlich nichts, setze als exponierter Experte allenfalls seine Reputation aufs Spiel, wenn er sich auf ein Terrain begebe, welches ihm lange als tabu erschien. Er sollte «im Normalbetrieb grösstmöglichen Abstand von den moralischen Dimensionen seiner Thematik» wahren. Doch das will er jetzt nicht mehr. «Nach rund dreissig Jahren der Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Klimawandels drängt es mich, umfassend Stellung zu beziehen. Die Befunde der Forschung sprechen inzwischen eine so eindeutige Sprache, dass wir die gelehrte Debatte über die saubere Trennung von Subjektivität und Objektivität hinter uns lassen können.» Und so beginnt er schon im Prolog mit einem starken, sehr berührenden autobiographischen Element, einem Blick zurück in seine Kindheit. Als der 1950 in der niederbayrischen Provinz geborene Autor nach dem Begräbnis der Mutter eine längere Wanderung durch seine alte Heimat unternahm, beelendeten ihn dort die Monokulturen einer jetzt kleinindustriellen Landwirtschaft, der baukulturelle Erosionsprozess, all diese «Anlagen und Infrastrukturen von zeitloser Hässlichkeit». Er hatte seinerzeit die Vorboten des «Wirtschaftswunders» kommen sehen, das danach «die liebenswürdig verwinkelte, jahrtausendgereifte Bauernlandschaft in eine Industriebrache überzuführen begann – aufgeräumt, übersichtlich, rechteckig, reizlos». Nur schon diese Passagen wären Grund genug für (m)eine Empfehlung. Sie hätten nichts mit dem Thema zu tun? Und wie!

 

Geschichte(n) einer Wissenschaft 

Auch das ursprünglich gesetzte Ziel wird im Buch erreicht. Es gibt informativen Einblick in einen überlebenswichtigen Wissenschaftszweig. Nicht alles muss da im Detail gelesen und verstanden werden; im Einzelfall mag eine der auf Tafeln eingefügten Abbildungen mit knapp zusammenfassender Legende genügen. Mit der einen oder anderen Formel wird eher spielerisch demonstriert, wie schwierig das Beurteilen eines Sachverhalts selbst für vermeintlich mit der Materie halbwegs Vertraute ist. Die zur Veranschaulichung und Vereinfachung gewählten Sprachbilder sind zuweilen wunderbar eingängig und komisch zugleich: Der kleine Planet, «unsere leicht kartoffelförmige Heimat», dessen elliptisches Taumeln um die Sonne von unzähligen Gravitationseinflüssen ferngelenkt ist, oder seine Polkappe, wo aus der «kilometerdicken Eis-Lasagne» historische und paläohistorische Umweltverhältnisse oft «jahresscharf» rekonstruiert werden können. Noch im Rückblick begeistert, rapportiert Schellnhuber, was Pioniere – mir fiel keine Frau auf – in diesem Forschungsbereich ohne Computer herausgefunden und an Theorien entwickelt haben, die erst viel später belegt werden konnten. Aber es wird auch auf Irrtümer, verbliebene Unsicherheiten, offene Rätsel hingewiesen. Svante August Arrhenius, der 1903 einen der ersten Nobelpreise erhielt, wird als «intellektuelle Kraftfigur» gewürdigt. Was er erkannte, dass nämlich «kleine Minderungen des atmosphärischen Kohlendioxids bereits erhebliche regionale Abkühlungen hervorbringen könnten», klingt heute wie ein Hoffnungsschimmer. Doch das wird dann «später im Buch genauer diskutiert». Das darauf folgende Kapitel befasst sich nämlich «zur Abwechslung» weder mit der Vergangenheit noch mit unserer Zukunft, sondern mit gegenwärtigem «Klimapalaver». Also mit der tagesaktuellen Frage, was die Weltgemeinschaft tut, um der Gefahr einer Klimadestabilisierung zu begegnen. «Die Antwort ist recht amüsant, zugleich jedoch höchst besorgniserregend.»

Leider muss ich hier ausblenden. Ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis noch, auf den dritten Teil des Werkes, wo der Autor in seiner umfassenden Betrachtung zum «Mark» kommt. Als aufschlussreiche Kapitelüberschriften stechen mir gleich «Falsche Ausfahrt: Anpassung» und «Falscher Film: Klimamanipulation» ins Auge. Aber auch «Flucht und Gewalt», «Arm und Reich» sowie «Klimaschutz als Weltbürgerbewegung».

 

Kurzanalysen von Alliance Sud 

Wer ein so dickes Buch nicht schafft oder meint, als gut informierter Mensch nur das derzeit Wichtigste in Kürze zu brauchen, dem oder der könnte ein schmales Bändchen helfen, in dem Peter Niggli mit dem Team der Alliance Sud die «Unübersichtlichkeit der Welt» (entwicklungs)politisch fassbarer zu machen versucht. Ausgegangen wird von den Kernthemen der Hilfswerke, die in diesem Bündnis zusammengeschlossen sind, also von der akuten Not, den Ungleichheiten, die unsere Welt spalten. Doch zum Schluss kommt ein kompaktes Kapitel zur Umwelt- und Klimapolitik. Da sei die Bilanz «nach mehr als zwanzig Jahren, in denen nachhaltige Entwicklung offizielles Ziel der Uno-Mitglieder ist», ernüchternd. «Und das Klimaabkommen vom Dezember 2015 reicht nicht aus, um den Klimawandel in menschenerträglichen Grenzen zu halten.»

Leider ist es nicht gewagt, dies schon vor der in Paris startenden Konferenz zu schreiben. Die wichtigsten Gründe der klimapolitischen Blockade werden genannt. Vorab eine global gegen die Nachhaltigkeit gerichtete Wirtschaftspolitik; der «real existierende Kapitalismus bleibt ohne Wachstum nicht stabil». TTIP und weitere Freihandelsinitiativen könnten die Fehlentwicklungen noch verschärfen. Und last not least trägt ein «Techno-Optimismus», der auf eine vermeintlich unbegrenzte menschliche Erfindungskraft setzt, zum Zögern vieler Regierungen bei. «Er ist auch die Rückfallposition aller Kreise, die als aktuelle und potentielle Besitzer fossiler Energien den Klimawandel relativieren bzw. ganz leugnen (lassen) und eine rasche Dekarbonisierung der Wirtschaft bekämpfen.» Ich war dankbar, dies hier so deutlich zu lesen; es scheint mir die von Grünen und Linken am meisten unterschätzte Gefahr.

 

Wahl der möglichen Wege

Ich fürchte allerdings, die Alliance Sud-Analyse, in der wichtigste Klimadaten und -trends auch in Grafiken festgehalten und auf die Schweiz bezogene Strategien skizziert sind, ist kaum in Buchhandlungen zu finden. Sollte dort die päpstliche Umwelt-Enzyklika liegen: Sie gehört beim Filtern der Klimaliteratur durchaus in die engere Wahl, schildert die Situation ungeschminkt, samt Klartext bezüglich Kapitalismus. Wobei uns Franziskus die Wahl möglicher Wege nicht abnimmt. Dazu nur bedingt tauglich ist ein Oekom-Band, der in ausführlichen Interviews «sieben Perspektiven zum Klimawandel» präsentiert. Der weite Bogen reicht von Hartmut Grassl, dem in Deutschland wohl neben Schellnhuber bekanntesten Klimaexperten, bis in die Kunstszene hinein. Wieder keine Frauen! Hans-Werner Sinn, «Faktor 4»-Weizsäcker und Mathias Binswanger markieren ökonomisch Haltungen von neoliberal bis nonkonform. Das könnte ja sinn- und reizvoll sein, um die Breite des Spektrums zu spiegeln. Bei der Feststellung, allen Gesprächspartnern sei «völlig klar», dass «Wirtschaftswachstum in seiner heutigen Form nicht auf Dauer weitergehen kann», liesse sich «immerhin» sagen. Doch das Bemühen, die Widersprüche optimistisch so zu glätten, dass am Ende ein Kompromiss in Sicht kommt, wirkt etwas konfus, wenn nicht naiv. «Ideen gibt es viele.» Sicher. «Wir können das.» Hoffentlich.

Der vom selben Verlag vorgelegte Vergleich von Carsten Kaven beschränkt sich auf vier «Pfade zur Nachhaltigkeit», für die – eben – vier Männer stehen. Altvater, Jänicke, Nair und Rifkin. Wer bereits Werke von ihnen kennt, erahnt die Differenzen. Hier werden sie nach gründlicher Darstellung der Positionen nicht verwischt, sondern konzentriert analysiert, um eventuell Defizite auch eigener Vorstellungen zu erkennen. Nair etwa bringt den Aspekt des Südens in die nach wie vor westlich geprägten Debatten ein, Altvater seine Zweifel an der Rolle des Staates – die Linke sollte mehr auf soziale Bewegungen setzen. Jänicke und Rifkin haben ihre je eigenen Vorstellungen von Modernisierung, zu denen skeptische Fragen zu stellen sind.

Eben wurde bei Oekom noch eine Schrift ausgeliefert, die zu einer umfassenden «Kritik der Grünen Ökonomie» ansetzt, und zwar sozusagen grün-intern, von einem Team der den deutschen Grünen nahen Böll-Stiftung. Das ist erstaunlich. Gerade dort schien sich in letzter Zeit jene nahezu blinde Innovationsgläubigkeit auszubreiten, die laut Vorschau beklagt wird. Gut zu wissen, dass die Diskussion anläuft. Sie führt weit über alte Fundi- Realo-Klischees hinaus. Bei dieser Publikation sind mit Barbara Unmüssig und Lili Fuhr endlich auch zwei Frauen zu nennen. Nach dem Lesen kurzer Auszüge im Internet möchte ich sagen: Mann merkt’s!

 

Blick auch auf tiefe Ökologie

Was nicht heisst, dass Männern generell die Fähigkeit abgeht, im Bereich der politischen Ökonomie und Ökologie über klassische strategische Konzepte hinaus zu denken, eine Schicht tiefer zu graben. Ein positives Beispiel dafür ist Gerhard Armanski, dessen Buch ich im Frühjahr schlicht übersah, obschon ich das Programm des klar links profilierten Verlages mit Interesse verfolge. «Monsieur le Capital und Madame la Terre» – klang das beim Überfliegen zu leicht, zu verspielt? Der an deutschen Universitäten als Kultur- und Sozialhistoriker mit dem Arbeitsschwerpunkt Gewalt in Europa befasste, 1942 geborene Professor nimmt wohl gerade dieses Hintergrundes wegen nicht nur den ökologischen Zustand unseres Planeten – die «Fieberkurve» – äusserst ernst, er sieht auch kommende soziale Bedrohungen, den global nie überwundenen Klassenkampf, der sich mit dem Klimawandel als zentraler Krise dramatisch verschärft. Als «ökosozialistischen» Linken kann ihn das nicht gleichgültig lassen.

Es gibt Passagen, wo der Autor offen seine Trauer um das bereits Verlorene zeigt. Die wachsenden Roten Listen bedrohter Arten schmerzen. An der Mehrheit der Menschen geht all das nicht spurlos vorbei; «man merkt schon, was läuft und unsere Produktions- und Lebensweise die Natur kostet».

Also scheut er Fragen nach mentalen, spirituellen Faktoren nicht, obwohl sie heikel und in der Linken verpönt sind. Auch die sogenannte Tiefenökologie sichtet er wie andere Ansätze kritisch, doch sie sind zu prüfen, wenn die gern beschworene grosse Transformation nicht oberflächlich bleiben soll. Und damit erfolglos. An einem in Deutschland nach langen Studien unter diesem Titel hochoffiziell proklamierten Projekt hat übrigens Schellnhuber als Experte mitgewirkt. Von den oben erwähnten Büchern gehen die meisten darauf ein. Armanski auch. Spürbar enttäuscht. «Der Berg kreisste und gebar eine Maus.» Die entscheidende Frage, jene nach den Kräften, welche den als notwendig erkannten gesellschaftlichen Wandel bewirken könnten, sei kaum gestellt und schon gar nicht beantwortet worden. Armanski kann das Versäumte ebensowenig leisten. Doch seine im besten Sinne weit schweifende Arbeit weist wenigstens auf wichtige, alte und neuere Strömungen hin. Interessierte finden zudem die lesenswerteste Literatur zum Thema aus den letzten Jahren und Jahrzehnten. Mit vielen anregenden Zitaten.

 

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. Bertelsmann, München 2015, 826 Seiten mit rund 100 farbigen Abbildungen, 31 Euro
Alliance Sud: Zur Unübersichtlichkeit der Welt. Entwicklungspolitische Analysen und Aktionen. Editions d’en bas, Lausanne 2015, 120 Seiten, 18 Franken
Anja Paumen / Jan-Heiner Küpper: It’s the Planet, Stupid! Sieben Perspektiven zum Klimawandel. Oekom, München 2015, 304 Seiten, 25 Euro
Karsten Kaven: Transformation des Kapitalismus oder grüne Marktwirtschaft? Pfade zur Nachhaltigkeit bei Altvater, Jänicke, Nair und Rifkin. Oekom, München 2015, 207 Seiten, 23 Euro. Auch bei Oekom neu erschienen: Barbara Unmüssig,      Thomas Fatheuer, Lili Fuhr: Kritik der Grünen Ökonomie. 192 Seiten, 15 Euro
Gerhard Armanski: Monsieur le Capital und Madame la Terre. Blauer Planet im Würgegriff. Verlag Westfälisches DampfbootMünster 2015, 265 Seiten, 25 Euro

nach oben »»»