Galoppierender Stillstand

 

Welch fantastisches Konzentrat aus Alles und Nichts, Form und Inhalt, Aktion und Pause. Barbara Freys Inszenierung von Jon Fosses «Meer»  als deutschsprachige Erstaufführung ist Theaterzauber schlechthin.

 

 

Wir wollen immer alles und zwar jetzt, aber nur so, wies uns in den Kram passt, sonst lügen wir uns die Realität zurecht. Dieser Taschenspielertrick ist gleichzeitig Ersatz für eine Contenance wie Leiden an emotionaler Leerstelle. Die Kunst ist Irrgarten wie Orientierung zugleich und das Zwischenmenschliche, ach… das Zwischenmenschliche. «Meer» von Jon Fosse ist ein zeitloses Festhalten der menschlichen Bredouille von Wunsch und Wirklichkeit, vermeintlich altruistischer Liebe bei gleichzeitigem Erwarten von Ertrag. Wem das Risikospiel Leben zu abgründig scheint, bleibt der Rückzug in die Behauptung, die einem in der gesellschaftlichen Fremdwahrnehmung entweder zum Irren oder zum Helden macht.

 

Irrgarten Wohlgefühl

Muriel Gerstner baut ein Museum in den Pfauen, indem je nach Perspektive bis zu neunmal dasselbe Bild auf mindestens zwei hintereinander liegenden Ebenen zu sehen ist. Als Bildnis für einen Rückzugsort der Stille mit zusätzlicher Möglichkeit, sich der Erhabenheit von bildender Kunst in Reinform zu ergeben, den Barbara Frey in ihrer Inszenie-rung als solchen Ruhepol stehen lässt, ihn jedoch ebenso als regelrechtes Labyrinth verwendet, in dem sich die Gruppe in Schwarmintelligenz zielgerichtet bewegen, sich aber einzeln oder als Paar ebenso verlieren kann, wird eine kongeniale Parallele zu Jon Fosses Text geschaffen. Das Gemälde, «Flussmündung» von Jan van Goyen, verändert sich ständig: Gleissendes Weiss, warmes Gelb oder das finale aus sich Hinausleuchten und alles andere Überstrahlen, auch die erschöpfte Menschheit, ist bloss die inszenierte Übersetzung der Vielschichtigkeit der abgebildeten Szenerie eines Segelschiffs in voller Fahrt: Droht Lebensgefahr auf offener See oder kündigt sich am Horizont bereits der rettende Hafen an? Zugeben, aus der elften Reihe lassen sich die Details dieses Gemäldes aus dem 17. Jahrhundert nicht ganz genau erkunden, aber was deutlich zu sehen ist, legt einen genügend grossen Boden, um darüber ins Sinnieren zu geraten. Passt prima, ist man doch zeitgleich von Text wie Spiel auf der Pfauenbühne nachgerade zur Gänze von wesensgleicher Inspiration erfüllt.

 

Ist ‹ich› individuell?

Der Text ist vielsagend wortkarg und Barbara Frey lässt mehrfach für Theaterverhältnisse ewige Minuten der Wortlosigkeit zu, in denen ein Blick, eine körperliche Regung das Weitererzählen ebenso exakt übernehmen, wie es das Wort könnte. Jon Fosse trifft das Dilemma des Daseins als Mensch auf den Kopf, was die Regisseurin mit ihrem Takt der Ensemble-Choreographie aufnimmt und in der Wirkung nachgerade verdoppelt.

Der Kapitän ist der Kapitän, was er mehrfach wiederholt und sich gleich selbst dabei ertappt. Er ist sich sicher, auf einem Schiff auf dem Meer zu sein, sodass er als Kapitän (Stefan Kurt) sich auf seine Erfahrung stützen, sich in Sicherheit wiegen und zugleich Herr der Lage sein kann. Der Gitarrenspieler (Jirka Zett) ist sehr viel jünger und augenscheinlich von der selbstsicheren Ausstrahlung des Kapitäns derart beeindruckt, dass er beginnt, sich an ihm ein Vorbild zu nehmen.

Allerdings nur, bis ein Mann (Claudius Körber) und eine Frau (Henrike Johanna Jörissen) sich als offensichtliches Liebespaar einfinden und beginnen, dem Eigenbrötlerischen des Beginns der beiden Herren die Ebene der emotionalen Verbundenheit zueinander hinzuzugesellen, was im älteren Paar (Susanne-Marie Wrage und Hans Kremer) eine Spiegelung im Alter und zudem eine Variation erfährt. Zur erotischen Liebe stösst hier auch die mütterliche. Und der Gitarrist ist der Suchende, dem jede neu auftretende Komponente Einladung zur Nachahmung ist. Die Intensität der Auseinandersetzung eines beanspruchten Daseins als singuläre Identität versus der einer Zugehörigkeit (in Variationen) zum universellen Menschsein ist bei allen auftretenden Figuren von sichtlich grosser Dringlichkeit. Der imaginäre Hafen aus dem Bild ist aber noch nicht in Sicht, alle sind auf hoher See und pflügen sich durch all die Wellen, die ein Leben schlägt.

 

(Vor)Urteilslos

Barbara Frey glückt der Geniestreich, den vielschichtigen Text von Jon Fosse in seiner Reduziertheit auf eine intuitiv erfahrbare Ebene zu transferieren, die in ihrer Konzentration alle Sinne gleichsam fordert wie befriedigt. Im engsten Sinn hat «Meer» keine Handlung, obschon das Ineinanderspielen sämtlicher Ebenen gerade Sinn exemplarisch darstellt wiewohl zur Disposition stellt. Menschsein ist so. Banal, komplex, widersprüchlich, klar, schön, furchtbar, freudig, kränkend, hoffnungsfroh und desillusioniert. Kaum eine Regung wird hier ausgelassen und keine der Figuren in der Ernsthaftigkeit ihrer Intentionen vorgeführt – alles steht  als egalitär beieinander; gleichzeitig, wiederkehrend oder einmalig. «Das Meer ist einfach etwas was ist», steht auf dem Programmheft und meint Menschsein. Ein Steilpass für philosophisches Selberdenken bei gleichzeitiger Augenweide, was ein nachhallend wärmendes Wohlgefühl auslöst und rundum begeistert.

 

«Meer», spielt mindestens bis im Februar 2016,  Pfauenbühne, Schauspielhaus, Zürich.

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