- Im Kino
Galionsfigur
Kurz vor dem tragenden Staatsakt zum 30. Jahrestag des Mauerfalls glaubt der ‹Fakt›-Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich) an einen Sensationsfund, der ihn die Karriereleiter hinaufspülen werde. Für viel Geld kauft er Micha Hartung (Charly Hübner), einem früheren Stellwerker der Deutschen Reichsbahn, die Räuberpistole ab, die bereits 1984 medial hochgehängte «Massenflucht» alias Irrfahrt einer S-Bahn habe auf einem Plan beruht. Hartungs Plan. Landmanns Eifer unterschlägt die Kenntnisnahme deutlicher Signale von Einwand und Zweifel. Das Magazin tapeziert ganz Berlin mit seiner Sensationsstory, was sämtliche staatstragenden Organe bis hin zum Bundespräsidenten (Bernhard Schütz) blindlings überschwänglich freut. Auf TV-Auftritte und Gedenktafeln folgt die ehrenvolle Bitte, die grosse Jubiläumsrede zu halten. Sogar eine amouröse Verbindung zu einer damals in diesem Waggon befindlichen Frau (Christiane Paul als Paula Kurz) könnte sich möglicherweise anbahnen. Dabei war Hartung bloss extrem klamm, als dieser Reporter mit seinem suggestiven wilden Gefasel in seiner Videothek aufschlug und sagte einfach nicht nein. Alle sind aus dem Häuschen. Der tatsächliche DDR-Dissident Harald Wischnewsky (Thorsten Merten) fühlt sich seines grossen Auftritts beraubt und bequatscht den Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Holger Röslein (Dirk Martens), diesen Quatsch mittels Tatsachenberichten entkräften zu helfen, wobei sie auf die Hilfe des ehemaligen Stasi-Granden Fritz Teubner (Peter Kurth) angewiesen sind. Die Vermarktungsmaschinerie läuft weiter: Buch, Film … Bloss Hartung wirds gemächlich richtig unwohl in seiner Brust. Wolfang Beckers letzter Film «Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse» nach dem Roman von Maxim Leo ist eine vermeintlich locker-flockige Unterhaltungssauce, die mittels einer Zufallsgalionsfigur die gesamte verlogene Heuchelei einer aktiven Geschichtsvergessenheit verballhornt.
«Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse» spielt in den Kinos Houdini, Movie.