Freiheit

Die NZZ ist in ihrem Selbstverständnis, glaubt man der letzten grossangelegten Werbekampagne, ein Blatt für Meinungsbildung und Debatten. «Es heisst Denkanstösse, nicht Denkanstüpserchen», steht auf einem der 2019 lancierten Werbemotive. Dass diese Denkanstösse manchmal auch gar platt daherkommen können, durften ihre LeserInnen diesen Montag erfahren. 

In einem Artikel «analysiert» Christina Neuhaus den Parteitag der SP, besonders aber den Freiheitsbegriff der SozialdemokratInnen. Mit ihren Forderungen nach kostenlosen Kinderkrippen, mehr AHV und höheren Löhnen für Pflegepersonal erfülle die Partei das Vorurteil, dass die SP Freiheiten nur auf Kosten anderer erkämpfen könne, polemisiert die Inlandchefin der alten Dame.

Dass sich die SP dem grösstenteils sinnentleerten Freiheitsbegriff annimmt, ist längst überfällig. Während die FDP Freiheit, im Sinne eines vulgären John Stuart Mill, als Eigenverantwortung bis zur unendlichen Pandemie versteht, ist die nationalkonservative Freiheit vor allem Abschottung und kulturelle Einfalt. Ein materialistischer Freiheitsbegriff, der einen Mindestlohn, einen Ausbau der Sozialhilfe und der Kinderbetreuung als Grundlage für ein selbstbestimmteres Leben im Kapitalismus sieht, fehlte bisher in der öffentlichen Diskussion.

Immerhin: Mit der feinsäuberlichen Auflistung der Forderungen ist das Parteiprogramm der SP in der NZZ verständlicher als im Positionspapier der Partei. Ob der wohlgemerkt nicht als Kommentar gekennzeichnete Artikel aber wirklich als Denkanstoss taugt, sei dahingestellt.

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