Gastarbeiterkinderschicksale

Zwei Schwestern beugen sich mal wieder dem Zwang der Notwendigkeit, und während ihr Vater sie eine Nacht lang vor der Tür warten lässt, haben sie ausreichend Zeit, ihr Familienleben Revue passieren zu lassen.

 

Die Stückentwicklung der Teilnehmenden ist zwar dezidiert auf Kinder von griechischen Arbeitsmigranten der ersten Generation ausgerichtet, im Allgemeinen aber stehen ihre Schicksale auch exemplarisch für Italiener, Portugiesen, usw. 1958 kam der Vater (Claudio Schenardi) in die Schweiz zum Arbeiten und wartet jetzt, ein hartes, 43 Jahre dauerndes Hilfsarbeiterleben später, in seinem Haus in der Heimat darauf, dass seine Gattin nachkomme. Die Schwestern Ana (Eleni Haupt) und Dina (Dagny Gioulami) haben sich diese Reise genausowenig ausgesucht wie die Heimurlaube während ihrer Kindheit. Die jüngere Dina, ein Papakind wies im Buche steht, hat ihr Griechischsein weitgehend verinnerlicht und verherrlicht es bis nahe einer Verklärung. Die ältere Ana hat sich demgegenüber zeitlebens darum bemüht, all die damit verbundenen Klischees möglichst abzuschütteln und sich zu einer selbstständig agierenden Weltenbürgerin fortzuentwickeln.

 

Die Bruchlinie innerhalb ihrer geschwisterlichen Hassliebe ist universell. In diversen Szenen, in denen die beiden Schauspielerinnen die meisten Rollen übernehmen, spannen sie einen ganzen Lebensbogen, der die Grosseltern- und Elterngeneration miteinbezieht. Die klassische Zweiteilung einer Zugehörigkeit, unterteilt in die Ausländerkarte hier und jener der reichen Schweizer in Vaters Heimat, erschwert ein unverspanntes Verhältnis zum eigenen Dasein. Hinzu kommen an Nationalismus grenzender Vaterlandsstolz der Grosseltern und des Vaters hinzu, die in Direktkontakt etwa mit den Schweizer Behörden auch einfach nur peinlich werden kann.

 

Der Einernährer und sein Mannesstolz kann natürlich nicht auf den Rat der Gattin hören, ob diese nun recht hat oder nicht. Obschon die Schwestern aus derselben Generation stammen und einander ihre Geheimnisse, die sie in Notlügen und Ausflüchten gegenüber den Eltern als Schutzschild aufgebaut hatten, anvertrauen, sind sie untereinander auch die grössten Kritikerinnen. Denn schliesslich war das Familiengefüge griechisch geprägt, also war jede extraordinäre Selbstbehauptung auch ein kleiner Verrat am eigenen kulturellen Erbe. Die Gratwanderung zwischen Selbstdurchsetzung und dem Erfüllen der elterlichen Erwartung ist ein prekäres Unterfangen, das allerorts Prüfungen und Fallen aufstellt, sodass ein munteres Drauflosmarschieren kaum je möglich ist.

 

Die Erzählstruktur von «Takis Savvas hat sich nicht abgemeldet» ist dramaturgisch klug verschachtelt und hüpft in den Jahren, zwischen den Orten und unter den Beteiligten hin und her. Wer von den beiden Schwestern recht hat, ist ein zentrales Gerangel zwischen ihnen zwei. Etwa wenn es darum geht, welche Kennenlernlegende der Eltern stimmt: Die romantische, aber unwahrscheinliche oder die profane, dafür viele Ereignisse in der weiteren Entwicklung geradezu miterklärende. Das Bühnenbild aus einzelnen Kuben verwandelt sich im Verlauf des Stücks in eine alles trennende Mauer, die gleichermassen die Generationen wie das gealterte Ehepaar, aber auch die beiden Welten in zwei Ländern bedeuten kann. Die Wahl der richtigen Positionierung dazu ist eine Lebensaufgabe, wie sie hier in grosser Vielfalt von Situationen und Problemstellungen aufgefächert wird. Öffnen wird der Vater die Türe bis zuletzt nicht, aber das Publikum erfährt, was ihm zu beichten sich bislang noch niemand getraut hatte, aus Angst, ihn zu verärgern. Wahrheit kann relativ sein… Das Stück ist eine zärtlich-kritische Würdigung der MigrantInnen der ersten Generation und ihrer Familien und ein Knicks vor deren Vermögen, an den Herausforderungen nicht zerbrochen zu sein. 

«Takis Savvas hat sich nicht abgemeldet», bis 9.2., sogar Theater, Zürich (ausverkauft).

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