Fundstück

Keinen Wikipedia-Eintrag, keinen Spotify-Account, aber Dank Stefan Haupt erhält der Musiker Walter Lietha jetzt einen Film.

Politisch links und rechts interessiert Walter Lietha nicht, ihn interessiert nur das grosse Ganze. Dennoch wurde er während der zweiten Welle der politischen Jugendunruhen der 1980er-Jahre als politisch potenziell aufwieglerisch eingestuft und seine Musik aus dem Radio verbannt. Er zog sich zurück, gründete die Buchhandlung Narrenschiff in Chur und widmete sich, flapsig formuliert, der Essenz des Lebens. 

Im August 2025 versammelte Corin Curschellas eine auffallend prominent besetzte Narrenschiff-Band und Walter Lietha persönlich zu (vollends ausverkauften) Konzerthommagen an den «Alpentönen» Altdorf, was Stefan Haupt aufgrund einer einprägsamen Jugenderinnerung an ebendiese Musik veranlasste, erstens diese Konzerte aufzunehmen und zweitens den heutigen Walter Lietha über dessen Einschätzung der eigenen Geschichte zu befragen. Für jüngere Musikerinnen wie Fatima Dunn und Sophie Hunger, mittelalte wie Michael von der Heide und erst recht für angejahrte wie Stefan Eicher, Dodo Hug, Bruno Spörri und Max Lässer war, ist und bleibt Walter Lietha eine unerschöpfliche Inspiration und eine regelrechte Institution. Selbst gibt er sich ausgeprochen bescheiden, wenn ihn Stefan Haupt zu Eigenlob herausfordern will. Das übernimmt die Riege der vielen anderen Musiker:innen indes noch so gern und überbietet sich mit aufrichtigen Ehrerbietungen. 

Dabei spricht eigentlich nichts dafür, dass sich jemand das Gitarrenspiel recht rudimentär selber beibringt und darüber die eigenen Gedankengänge in lyrisch-poetischer und universell daseinskritischer Weise zum Besten gibt und damit ein so grosses Publikum begeistert, dass sich die bürgerliche Ordnung darüber erschrak und überreagierte. Er sang von Freiheit in allen Facetten und vor allem für sämtliche Erdenbürger, entgegnete der Kalten-Krieg-Rhetorik eine lebensbejahende, ja beinahe trotzige Überlebensmotivation alias simple Freude und zog Parallelen von zunehmend baulicher Abgrenzung gegen alles Äussere mit einer mentalen Tendenz zur Verengung. Dabei wirken die Texte aus einer heutigen Perspektive fast schon als für Kinderlieder tauglich, so wie manch ein Mani Matter-Chanson. Vermutlich war es gerade diese subversive Kraft einer offenen Aufrichtigkeit, die ihn so etwas wie eine Karriere kostete. Aber diese, so scheints, interessiert ihn ebensowenig wie das zum Postengeschacher verkommene Politisieren. Grad so, wie Ehrgeiz ja auch mal eine verachtenswerte Eigenschaft war.

«Walter Lietha. Drum sing i grad drum», spielt in den Kinos Houdini, Movie.

(P.) S. O. S. !

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