Fertig gelebt

Gut und Böse liegen nahe beieinander, was ja nun wirklich keine neue Erkenntnis ist. Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung, alles Paare, die Hand in Hand gehen, es ist wie es ist. Nur, jedes Mal, wenn ich es genauso auch erlebe, passiert es nicht mit dieser Selbstverständlichkeit, sondern mit einer naturgewaltigen Wucht hinterrücks, ohne Vorwarnung, und es ist immer furchtbar. 

So war ich an der Beerdigung eines Menschen, der viel zu früh gestorben ist. Da wäre noch so viel Leben zu leben gewesen, es war einfach noch nicht fertig. Hat man überhaupt jemals fertig gelebt, fragte ich mich in der Kirche in Bauma, während mein Blick über viele mir bekannte und liebe Gesichter in den Holzbänken streift, alles Menschen, die noch so viel Leben vor sich haben müssten. Werden sie das auch? 

Wenn ich an Beerdigungen gehe, und man tut es ja immer öfter, je älter man wird, dann sage ich mir jeweils, dass es ist, um Abschied zu nehmen. Dabei ist es etwas ganz anderes, ein Anfang nämlich. Ein Anfang der Erinnerungen an den verstorbenen Menschen, die einen fortan begleiten. Zu Lebzeiten denkt man weniger an die, die einem dann, wenn sie tot sind, ständig gedanklich begegnen. An Orten, an denen man gemeinsam war, in Erzählungen mit anderen, die ebenfalls erinnern. 

Aber ich bin abgeschweift, um Himmels Willen. Was ich eigentlich erzählen wollte, war, wie dann eben Leid und Freude aufeinanderprallten. Auf dem Rückweg von dieser Beerdigung, in der S-Bahn, wurde ich Zeugin eines ganz anderen Anfangs. Zufällig hörte ich nämlich, wie ein Abteil hinter mir ein sehr junger Mensch gerade diesen einen Anruf bekam. Der Lehrbetrieb, in dem er zuvor geschnuppert hatte, wollte wissen, ob er denn immer noch Interesse habe. Weil, wenn ja, dann würden sie sich freuen, ihn als Lernenden zu haben. Was für ein Anfang. Was für eine Freude. Der junge Mensch rief augenblicklich seinen Vater an, um ihm das mitzuteilen und ich sass, eben noch traurig, nun vorfreudig glühend einfach so da, ahnend, wie grossartig sich das anfühlen wird, wenn eines meiner Kinder dereinst diesen Anruf an mich machen kann. 

Das sind dann halt ein wenig viele Gefühle auf einmal, ein wenig zu viel Freude und Leid, die da absolut gleichzeitig und unerwartet auf der S26 von Bauma nach Winterthur aufeinanderprallten. 

Nun könnte man sagen, man gewöhne sich dran, das sei das Leben, aber eben, das stimmt so nicht. Denn nur etwa eine Woche später war ich wieder ungefähr gleich weit, ebenso unvorbereitet, mindestens so erschüttert. 

Es war ein Sonntag. Es hatte dieses Licht in der Küche, eine vielversprechende Sonne und es stellte sich das unbeschwerte Lebensgefühl ein, diese Leichtigkeit, wenn man merkt, dass der Tag noch vor einem liegt und man absolut keine Pläne hat und auch nicht die Absicht, noch welche zu machen. Meine Kinder lagen kreuz und quer auf dem Sofa im Wohnzimmer nebenan und waren ebenso sonntäglich, etwas Schönes war über allem und dann bekam ich eine Nachricht. Der ‹Blick› berichte, dass Natalie Rickli, SVP-Regierungsrätin, es abgelehnt habe, verletzten und kranken Kindern aus Gaza eine medizinische Behandlung in Zürich zu ermöglichen. Aus bisher unerklärlichen Gründen, sie äussert sich nicht dazu, sondern ist in den Ferien. 

Diese Nachricht brach über meine warme Stube herein wie ein Erdrutsch. Wie kann man Nein sagen zu so etwas? Als Gesundheitsdirektorin eines Kantons mit Spitzenmedizin, einem hervorragenden Kinderspital, genügend finanziellen Ressourcen, erst recht als Mitglied der SVP, die mit der Neutralitätsinitiative, wie sie schreibt, die «humanitäre Hilfe» und «guten Dienste» stärken will, was den Kern und die Identität unseres Landes überhaupt erst ausmache. Genau diese Person also, deren Partei so laut die guten Dienste und die humanitäre Tradition hochhält, sagt bei der erstbesten Gelegenheit Nein zur Aufnahme verletzter, kranker Kinder aus einem Kriegsgebiet. Kinder, die doch noch lange nicht fertig gelebt haben. 

Jetzt muss ich immer daran denken, dass wir auch hier ein Gegensatzpaar haben. Rickli auf der einen Seite, Menschlichkeit, gute Dienste und Humanitarismus auf der anderen.