- Stadt Zürich
Fressstadt macht Kunst platt
«Die Würfel sind gefallen. Blaue Wunder geschehen auch in Zürich, selbst auf der Brache des ehemaligen Güterbahnhofs», freut sich der Spiritus Rector des Art Docks, Ralph Bänziger. Vor ihm auf dem Tisch liegen Farbtuben. Sie enthalten ausschliesslich blaue Farbe in allen Schattierungen, denen er Namen gibt, wie sie kaum auf den Tuben stehen dürften: Baby-Blau, Honig-Blau, Katastrophen-Blau, Erlöser-Blau, Transzendenz-Blau…
In seiner Ansprache zur Eröffnung der neuen Ausstellung «Impact Spring 26» kam er am Sonntag allerdings nicht gleich auf die «blaue Periode» des Art Docks zu sprechen: Erst stellte er das Fressen vor die Moral, wenn auch nur vordergründig. Denn just zwischen Art Dock und PJZ eröffnete letzten Samstag mit der «Remise Rosa» gewissermassen ein zweiter Frau Gerolds Garten, einfach auf der anderen Seite der Gleise (hinter Garten und Remise stehen dieselben Leute). Folgerichtig schlug Bänziger vor, statt rund 20 Stutz für Bratwurst, Kartoffelsalat und Bier dorthin zu tragen, könnte man Wurst, Salat und Bier auch für fünf Franken im Denner posten und die restlichen 15 im Art Dock in den Spendentopf werfen.
Wiederaufblühen, weitermachen!
Dann wurde er ernst: Es sei «echt bedenklich bis arg schlimm», dass aus unserer «einst frisch machenden und aufblühenden Kulturstadt eine müd- und schlapp- und Geld-machende Fress-Garten-Stadt» geworden sei. Das wollten er und seine Mitstreiter:innen «mit dem Wiederaufblühen und Weiterführen von Art Dock» ändern. Und das sei auch dringend nötig, denn «Art Dock lag schon röchelnd auf der Matte». Oder prosaischer ausgedrückt: Art Dock befindet sich bekanntlich in einer der letzten Hallen des ehemaligen Güterbahnhofs, der dem Bau des PJZ weichen musste, und diese Überbleibsel sind ebenfalls der Abrissbirne geweiht. Jedoch tritt diese nun nicht, wie ursprünglich geplant, bereits im Sommer in Aktion, sondern erst im Sommer 2027. Ob damit das letzte Wort gesprochen ist? So oder so brauche das Areal eine Kunst-Anreicherung, findet Bänziger: «Nur Schule und Justizpalast ist ein armseliger Nutzungsmix.»
In der Halle neben Art Dock sind zurzeit Zirkusquartier und Zirkus Chnopf daheim, die auch noch bleiben wollen. Remise-Rosa-Zwischennutzung und Kanti-Provisorium sind auf fünf bis sieben oder gar zehn Jahre ausgelegt. Es gibt also keinen Grund, weshalb das Art Dock früher weichen soll. Doch für das Gebiet, auf dem das PJZ und das Art Dock liegen, existiert ein kantonaler Gestaltungsplan (vgl. P.S. von letzter Woche). Der sieht einen Treppenaufgang zur Hardbrücke vor, und um den zu bauen, müssten die Hallen abgebrochen werden. Anfang April hat die kantonale Baudirektion für den Treppenaufgang ein Planer-Auswahlverfahren gestartet. Laut Zeitplan soll die ominöse Treppe ab 2028 gebaut werden.
Ungewisse Zukunft
Nun hat sich seinerzeit nicht nur der Bau des PJZ stark verzögert. Auch die Treppe und damit der Abriss des Art Docks standen schon mehrmals quasi vor der Tür: Am 16. März 2020 beispielsweise reichte der damalige AL-Gemeinderat Walter Angst ein Postulat ein, mit dem er den Stadtrat aufforderte zu prüfen, wie mit dem Baudirektor des Kantons Zürich ein Verzicht auf den Abriss der beiden noch stehenden Hallen des Güterbahnhofs vereinbart werden könnte. In seinem Postulat ist auch ein interessantes Detail nachzulesen: Ein Gesuch der Baudirektion, auf die Realisierung einer provisorischen Treppe zu verzichten, habe die Bausektion des Zürcher Stadtrats 2017 zurückgewiesen.
Bereits im Januar 2020 war zudem eine schriftliche Anfrage an den Stadtrat gegangen. In seiner Antwort vom 26. Februar 2020 schreibt er, gemäss Angaben des Kantons würden «für einen weitergehenden Erhalt der baufälligen Hallen unverhältnismässige Kosten entstehen». Der Stadtrat betont auch, der Kanton sei Eigentümer des Grundstücks und die erlaubten Nutzungen seien im Gestaltungsplan festgeschrieben. Er sei aber bereit, das Gespräch mit dem Kanton zu suchen, um «die Möglichkeit von Alternativen zum Abbruch» zu diskutieren. Ein Jahr später, an der Gemeinderatssitzung vom 17. März 2021, erwähnte Stadtrat André Odermatt dann beiläufig, dass der damals per Mitte 2021 geplante Abbruch verschoben sei (siehe P.S. vom 19. März 2021). Aber eben: Verschoben ist nicht abgeblasen, und deshalb steht das Art Dock erneut vor einer ungewissen Zukunft.
Katzenschlaue blaue Wunder
Damit zurück zu Ralph Bänzigers Vernissagen-Rede: Das Art Dock Zürich sei Heimat-, Zufluchts- und Begegnungsort für Künstler:innen, «und diesen Ort brauchen die Künstler:innen». Hier, mitten in Zürich, könne es noch zu- und hergehen wie einst in den Pariser Salons, wo sich die Künstler:innen trafen, sahen, woran die anderen gerade arbeiteten, Gedanken und Ideen austauschten und derart gestärkt zurück in ihre Ateliers gingen und den Pinsel mit neuem Schwung ansetzten. Aber eben: Das kann es nur, wenn Art Dock erhalten bleibt. «Zum Erwirken von blauen Wundern braucht es katzenschlaue Überlebensstrategien», sagt Ralph Bänziger. Eine Katze hat 6 Leben bei den Arabern, 7 Leben in Europa, 9 Leben bei den Angelsachsen – und 10 Leben «in der kreativen Neo-Mythologie von Art Dock». Und die blauen Wunder? Das erste blaue Wunder datiert er auf 1969, als es gelang, das Werk von Otto Müller zu retten, das zweite, als 2000 das Werk von Trudi Demut dazukam, und das dritte, als 2001 die Stiftung Demut/Müller gegründet wurde. Heute ist die Sammlung Otto Müller/Trudi Demut eine der Konstanten im Art Dock. Das vierte Wunder waren das Manifest der Zürcher Kunst und die Gründung des Trägervereins Art Dock, das fünfte die Verlegung in die Güterbahnhofhallen. Das sechste blaue Wunder geschah nach der Verhinderung des Abrisses – der Zirkus bekam die eine Halle des Art Docks, dem künftig entsprechend weniger Platz blieb. Das siebte Wunder war die Wiederauferstehung mit den sechs Plattformen von autonomen Kurator:innengruppen und deren Selektionen (siehe P.S. vom 12. Dezember 2025). Das achte Wunder ist die Verlängerung bis im Sommer 2027 – und vielleicht folgt ja gar das neunte blaue Wunder, die Verlängerung um sieben bis zehn oder gar mehr Jahre. Andernfalls beziehungsweise als Worst-Case-Szenario mit Auszug und Abriss der Hallen könnte sich Ralph Bänziger den Umzug in den bald frei werdenden Schlachthof vorstellen. Wobei er natürlich auch mitbekommen hat, dass es dort ebenfalls um Food gehen soll und nicht um Kunst.
Ins beste Licht getaucht
Umso mehr lohnt es sich, die Kunst im Art Dock zu geniessen, solange sie noch dort zu finden ist: Die Ausstellung «Impact Spring 26» umfasst 45 Positionen. In der Oblichthalle schwebt der über 30 Meter lange Fries von Kwang-ja Yang. Sie arbeitet darin ihren Lebensweg und den Koreakrieg auf, den sie als Mädchen miterlitten hat. Eine faszinierende Holzskulptur von Adrian Büttikofer profitiert speziell vom natürlichen Licht, das die Halle durch die Oblichter erreicht. Vor dem imposanten Werk von Vincenzo Baviera mit einer Metallkugel, die auf ihrer filigranen Konstruktion rollt, lässt es sich gut sinnieren. Sie rollt nämlich nur, wenn sie angestossen wird… Auf der Galerie finden sich 20 Positionen in der Ausstellung «Reality Retrospective». Auch den bereits in der Pandemie gestarteten «Kunstmeter» gibt es noch, er umfasst über 100 Positionen. In Gedenknischen für verstorbene Kunstschaffende finden sich über 20 Positionen, unter anderen von Jürg Altherr, Hannes Bosshard, Claus Bremer, Lilly Keller oder Elsie Wyss. In der Gleisallee mit 2200 Werken sind die Oeuvres von Trudi Demut und Otto Müller zuhause. Weiter finden sich dort Werkgruppen von Wahlverwandten. Genug Zeit einplanen, lautet die Losung. Es lohnt sich.
Weitere Infos und Öffnungszeiten: artdock.ch