Feministischer Kampf in Chile  

Die Performance des feministischen Kollektivs LASTESIS sorgte im November 2019 weltweit für Schlagzeilen. Nun erscheint sein feministisches Manifest: «Verbrennt eure Angst!» Ein wütender Aufruf, sich der Bewegung für eine wahrhaftig gleichberechtigte und feministische Gesellschaft anzuschliessen.

 

Roxane Steiger

Die Performance «Ein Vergewaltiger auf deinem Weg» zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen in Santiago ging am 25. November 2019 weltweit viral. Hunderte von Frauen inszenierten einen choreografierten Protestsong mit verbundenen Augen auf den Strassen der chilenischen Hauptstadt. Darin denunzieren sie lautstark das Patriarchat, sexualisierte Gewalt und ihren unterdrückenden Machostaat. Hinter der Performance steckt das chilenische Künstlerinnenkollektiv LASTESIS (dt. die Thesen). Nun ist sein feministisches Manifest «Verbrennt eure Angst!» zum Weltfrauentag am 8. März erschienen. 

 

Kollektivschicksale 

Auf 150 Seiten teilen die Gründerinnen des Kollektivs ihre Erfahrungen unter der Devise: «Was eine von uns erlebt, erleben wir alle». Aus diesem Grund verwenden sie bei der Erzählung persönlicher Erfahrungen konsequent das Pronomen «Wir», um eine einfühlsame, politische und feministische Haltung auszudrücken. Sie erzählen von persönlichen und fremden Tragödien, nennen Namen von Opfern und Tätern sexualisierter Gewalt, ergänzt mit Fakten und Zahlen, die realisieren lassen, dass es sich bei diesen individuellen Geschichten um kollektive Schicksale handelt. Spürbar wird eine ständige Unsicherheit, die auf ein mangelhaftes Justizsystem zurückzuführen ist, das den Schutz von Frauen nicht gewährleistet. 

Oftmals bietet sich die Selbstorganisation als einzige Schutzmöglichkeit für Frauen, die tagtäglich von der Gewalt einer pa­triarchalen Gesellschaft betroffen sind. Beispielsweise sind Abtreibungen in Chile im Jahr 2017 aus drei Gründen, nämlich Lebensgefahr für die Mutter, keine Überlebenschance für das Kind und Vergewaltigung, legalisiert worden. Zuvor wie auch noch heute fanden und finden Abtreibungen im Verborgenen statt. Feministische Netzwerke und Organisationen besorgen Abtreibungspillen, während Privatkliniken jenen helfen, die das nötige Kleingeld mitbringen. Gleichzeitig schildern die Autorinnen plagende Schuldgefühle, die auf moralischer Manipulation beruhen. «Es werden lieber Mittel in eine Lebensschützer-Kampagne für ein paar Zellen gesteckt, als in Kampagnen zur umfassenden sexuellen Aufklärung», kritisiert das Kollektiv. «Im Vergleich zum Leben der Frauen wird der Fötus in besorgniserregender Weise romantisiert. Zugleich wird dir die Mutterliebe aufgebürdet, du wirst mit göttlicher Strafe bedroht und gezwungen, dich schuldig zu fühlen.» 

Seite für Seite zeichnet sich das Bild einer marktliberalen katholisch-konservativen Gesellschaft, in der Frauen und insbesondere jene, die sich den vorherrschenden Verhältnissen nicht fügen wollen, keinen Platz haben. 

 

Gegen den Strom

«Die Gesellschaften des globalen Nordens sind keine Inseln der Seligen.» In Frankreich ist Abtreibung nur bis zur zwölften Woche straffrei, in Polen will die Regierung Abtreibung fast vollständig verbieten und in Deutschland erlebt von hundert vergewaltigten Frauen nur eine die Verurteilung des Täters. Mit diesen Ausführungen holen die Autorinnen LeserInnen, die sich fernab der Lebensrealität von Frauen in Chile befinden, auf den Boden der Tatsachen und machen auf die Ursachen von weltweit verbreiteter patriarchaler Gewalt aufmerksam. 

Basierend auf den Überlegungen der feministischen Theoretikerin Silvia Federici, widmen sich die Autorinnen dem «fatalen Bündnis» von Patriarchat und Kapital. «Frauen bilden mit Kindererziehung und versklavender Hausarbeit das Fundament einer Pyramide, in der sie ansonsten an den Rand gedrängt würden». Diese vermeintlich aus Liebe getätigten und somit selbstverständlichen Fürsorgearbeiten entsprechen im patriarchalen System der «weiblichen Natur». Somit wird die Ausbeutung von Frauen unter der Maske der Liebe verhüllt. Ein Aspekt, der auch von der «Macho-Linken» gerne ignoriert wird und als zweitrangiges Anliegen neben dem Klassenkampf betrachtet wird. Gegen die Abstufung und Trennung dieser sozialen Kämpfe sowie die Verknüpfung von Rollenerwartungen und Geschlechtsnormen mit ihren Genitalien wehrt sich das Kollektiv ausdrücklich im Manifest.   

Die Frau gilt im Bündnis von Kapitalismus und Patriarchat als Hüterin der Privatsphäre. Dementsprechend ist für das Kollektiv der öffentliche Raum für Feminismus als Akt des Widerstands die wichtigste Bühne, um die bestehenden Machtverhältnisse wirkungsvoll anzuprangern. Die Aufgaben ihres Feminismus lauten: anklagen, Vorschläge machen und in allen Bereichen das zu hinterfragen, was über Jahrhunderte zur Norm geworden ist. «In diesem Sinne schwimmt der Feminismus ständig gegen den Strom», lautet die ernüchternde Diagnose. 

«Die Kunst ist die Stellung, aus der he­raus wir kämpfen und Widerstand leisten», erläutern sie im Manifest. Sie glauben an das Transformationspotenzial von kollektivierter Kunst, die vom Körper ausgeht und über gemeinsame Erfahrung zur eigenen werden kann. Mit der weltweit in der Öffentlichkeit übernommenen Performance «Ein Vergewaltiger auf deinem Weg» wurde ein Mitteilungsraum geschaffen, in dem deutlich wird, wie weit verbreitet und tiefgreifend patriarchale Gewalt ist. Deshalb versteht es das Kollektiv als seine Aufgabe, seine künstlerisch-aktivistische Arbeit fortzusetzen und feministischen Theorien, die vorherrschend akzeptierte Verhältnisse kritisieren und hinterfragen, eine Gestalt zu geben. 

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