Gedenken an ein dunkles Kapitel

Mit einem Video und Buch sollen der Opfer des Nationalsozialismus mit Zürich-Bezug gedenkt werden. Es handelt sich hierbei um ein Projekt der IG Transparenz, das ein dunkles Zürcher Kapitel dokumentiert und der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung steht.

 

Natali Abou Najem 

Die Opfer des Nationalsozialismus sollen nicht vergessen werden – das machten sich die Mitglieder der IG Transparenz zur Aufgabe. Es geht um Menschen, die in Zürich lebten oder einen Zürcher Bezug hatten: Die vorgestellten Menschen wurden entrechtet, verhaftet, deportiert und ermordet. Es sind Personen wie Léa Berr, die durch die Heirat mit einem Franzosen ihr Schweizer Bürgerrecht und somit den Schutz der Behörden verloren haben. Im Jahr 1944 wurde sie dann mit ihrem Mann Alain und ihrem zweijährigen Sohn sowie anderen jüdischen Menschen aus Frankreich ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert.Unmittelbar nach der Ankunft wurden sie ermordet. Die Schweiz wollte sich damals
nicht darum kümmern, da es sich um eine Ausländerin handle und nicht in die Angelegenheiten fremder Staaten einmischen wolle. Es geht um den Arbeiterbub Albert Mühli, der antifaschistische Flugschriften nach Wien brachte und dort verhaftet wurde. Es geht um die damals verbotene Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen, die im Milieu verkehrten, erwischt, ausgeschafft und ermordet wurden. Das Projekt gedenkt auch Menschen, deren Kunstwerke geraubt oder abgepresst wurden.

 

Erinnern gegen Rechts

Es sind vor allem jüdische Vorbesitzer von Bildern, die im neuen Gebäude des Kunsthauses Zürich hängen werden. Von den ungefähr 50 Impressionisten sind praktisch alle aus jüdischem Vorbesitz. Die IG Transparenz hat bereits im November letztes Jahr die Petition «Licht in die Kunstsammlung Bührle!» an die Zürcher Stadtpräsident Corine Mauch überreicht. Versprochen wurde eine frei zugängliche Dokumentation in der Eingangshalle des Kunsthauses.

Einerseits ist es eine Chance für Zürich, vorbildlich mit einer Kunstsammlung umzugehen, die eine dunkle Geschichte hat: Bührle, der mit der nationalsozialistischen Herrschaft und seiner Waffenproduktion stark verstrickt war und im Besitz von Raubkunst und Fluchtgüter und damit verbunden zur Vernichtung des europäischen Judentums war. Anderseits soll es weltweit ein Echo auslösen, wie mit Raubkunst umgegangen werden soll. Heinz Nigg hält fest: «Es ist eine Geschichte, die dokumentiert werden muss!» Nigg zitiert den Historiker Jakob Tanner, um die Dringlichkeit einer solchen Dokumentation aufzuzeigen: «Ebenfalls zu beobachten ist ein unsäglicher geschichtspolitischer Revisionismus. Wir haben in ganz Europa eine neue Rechte, die sich nationalistisch gebärdet und rasch rechtsextrem wird. Da gibt es einen Björn Höcke, der von einer «erinnerungspolitischen Wende von 180 Grad» spricht. Und ein weiterer AfD-Exponent, Alexander Gauland, erklärte, die Nazi-Zeit sei nur «ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte» gewesen. Das sind absolut skandalöse Aussagen. Da braucht es Gegenbewegung, auch Gegenwehr. Da sind wir als Bürgerinnen und Bürger einer demokratischen Öffentlichkeit gefordert. Das können wir nicht einfach wegstecken.» Durch die frei zugängliche Dokumentation in Zürcher Kunsthaus soll die Kunstsammlung mit historischen Erkenntnissen dargestellt werden, sodass sie von Schulen, interessiertem Publikum und der demokratischen Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden kann.

 

Momentan findet ein Crowdfunding statt, um dieses Projekt finanziell zu realisieren. Noch während zwei Wochen ist es möglich, die historische Aufarbeitung der Rolle der Schweiz während des Nationalsozialismus mitzufinanzieren. Es fehlen noch rund 17 500 Franken, welche online gespendet werden können. Zum Video wird begleitend ein Buch publiziert, welches das Video dokumentiert. Die Buchvernissage zum Video «entrechtet – beraubt – erinnert» soll am 18. November 2021 stattfinden. Die Stadt Zürich unterstützt das Anliegen der nichtstaatlichen Organisation IG Transparenz.

 

https://wemakeit.com/projects/entrechtet-beraubt-er- innert

 

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