Uschi Waser: «Es kann niemand bestreiten, dass wir dort eingesperrt wurden, und es kann niemand sagen, sie hätten von nichts gewusst.» (Bild: Gian Hedinger)

«Für die Verantwortlichen waren wir der Dreck der Landstrasse»

Als Uschi Waser 14 Jahre alt wurde, war sie bereits 27 Mal umplatziert worden. Waser ist eine der Betroffenen des Programms «Kinder der Landstrasse», mit dem die Pro Juventute mit Hilfe von Bund und Kantonen jenische Kinder von ihren Eltern getrennt hat und umerziehen wollte. Nun ist ein Buch über das Leben von Uschi Waser erschienen. Im Gespräch mit Gian Hedinger spricht sie über ihr Leben und weshalb sie sich manchmal wünscht, sie hätte die Akten nie gelesen.

Wie ging es Ihnen dabei, Ihre Lebensgeschichte als Buch zu lesen?

Uschi Waser: Eigentlich gut. Bei manchen Stellen bekomme ich zwar heute noch Hühnerhaut, aber ich sehe es als Teil meiner Aufarbeitung, dass meine ganze Geschichte nun veröffentlicht wurde.

Im Buch werden auch extrem intime Details aus Ihrem Leben erzählt. Es geht um sexuellen Missbrauch, die schwierige Beziehung zu Ihrer Mutter, Ihrer Familie.

Ich fand, wenn ich das mache, dann mache ich es vollständig, und diese Dinge gehören nun einmal zu meinem Leben. Es war schon lange mein Wunsch, dass meine Geschichte als Buch erscheint. Nicht weil ich finde, dass ich besonders wichtig bin oder weil ich einen Geltungsdrang habe, sondern weil meine Geschichte exemplarisch ist für die ganz vieler anderer Jenischer, die das Gleiche erlebt haben und heute nicht darüber sprechen können.

Das Buch beginnt damit, wie Sie 1989 als 37-Jährige Ihre Akten zum ersten Mal lesen und plötzlich einen ganz anderen Blick auf Ihr Leben bekommen. Wie schauen Sie heute darauf zurück?

Ich sage immer, es gibt zwei Uschis: Eine, bevor ich diese Akten gesehen habe, und eine danach. Zuvor hatte ich immer gedacht, ich hätte Glück gehabt. Ich war zwar mausarm, grösstenteils alleinerziehend, aber ich hatte eine gute Zeit. Ich hatte aus meinem Leben etwas gemacht, was viele mit meiner Biografie und den vielen Heimbesuchen nicht gedacht hätten. 

Dann las ich diese Akten und musste merken, dass ich – anders als ich immer geglaubt hatte – nicht nur wegen meiner Mutter in all diesen Heimen gelandet bin, sondern weil ich Jenische bin. In diesem Moment habe ich meine Unbeschwertheit verloren und nie mehr wiedergefunden.

Wünschen Sie sich manchmal, die Akten nie gelesen zu haben?

Ja, ich denke, im Nachhinein war der Preis, den ich für die Wahrheit bezahlt habe, zu hoch. Ich konnte danach nicht mehr die Mutter für meine Kinder sein, die ich zuvor war. Meine jüngere Tochter musste in eine Pflegefamilie, weil ich es nicht mehr geschafft habe, die Mutter von vorher zu sein.  Zeitweise dachte ich darüber nach, mich und meine Kinder umzubringen. Irgendwann fuhr ich mit dem Auto über eine Brücke und dachte mir dabei: «Uschi, was willst du machen, wenn du weiterleben musst?» Da entschied ich mich, zwei Dinge zu tun: Erstens wollte ich beruflich mit Kindern arbeiten und zweitens wollte ich mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen.

Als Sie gerade einmal ein halbes Jahr alt waren, wurden Sie von Ihrer Mutter weggenommen und in ein Kinderheim gebracht. Darum gibt es im Teil zu Ihrer frühen Kindheit viele offene Fragen: «Krabbelt das siebenmonatige Mädchen schon? Ist es eingeschüchtert?» Diese Fragen kann Ihnen niemand beantworten.

Nein, das kann mir niemand beantworten. Es gibt alleine über mein erstes Lebensjahr zwar 85 Seiten Akten, aber dabei ging es nicht um mein Wohlbefinden, sondern darum, wie man mich umerziehen könnte. Ich selber mag mich nicht daran erinnern und ich kann auch nicht behaupten, ich hätte jedes Mal geweint, als ich wieder in ein neues Heim versetzt wurde. Für mich war das einfach «Courant normal». Ich weiss aber noch, dass ich mir, als ich älter war, immer wieder gewünscht habe, dass ein Autounfall passiert und ich dann im Spital endlich erzählen könnte, was ich erlebt hatte. 

Alfred Siegfried, der Verantwortliche des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse», war zu dieser Zeit Ihr Vormund. Mehrere hundert Kinder standen unter seiner Vormundschaft. Haben Sie ihn einmal getroffen?

Soweit ich mich erinnern kann, nicht. Vielleicht musste ich ihm einmal die Hand schütteln, aber das wüsste ich nicht mehr. Er kannte weder mich noch meine Mutter, deren Vormund er ebenfalls lange war, aber er verfügte über uns. Wegen ihm kam ich übrigens überhaupt darauf, meine Akten anzufordern. Als damals über die «Kinder der Landstrasse» berichtet wurde, war nämlich stets nur von Fahrenden die Rede. Und ich dachte: «Fahrende bin ich ja nicht.» Als ich dann aber den Namen Siegfried hörte, erinnerte ich mich daran, wie meine Mutter früher manchmal mit einem Herr Siegfried telefonierte.

Das erklärte Ziel des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» war es, Fahrende zu Sesshaften umzuerziehen. Dabei war das bei Ihnen gar nicht der Fall?

Bei mir ist das komplett falsch: Meine Familie war eine sesshafte jenische Familie. Zur Fahrenden hat mich quasi das Hilfswerk mit den vielen Ortswechseln gemacht.

«Ich hatte nie den Hauch einer Chance», werden Sie im Buch zitiert.

So ist es. Für die Verantwortlichen waren wir der Dreck der Landstrasse.

Das zeigt sich etwa bei der Geschichte zum sexuellen Missbrauch. Ihr Stiefvater hat Sie jahrelang missbraucht, Ihr Onkel vergewaltigte Sie in der Nacht vor Ihrem 14. Geburtstag. Sie versuchten, sich zu wehren. Ihr Onkel wurde auf Bewährung verurteilt, für Ihren Stiefvater hatte es keine Konsequenzen. Was hat das mit Ihrem Vertrauen in die Justiz gemacht?

Mein Stiefvater wurde unter anderem wegen eines Schulaufsatzes von mir freigesprochen, in dem ich geschrieben hatte, dass ich eine grosse Fantasie habe. Das bestürzt mich heute noch. Das Gericht stellte fest, dass ich mir zwar nicht widersprach, aber behandelte diesen Aufsatz, der für die Schule gedacht war, als Beweisstück, dass ich eine Lügnerin sei. Ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige Mensch in der Schweiz war, der in einer solchen Situation einen unfairen Prozess erlebte. Deshalb verlange ich schon seit Jahren, dass endlich die Gerichtsverfahren von Zöglingen von Erziehungsheimen von dieser Zeit angeschaut werden.

Statt Ihres Onkels wurden Sie bestraft und wurden von Ihrer Mutter, bei der Sie zu dieser Zeit lebten, ins Heim «Zum Guten Hirten» in Altstätten eingewiesen. Wie ein Gefängnis sei das gewesen. Für das Buch sind Sie zurückgegangen an diesen Ort. Wie ging es Ihnen dabei?

Für mich war es ein Sieg. Wer hätte gedacht, dass ich einmal an diesen Ort zurückkehre und zeigen kann, wie die Türen ausgesehen haben, hinter denen sie uns einsperrten? Was mir besonders geblieben ist, ist diese eine Türe, bei der der Türgriff von innen entfernt und durch eine Stahlplatte ersetzt wurde. Ich habe extra ein Bild davon gemacht. Es kann niemand bestreiten, dass wir dort eingesperrt wurden, und es kann niemand sagen, sie hätten von nichts gewusst.

Im Buch ist beschrieben, dass Ihre Akten sich bei Ihnen zuhause stapeln und Sie die Kopien einiger Dokumente zu jedem Gespräch mitnehmen. Haben Sie Angst, dass Ihnen sonst nicht geglaubt werden könnte?

Das ist ein Punkt. Ich finde, es hilft auch, die Dimensionen zu sehen. Wenn ich beispielsweise einer Schulklasse zeigen kann, wie bereits in den ersten Jahren meines Lebens fast hundert Seiten Akten über mich angelegt wurden, können sie besser verstehen, dass das, was uns angetan wurde, nicht normal und auch nicht richtig war.

Mittlerweile erzählen Sie schon seit über 35 Jahren in der Öffentlichkeit Ihre Geschichte. Haben Sie noch Energie?

Auf jeden Fall, mittlerweile belastet es mich auch nicht mehr so stark, davon zu erzählen. Mich würde eher das Schweigen kaputt machen. Diese Geschichte muss an die Öffentlichkeit. Genau so wie sie war. Es gibt immer noch so viele Menschen, die nichts von diesem Verbrechen an den Jenischen gehört haben. Und es gibt so viele Menschen, die das Gleiche erlebt haben und nun nicht hier sein können, um davon zu erzählen.

Haben Sie nach all den Jahren eine Erklärung für die Boshaftigkeit, die Menschen Ihnen entgegengebracht haben?

Die Antwort ist einfach: Sie sahen mich und alle anderen Jenischen nicht primär als Menschen, sondern als «Zigeuner» und somit waren wir wie Dreck für sie. Schon im frühen Kindesalter hiess es in meinen Akten, ich tue dies und jenes, weil ich ein «Vagantenkind» sei. Für die Verantwortlichen der Aktion «Kinder der Landstrasse» kam ein «Zigeuner» als Lügner auf die Welt und ging als Lügner von der Welt. Deshalb versuchten sie, uns umzuerziehen und das jenische Leben auszulöschen.

Uschi Waser öffnet ihre Tasche und nimmt aus einer Mappe eine Karte hervor. Sie habe diese Karte selber gemacht, um zur Veröffentlichung des Buches etwas zu haben, das sie verteilen könne. Auf der Vorderseite ist ein Bild von Uschi Waser zu sehen. «Verschweigen ist keine Option. Die Scham über meine Akten wird mich bis zum Tode begleiten», steht darunter. Ihren Namen habe sie bewusst weggelassen: «Es soll nicht um mich gehen. Ich bin eine von vielen, die dasselbe erlebt haben.» Auf der Rückseite hat sie Zitate aus ihren Akten abgedruckt:

«… typische Eigenschaften von Vagantenkindern»

«… ausgesprochene Schwererziehbarkeit»

«… moralisch sehr schwierig»

«… weil sie es ausgesprochen auf die Buben abgesehen hat»

Silvia Süess: Reden, um nicht zu ersticken, Uschi Waser – die Lebensgeschichte einer Jenischen. Rotpunktverlag, 2026, 264 Seiten, ca. 32 Franken.

Kinder der Landstrasse

Vor 100 Jahren initiierte die Pro Juventute die Aktion «Kinder der Landstrasse». Mit dem Projekt wollte die Organisation die Kinder von jenischen Familien assimilieren und nahm sie den Familien weg. Ein Grossteil der Betroffenen wuchs in Kinderheimen und Pflegeanstalten auf. Bis 1973 nahm die Pro Juventute unter Mitwirkung kommunaler und kantonaler Behörden und mit finanzieller Unterstützung des Bundes nachweislich 586 Kinder gegen den Willen der Eltern aus ihren jenischen Familien weg. Wie viele weitere Betroffene auf Anordnung von Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden sowie auf Betreiben weiterer karitativer Organisationen wie etwa des Seraphischen Liebeswerks fremdplatziert wurden, ist bis heute unklar. Viele Akten wurden vernichtet oder sind wegen Schutzfristen nicht zugänglich. Betroffenen­organisationen schätzen, dass bis zu 2000 Kinder betroffen waren.