Andreas Kirstein (Bild: zVg)

«Gebühren müssen massvoll sein»

Mit dem ehemaligen Fraktionspräsidenten Andreas Kirstein tritt der letzte Vertreter der ‹alten Garde› der AL im Zürcher Gemeinderat zurück. Was ihn in den zwölf Jahren im Rat bewegt oder auch geärgert hat, erklärt er im Gespräch mit Nicole Soland.

Sie haben mit 60 Jahren einen weiteren Karriereschritt gemacht und sind nun Direktor der Swiss Library Service Platform (SLSP): Ist das der einzige Grund für Ihren Rücktritt aus dem Zürcher Gemeinderat per 19. Juni?

Andreas Kirstein: Mein neuer Job ist sicher der Auslöser, sonst hätte ich wohl noch ein bisschen weitergemacht im Gemeinderat. Andererseits sind zwölf Jahre eine lange Zeit, und ich habe seit meinem Eintritt in den Rat zum zweiten Mal eine Familie gegründet: Meine Kinder sind zweieinhalb, neun und 24 Jahre alt. Die Anforderungen an meiner neuen Arbeitsstelle sind hoch, meine Arbeit dort ist total spannend, aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden.

Nach Niggi Scherr, Wädi Angst und dem ehemaligen Ratspräsidenten Mischa Schiwow hören nun auch Sie auf: Ist das der Anfang vom Ende der AL-Fraktion, wie man sie von früher her kennt – einer Gruppe von (hauptsächlich) Männern mit grossem Fachwissen und noch grösseren Klappen?

Es ist auf jeden Fall eine Wachablösung im Sinne eines Generationenwechsels: Auch wenn mein Nachfolger Christian Häberli ein bisschen älter ist als ich, so ist er doch ein Vertreter einer neuen Generation in dem Sinne, dass er noch nicht seit Gründung bei der AL ist. Wenn ich nur schon auf die letzten zwölf Jahre zurückblicke, stelle ich zudem fest, dass der Stil im Gemeinderat heute weniger Grosse-Klappen-orientiert ist. Das Parlament hat sich zudem zu einer Umgebung weiterentwickelt, in der sich hoffentlich Frauen etwas mehr wohlfühlen und sich auch in den Ratsdebatten einbringen, auch in unserer Fraktion: Sophie Blaser beispielsweise argumentiert auch rhetorisch brillant, und sie gehört zu den wenigen, die auch Bezug nehmen auf die Argumente der Gegenseite. So entsteht ein spannender politischer Diskurs.

Die AL hat bei den letzten Gemeinderatswahlen zwei Sitze verloren: Macht Ihnen das Sorgen?

Weniger als der Verlust der zwei Sitze machen mir die verlorenen Wähler:innenstimmen Sorgen. Andererseits gibt es stets konjunkturelle Schwankungen: Mal steht die eine linke Partei höher in der Gunst der Wähler:innen, mal die andere.

Bei der AL kommt aber erschwerend hinzu, dass sie sich nie sicher zu sein scheint, ob sie wirklich staatstragend sein will in dem Sinne, dass sie eine Gemeinderatsfraktion stellt und mit Richi Wolff schon einen eigenen Stadtrat hatte, oder ob sie nicht doch lieber eine Graswurzelbewegung bleibt…

Die AL ist sicher nicht staatstragend in dem Sinne, dass wir uns eine stetige Regierungsbeteiligung wünschen. Dass Richi Wolff Stadtrat wurde, war ein Glücksfall. Dies vor allem auch deshalb, weil wir über die Auseinandersetzung mit ihm als Stadtrat auch besser darüber informiert waren, was in der Exekutive läuft. Dadurch konnten wir unser politisches Profil schärfen, was unserer eigenständigen Politik zugute kam. Aber es war nicht immer einfach, vor allem dann nicht, als Richi dem Sicherheitsdepartement vorstand: Als Stadtratspartei hat man eine andere Rolle und muss auch ab und zu einen Kompromiss eingehen, dem wir sonst vielleicht nicht zugestimmt hätten.

Will heissen?

Wir sind uns treu geblieben, wir sind immer noch als Graswurzelbewegung im Lokalen aktiv, aber was wir tun, hängt natürlich immer auch von der ‹Konjunktur› der Bewegungen beziehungsweise lokalen Initiativen ab, mit denen wir im Austausch sind. Ein aktuelles Beispiel ist etwa der feministische Streik, der für viele in der AL wieder einen Anknüpfungspunkt darstellt.

Was hatten Sie sich vorgenommen, als Sie Parlamentarier wurden, und was ist daraus geworden?

Ich habe spätestens mit 20 begonnen, mich in der Politik zu engagieren, aber stets ausserhalb von Gebilden wie etwa Parlamenten. Ich hatte mir damals viel vorgenommen für mich als politischen Aktivisten und die Welt, doch leider ist wenig davon eingetroffen. Als ich schliesslich im Gemeinderat anfing, habe ich mir nichts vorgenommen ausser viel zu lernen und nicht zu viel dummes Zeug zu reden. Eine ehemalige SP-Gemeinderätin sagte anlässlich ihres Rücktritts, das Gemeinderatsamt sei ihre «beste bezahlte Weiterbildung» gewesen. Das kann ich unterschreiben: In meinen ersten beiden Jahren im Rat war ich Mitglied der Gesundheitskommission und musste mich mit Fallpauschalen herumschlagen. Es war extrem spannend, und es ist sogar etwas geblieben aus jener Zeit: Ich schlug per Postulat eine Pflegeverordnung für die Alters- und Pflegeheime vor, die damalige Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen hatte ein offenes Ohr dafür, und heute ist eine solche Verordnung etwas Selbstverständliches.

Sie waren auch dafür bekannt, zusammen mit Albert Leiser von der FDP gegen zu hohe Gebühren zu kämpfen.

Gebühren müssen stets massvoll sein, denn sie sind eine Art Kopfsteuern: Die Ärmsten zahlen vergleichsweise am meisten. Ob Abfall-, Abwasser- oder Wassergebühren, da gab es viel zu tun. Auch für eine vernünftige Energieproduktion und -verteilung habe ich mich eingesetzt: Die Integration von Energie 360°- und ERZ-Fernwärme ins EWZ beispielsweise hatte ich schon vor Jahren vorgeschlagen. Die acht Jahre als Fraktionspräsident haben mir viel Freude bereitet, auch wenn es ein sehr aufwendiges Amt war.

Was hat nicht geklappt?

Nicht gelungen ist bisher die Rekommunalisierung von Energie360°, das wurmt mich schon. Extrem schade finde ich es, dass in meine Zeit als Fraktionspräsident die Rücktritte von Ezgi Akyol und Christina Schiller fielen: Vor allem bei den verbalen Ausfällen von SVP-Mitgliedern gegen Ezgi hätte ich anders reagieren müssen.

Was werden Sie vermissen, und was müssten Sie nicht mehr haben?

Was ich nicht mehr haben muss, ist mitzuerleben, wie die SVP im Gemeinderat die Verluderung der Sitten vorantreibt: Gegen diese permanente ‹Störung des Unterrichts›, die Respektlosigkeiten und den vergifteten Tonfall ist kein Kraut gewachsen. Sonst werde ich vieles vermissen, vor allem aber, dass ich nicht mehr am Puls der Entwicklung unserer Stadt sein werde. Und dass ich nicht mehr austeilen kann – auch nicht gegen links, was durchaus ab und zu nötig war. 

25 Jahre sind nicht genug …

P.S. feiert eigentlich seinen 25. Geburtstag. Aber es könnte der letzte sein. Wir brauchen Ihre Hilfe.