Feministisches Bier: Wenn Hopfen und Malz noch nicht verloren sind

Ende Oktober findet die Frauensession statt. Dieses Jahr wird diese mit Bier geliefert, das vier Frauen gebraut haben. Warum das ein feministischer Akt ist, erklären die beiden Mitglieder des Vereins B.I.E.R. Selina Haeny und Katheryn Pietsch im Gespräch mit Natali Abou Najem. 

 

Der Verein B.I.E.R steht für Brauen, Inklusion, Gleichberechtigung und Respekt. Gegründet wurde er von der Braumeisterin Susi Lutz, der Brauerin Kathryn Pietsch und den zwei Bierliebhaberinnen Selina Haeny und Dylan Lieberherr. 

 

Der Erlös Ihrer Biere wird an die Alliance F gespendet. Wie sind Sie dazu gekommen, gemeinsam Bier für einen guten Zweck zu brauen? 

Selina Haeny: Mit unserem Verein wollen wir darauf aufmerksam machen, dass es immer noch vorherrschende Geschlechterunterschiede gibt. Wir feiern dieses Jahr das 50-jährige Jubiläum des Frauenstimm- und -wahlrechts. Mit unserer Spende an Alliance F, die sich für die Gleichberechtigung stark macht, möchten wir einerseits unsere Vorgängerinnen würdigen, die dafür gekämpft haben, anderseits auf die existierenden Missstände der Geschlechterungleichheit aufmerksam machen. 

Kathryn Pietsch: Die Idee einer internationalen Zusammenarbeit mit dem Verein G.l.o.w. stammt aus Kopenhagen. G.l.o.w. macht sich mit anderen Brauereien stark gegen den Sexismus in der Branche. Wir brauen unser Bier nach deren Rezept und sehen unser Bier als Teil dieser internationalen Bewegung. Obwohl auch die Schweizer Braubranche Sexismus kennt und ich beispielsweise als Brauerin von Männern nicht ernst genommen werde, betrifft es in der Schweiz nicht so viele Menschen. Hier ist die Braukultur eine Nische. Trotzdem wollen wir mit unserem Verein grosse gesellschaftliche Themen aufnehmen.

 

Auf welche Probleme in unserer Gesellschaft und der Geschlechterdiskussion wollen Sie aufmerksam machen?

S.H: Das Hauptproblem ist, dass es überhaupt noch ein Problem ist. Mir als berufstätige Frau wird noch zu oft die Frage gestellt, wie ich Beruf und Familie vereinen kann. Die beruflichen Perspektiven einer Person sind noch nicht geschlechterunabhängig. Auch richtet sich die Diskussion zu stark an den Frauen aus: Wir können nicht allein für unsere Gleichberechtigung kämpfen, es geht nicht ohne Männer.

 

Wenn ich an Bier denke, dann verbinde ich das mit Fussballspielen, die stark männlich geprägt sind. Oder mit sexistischer Werbung. Warum ist das so?

S.H: Hört auf, Getränke geschlechter­abhängig zu machen! Es ist nicht das Pro­blem des Biers, sondern das der Marketingabteilungen. Ursprünglich wurde Bier zuhause von Frauen gebraut.

K.P: Im Laufe der Industrialisierung verdrängten Männer Frauen aus dem Geschäft. Mich ärgert zudem der Begriff «Frauenbier». Bier ist ein Getränk für alle, und ob man Himbeeren im Bier mag, hängt vom eigenen Geschmack ab.

 

Wie kann das Getränk die Aufmerksamkeit auf das Thema Gleichberechtigung lenken? Kann ein Bier, abgesehen vom Namen ‹partiziBier›, überhaupt politisch sein?

K.P: Mit dem Kauf eines Biers, das eine Organisation unterstützt, ist es ein sehr einfacher Weg, etwas Gutes zu tun. Zudem ist Bier ein Medium, das Menschen zusammenführt. Es senkt auch die Hemmschwelle und macht es so einfacher, über schwierige Themen wie Gleichberechtigung zu sprechen. 

S.H: Bier als Getränk ist ein Teil der Stammtischkultur und den Diskussionen, die dort stattfinden. Viele heikle Themen werden momentan in den Sozialen Medien abgehandelt. Dort findet die Debatte anonym in einem emotionalisierten Ton statt.

 

Also kann Euer Verein B.I.E.R. einen Beitrag zur Gesellschaft beitragen, indem die Debatten von den Sozialen Medien hinweg geführt werden?

S.H: Gesellschaftlich trägt unser Ve­rein bei, dass mit von vier Frauen gebrautem Bier auf das 50-Jahre-Frauenstimmrecht angestossen und gefeiert werden kann, was von unseren Vorgängerinnen erreicht worden ist. Aber im Wissen, dass noch viel erreicht werden muss.

K.P: Wir haben bereits zwischen 8000 und 9000 Biere verkaufen können. Wenn es dann getrunken wird und über die Etikette zur Diskussion über Gleichberechtigung anregt, ist es schon mal ein Erfolg.

 

Wie war der Brauprozess und wo kann es gekauft und konsumiert werden? 

K.P: Es war ein Hürdenlauf mangels Unterstützung wichtiger Player! Dennoch konnten wir uns am 14. September in einer offiziellen Brauerei einmieten.

S.H: Wir haben kostendeckend kalkuliert und haben uns das ambitionierte Ziel gesetzt, die ganze Produktion zu verkaufen. Mittlerweile sind wir fast ausverkauft. Pro Bier haben wir einen Franken Marge aufgerechnet, der dann an die Alliance F als Spende geht.Auf das 50-jährige Jubiläum des Frauenstimm- und -wahlrechts können nicht nur Politikerinnen an der Frauensession anstossen: Verschiedene Lokale in Zürich werden unser Bier ausschenken, beispielsweise das Bierwerk Züri, Café des Amis oder in der International Beer Bar. Aber auch im feministischen Buchhandel Paranoia kann man mit dem Kauf von ‹partiziBier› einen Beitrag zur Gleichberechtigung leisten.

 

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