Geballte Frauenpower

In den Ausstellungsräumen des Art Dock im ehemaligen Güterbahnhof kann man noch bis zum 18. August Kunst von hiesigen Frauen bewundern. Wie es mit den Räumlichkeiten weitergeht, bleibt indes unklar.

 

Tobias Urech

 

Eine Frau zu sein und obendrein noch Künstlerin, schien lange Zeit ein Ding der Unmöglichkeit. So verweigerte man den Frauen im 18. und 19. Jahrhundert beispielsweise den Besuch von Kunstakademien wie der Académie des Beaux-Arts in Paris oder der Royal Academy of Arts in London. Und waren gewisse Frauen in Ausnahmefällen dann doch zum Studium an einer Akademie zugelassen, so durften sie den wichtigsten Kurs – Aktstudium – nicht besuchen. Zu unerhört wäre es gewesen, hätte man die Frauen den nackten Körpern ausgesetzt. Ohne Aktstudium allerdings konnten die angehenden Künstlerinnen keine Historienbilder malen, die zu dieser Zeit als Königsdisziplin unter Gemälde-Genren galten. Und auch die wenigen erfolgreichen Künstlerinnen dieser Zeit – Angelika Kauffmann, Rosa Bonheur und weitere – gerieten nach ihrem Tod bald wieder in Vergessenheit und fristen ein kunsthistorisches Schattendasein. Denn Kunsthistoriker interessierten sich lange nur für Künstler, nicht aber für Künstlerinnen.

Dies änderte sich erst allmählich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit starken Frauenfiguren wie der Grafikerin Käthe Kollwitz, der Expressionistin Helen Dahm oder der Zürcher Dadaistin Sophie Taeuber. Sie erkämpften sich Anerkennung und Gleichberechtigung in der damaligen Männerdomäne Kunstwelt. Genau diese Entwicklung möchte die Ausstellung im Art Dock beim ehemaligen Güterbahnhof in Zürich aufzeigen. So manifestiert sich die geballte Kraft der kämpfenden Frauen in den unterschiedlichsten Werken aus verschiedenen Jahrzehnten.

 

Durch die Jahrzehnte

Die Kunsthistorikerin Bice Curiger eröffnete vergangenen April die Ausstellung und schwärmte in ihrer Rede: «Wir erleben hier eine aufregende kunsthistorische Lektion oder Impulsgebung für kommende Geschichtsschreibung.»

Eine zentrale Figur in der Ausstellung und historischer Fixpunkt ist Helen Dahm (1878 – 1968), die während ihrer Studienzeit in München von der expressionistischen Avantgarde um den Blauen Reiter geprägt wurde. Ab 1918 wurde sie in Oetwil am See sesshaft und beschäftigte sich neben dem Malen ihrer expressionistischen Bilder auch mit Kunstgewerbe und Design. Als erste Frau erhielt sie im Jahr 1954 den Zürcher Kunstpreis.

Ebenfalls ein weiterer zentraler Punkt der Ausstellung sind Werke der Webkunst. Art-Dock-Präsident Fritz Billeter schreibt im Leittext zur Ausstellung, dass die Webkunst lange von der Kunstgeschichte vernachlässigt worden sei, weil man sie als «weibliche Angelegenheit» als Randphänomen wahrnahm. Allerdings sei in den 1960er-Jahren in Zürich eine Avantgarde der Textilkunst entstanden, «die den Vergleich mit europäischen oder amerikanischen Künstlerinnen keineswegs zu scheuen braucht.» So erwartet die BesucherInnen dann auch unter anderem  ein überdimensionierter Wandteppich von Noomi Gantert oder Webarbeiten von Ruth Zürcher.

Beeindruckend sind auch die Werke gegenwärtiger Künstlerinnen. Es fällt auf, wie sich die Frauen mit ihrem Rollenbild auseinandersetzen und dieses in ihren Werken zersetzen. Zu nennen ist da beispielsweise die Fotografin und Videokünstlerin Yvon Baumann, die mit ihrer Fotoserie «Drag Kings» die Klischees um Weiblichkeit und Männlichkeit dekonstruiert, indem sie Frauen porträtiert, die – analog zu den allgemein bekannteren Drag Queens –überzeichnete Männer mimen.

Oder Lilian Frei, die als Reaktion auf die Verlegung des Zürcher Strassenstrichs nach Altstetten eine begehbare Sexbox kreierte, in den Zitate von Sexarbeiterinnen und Freiern zu hören sind.

 

Wie weiter?

Ob die Ausstellung «Frauen Power» eine der letzten Ausstellungen war, die das Art Dock im ehemaligen Güterbahnhof zeigen durfte, ist unklar.

Ursprünglich war geplant, dass das neue Polizei- und Justizzentrum (PJZ) Ende 2018 fertiggestellt werden sollte und Art Dock die letzten beiden Hallen des Güterbahnhofs bis Mitte 2016 freigibt. Allerdings verzögerte sich der Beginn der dreijährigen Bauarbeiten. So rechnet der Kanton mit einer Fertigstellung des PJZ im Jahr 2020. Gegenüber P.S. erklärt Vizepräsident Ralph Baenziger: «Schön wäre es, anzunehmen, dass Art Dock bis zur Fertigstellung des PJZ am jetzigen Ort weiterbetrieben werden kann.» Ob es allerdings bereits Verhandlungen mit dem Kanton gibt, möchte Baenziger nicht bestätigen.

Zu hoffen bleibt nun, dass die Frauenpower dem Offspace mitten in Zürich genutzt hat und dem Art Dock Schub verleiht, damit die Räumlichkeiten bis aufs Letzte ausgenutzt werden können.

 

«Frauenpower» im Art Dock
Hohlstrasse 258/260, 8004 Zürich
Ausstellung noch bis 18. August 2016
www.art-dock-zh.ch

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